zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 28. Juni 2007

Die Zukunft gehört den Leibärzten

Voraussagen sollte man unbedingt meiden, vor allem solche über die Zukunft, meinte Mark Twain. Matthias Horx sieht das anders, schließlich sichert der Blick in kommende Zeiten seinen Broterwerb.


Horx, Jahrgang 1955, gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Sein publizistisches Wirken erstreckt sich über 25 Jahre, er veröffent­lichte zahlreiche Bestseller. Mit der Ärzte Woche sprach der moderne Prophet über die Renaissance der Leibärzte, die Integration komplementärer Behandlungsmethoden und verstärkte Prävention als Basis eines künftigen Gesundheitssystems.

Wie wird sich das Berufsbild des Arztes bis zum Jahr 2025 entwickeln?
HORX: Unter den Allgemeinmedizinern wird es eine Renaissance der Leibärzte geben. Nach meiner Beobachtung entsprechen bereits jetzt etwa ein Drittel der praktischen Ärzte wieder dem alten Typus des Haus- oder Landarztes. Solche Leibärzte gibt es nicht nur im privaten Bereich, sondern auch unter Kassenärzten, die Zusatzleistungen anbieten. Sie machen auch Hausbesuche, kennen die ganze Familie und beraten die Eltern zum Beispiel im Bezug darauf, was sie gegen die Hypernervosität oder die Allergie eines Kindes tun können. Viele dieser Ärzte setzen nicht nur auf die klassische Schulmedizin, sondern zusätzlich auf komplementäre Methoden wie Akupunktur oder Homöopathie. Die genannten Therapien gelten zwar schon seit Jahrzehnten als Alternativen, aber erst seit Kurzem ist zu beobachten, dass sie von einer Mehrheit in der Gesellschaft akzeptiert werden. Neu ist auch der Ansatz, dass solche Methoden im Sinne einer integrativen Medizin zusätzlich zur klassischen schulmedizinischen Behandlung angewendet werden.

Derzeit ist der Arbeitsalltag zahlreicher Ärzte vor allem durch immer mehr Verwaltungsarbeit und die weiterhin zunehmende Bedeutung von medizinischer Technik sowie Spezialisierung geprägt. Wird sich dieser Trend ebenfalls fortsetzen?
HORX: Allzu hohe Spezialisierung hat zu einem System geführt, das darauf ausgelegt ist, Kranke zu produzieren. Konkret meine ich damit zum Beispiel, dass bei einem Menschen, bei dem sämtliche heute möglichen Untersuchungen durchgeführt werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein behandlungsbedürftiges Leiden gefunden werden wird. Das hängt vor allem auch mit den immer detaillierteren, aber nicht unbedingt immer treffgenaueren diagnostisch-medizintechnischen Möglichkeiten zusammen. Aus ökonomischen Gründen werden heute manchmal auch Krankheitsbilder neu erfunden. Ich denke hier zum Beispiel daran, dass Impotenz ab einer gewissen Altersgruppe bis vor Kurzem nicht als behandlungsbedürftiges Leiden galt. Seit es Viagra gibt, ist das anders.

In welche Richtung wird sich die Gesundheitsversorgung insgesamt entwickeln?
HORX: Voraussichtlich wird die Lebenserwartung weiterhin zunehmen, sodass wir in absehbarer Zeit mit einem Durchschnittsalter von 90 oder 95 Jahren rechnen können werden. Gleichzeitig steigt aber auch die Häufigkeit von chronischen Erkrankungen, von Diabetes bis zu Herz-Kreislauferkrankungen, deren Behandlung enorme Kosten verursacht. Deshalb wird es notwendig sein, dass die Prävention mehr Stellenwert bekommt und die Menschen zu einem aktiven, gesundheitsförderlichen Leben angeregt werden. Bestimmte Maßnahmen werden voraussichtlich gesetzlich verordnet werden, wie etwa ein Rauchverbot auf allen öffentlichen Plätzen. Außerdem werden wahrscheinlich Rationierungen bestimmter Leistungen notwendig werden. Ein Beispiel wäre etwa, dass sich die Krankenkassen überlegen werden müssen, ob sie einem 90-Jährigen eine künstliche Hüfte spendieren können.

Gesundheit wird auch immer mehr zum Geschäft. Wird die Wellness-Industrie ebenfalls weiter wachsen?
HORX: Diese Entwicklung sehe ich durchaus positiv. Die Bezeichnung „Wellness“ wird zwar manchmal für Geschäftemacherei verwendet, doch den Begriff gibt es schon seit den 60-er Jahren. Er steht eigentlich für nichts anderes als jenes Ausmaß an körperlicher Fitness, das notwendig ist, um unser Wohlbefinden aufrecht zu erhalten. Die Wellness-Branche wird sicher weiter wachsen, weil es auch ein zunehmendes Interesse der Mittelschicht gibt, sich gesund zu erhalten. Vor allem Konzepte, die auf eine ganzheitliche Prävention abzielen, werden in Zukunft mehr Bedeutung haben. Ich halte es für gut, wenn Ärzte in diesem Bereich tätig sind und Menschen dabei unterstützen, wie sie gesund bleiben können.

Das Gespräch führte Mag. Dietmar Schobel

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 26/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben