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Gesundheitspolitik 6. September 2007

„Nicht mit dem Leichentuch wacheln“

Fast drei Milliarden Euro sollen innerhalb des Gesundheitssystems umgelenkt werden. Bei den Alpacher Gesundheitsgesprächen bekräftigte die Ministerin ihren Willen zur Effizienzsteigerung. Wenngleich ihr bewusst ist, dass der Wille allein zur Umsetzung nicht genügen wird und das Thema schon seit 30 Jahren ein Dauerbrenner ist.

2,9 Milliarden Euro können laut Rechnungshof im österreichischen Gesundheitssystem anders eingesetzt werden.
War ursprünglich noch von Einsparungsmöglichkeiten dieses Ausmaßes die Rede, was die Ärztekammer sofort mit einem Nein quittierte, so bekräftigte Dr. Andrea Kdolsky bei einem Pressegespräch des Verbandes der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) und des Forums der forschenden Pharmaindustrie (FOPI) im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach ihre Entschlossenheit zur Umlenkung der Geldflüsse. Von Einsparungen im Sinne von Leistungseinschränkungen, wie sie am Vortag in Wien auch Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner befürchtet und erwartungsgemäß abgelehnt hatte, solle keinesfalls die Rede sein. Vielmehr, so Kdolsky im Tiroler Bergdorf, sollen die magischen von Rechnungspräsident Josef Moser angeführten 2,9 Milliarden Euro bis zum Jahr 2010 in andere Kanäle innerhalb des Gesundheitssystems gelenkt werden. Effizienzsteigerung heißt das – nicht neue – Zauberwort. Die Anregung von Pharmig-Präsident Dr. Hubert Dreßler, sich Gedanken zu machen, welche Art von Gesundheitssystem man in Österreich in Hinkunft haben wolle, wies Kdolsky zurück: „Wir haben das beste der Welt.“

Soziale Indikation

Als größten Verursacher anderswo besser und notwendiger einsetzbarer Geldmittel sieht Kdolsky die Krankenhäuser. Beispiel „Fehl“-Belegungen bei so genannten Pro-curatio-Fällen, also jenen Patienten, die zwar medizinisch versorgt sind, aber aufgrund von Platzmangel noch nicht ins Pflegeheim überstellt werden können und deshalb im Spital verbleiben. Allein im Wiener Sozialmedizinischen Zentrum Ost sollen sich die Aufwendungen für diese Patienten auf 3,4 Millionen Euro pro Jahr belaufen.
Allerdings verwies der Arzt und Publizist Dr. Werner Vogt in seinem Referat später an diesem Nachmittag darauf, dass Spitäler und Spitalsbetten auch dann ihre Berechtigung hätten, „wenn sie nur als vorübergehende Unterkunft Unbehandelter oder Unterbehandelter, von Unbetreuten oder Unterbetreuten zur Verfügung stehen“. Vogts Meinung nach müsse „die soziale Indikation für ein Spitalsbett und eine Spitalsaufnahme nachhaltig erhalten bleiben“.

Keine doppelten Geleise fahren

Die Gesundheitsministerin nimmt auch Doppelgleisigkeiten im Spitalsbereich ins Visier, Beispiel Hainburg und Kittsee. Die beiden Krankenhäuser, die bloß zwölf Kilometer voneinander entfernt liegen, werden gerade renoviert. „Bei einem Zusammenschluss und einer Schwerpunktsetzung könnten 27 Prozent der Kos­ten, das sind 7,5 Millionen Euro pro Jahr, gespart werden“, so die von der Ministerin vorgebrachten Zahlen. Allerdings: Die Spitäler trennt eine Landes- und damit Kompetenzgrenze.
Doch auch im großstädtischen Gebiet sieht Kdolsky ein Potenzial für Einsparungen, beispielsweise bei der Unfallchirurgie in Linz. Keinesfalls sei eine Qualitätsverringerung geplant. Die Versorgungsstrukturen sollen für jeden innerhalb von 30 Minuten erreichbar sein, aber „es muss nicht in jedem Spital eine hochspezialisierte Herzkatheterabteilung geben“, die wohnortnahe Versorgung ist der Ministerin ebenso ein Anliegen wie dem Ärztekammerpräsidenten.

Mehr Geld für Forschung und Prävention

„Das ist kein Wacheln mit dem Leichentuch“, rückte Kdolsky auch die Befürchtung von Wiens Landeshauptmann Michael Häupl zurecht, der tags zuvor von „unakzeptablen Leistungskürzungen“ gesprochen hatte, die damit unumgänglich seien und von der Konsequenz der viel zitierten Zweiklassenmedizin.
Während Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner in einer Aussendung zwei von den so gesparten Milliarden als Investition für den Ausbau der ambulanten ärztlichen Versorgung durch Arztpraxen und die neuen Ärzteorganisationen im niedergelassenen Bereich verwendet wissen will, möchte Kdolsky sie unter anderem der Forschung und der Prävention zugute kommen lassen. Etwa jener auf dem Gebiet der Demenzerkrankung. Die wird, so AKH-Psychiater Prof. DDr. Peter Fischer in seinem Referat, in rund 30 Jahren 200.000 Österreicher betreffen. Um die Gesellschaft vor der Verblödung und dem damit verbundenen Pflegeaufwand zu bewahren – 80 Prozent der Pflege ist laut Fischer für Alzheimer-Patienten notwendig – braucht es entsprechendes Wissen, wie die neurologische Alterserkrankung wenn schon nicht zu verhindern, so doch wenigstens hinauszuzögern ist.
Allerdings, das muss man sich angesichts einiger der bei den Alpbacher Gesundheitsgesprä­chen vorgestellten Daten fragen, wäre ein Teil des (eingesparten) Gesundheitsbudgets möglicherweise auch im Bildungssektor ganz gut aufgehoben. Denn, so hat sich herausgestellt: ein potenter Schutzfaktor vor verschiedenen, gerade altersbedingten Krankheitsbildern ist Bildung und lebenslanges Lernen.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 36/2007

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