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Gesundheitspolitik 28. Juni 2007

"Die ELGA ist wie der Andromedanebel“

Eine Überraschung war es nicht: MR Dr. Walter Dorner wurde Ende vergangener Woche zum Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer gewählt. Der Chirurg und Generalmajor ist seit 1981 Kammerrat der Ärztekammer für Wien, wurde 1985 Sektionsobmann der Fachärzte, war von 1997 bis 1999 Vizepräsident und wurde 1999 als Nachfolger von Dr. Michael Neumann erstmals zum Präsidenten der Ärztekammer für Wien bestellt. 2003 erfolgte dann die erste Wiederwahl zum Präsidenten der Ärztekammer für Wien, 2007 die zweite. Seit 2003 ist Dorner auch erster Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer.

Im Gespräch mit der Ärzte Woche erläutert Dorner, warum ihm Politiker wie Baupoliere vorkommen, dass die ELGA ein Kostenfass ohne Boden ist und wieso das Fundament, auf dem niedergelassene Ärzte stehen, abzurutschen droht.

Herr Präsident, was hat sich in den letzten 20 Jahren für die Ärzte geändert?
DORNER: Fast alles, vor allem aber die wirtschaftliche Situation. Sie ist deutlich schlechter geworden, und zwar für die Krankenhausärzte noch mehr als für die niedergelassenen. Denn durch den massiven ökonomischen Druck und die Einführung der leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung LKF wird nun weder auf die Bedürfnisse von Patienten noch auf jene von Ärzten und pflegendem Personal geachtet. Es geht eigentlich nur mehr darum, mit welcher Bewertung man den Patienten so schnell wie möglich wieder loswird. Das ist auch einer der Gründe, warum die jungen Ärzte im Turnus heute weniger lernen und weniger sehen. Wenn ich z.B. in meinem Nachdienst einen Patienten mit akuter Appendizitis aufnehme, habe ich vielleicht noch die Chance, die Operation zu sehen. Aber dann bin ich irgendwann dienstfrei und wenn ich wiederkomme, ist der Patient bereits entlassen. Der Österreichische Strukturplan Gesundheit und die verschiedenen Strukturpläne, die für die Spitäler geschmiedet werden, kommen mir vor wie eine Autobahn in der Wüs­te, ohne Anschlussstücke. Meiner Meinung nach ist deshalb auch die Situation insgesamt schlechter geworden, weil die Politik nicht mehr bereit ist, die für Veränderungen notwendige Architektur zu schaffen. Es wird gewartet, dass wir aus den Gesundheitsberufen fertige Pläne liefern, die von den Politikern dann wie von Baupolieren umgesetzt werden.

Was werden Sie als Ärztekammerpräsident zuallererst angehen?
DORNER: Mich für einen Bürokratiestopp einsetzen. Dann werde ich mich dafür stark machen, dass die e-Card, die ja jeder Patient liebt und die ein Vorzeigemodell der Republik ist, mit einem Foto des Inhabers versehen wird. Nirgends sonst kann man mit einer Karte irgendetwas erreichen, nur im Gesundheitswesen genügt das. Das System hat noch gravierende Lücken. Wenn man so viel Geld in etwas steckt, müsste man als nächsten Schritt eine Plausibilisierung durchführen. Dabei geht es mir nicht so sehr um den Datenschutz, als darum, dass sechs Leute mit derselben Karte in eine Ordination kommen können – wie soll der Arzt wissen, wer der Versicherte ist? ELGA wird sicher ein Thema in den nächsten Jahren bleiben, sowohl für die Ärzte in den Ordinationen, aber auch in den Spitälern. Ich denke, es wird ein Kostenfass ohne Boden werden und man muss sich jetzt schon fragen: cui bono? Braucht sie der Patient? Der Arzt? Das Krankenhaus? Wer hat Interesse daran, den Weg eines Menschen in einem demokratischen Staat so zu kontrollieren, dass ELGA notwendig ist? Bisher ist mir diese Frage nicht beantwortet worden, obwohl ich sie schriftlich an die Bundesgesundheitskommission gestellt habe.
In Wien gibt es derzeit einen Probelauf mit einem Dreistufenmodell, da bleibt die Akte vor Ort im Krankenhaus, und nur wenn der Patient seinen Code beim Arzt hergibt und der auch in das System kann, kann er abfragen. Das würde ausreichen. Überhaupt gibt es hinsichtlich ELGA noch zahlreiche ungeklärte Fragen, auch was die Kosten anlangt. Ich würde die ganze Situation mit dem Andromedanebel vergleichen: Wir wissen, dass dort Myriarden von Milchstraßen vorhanden sind, aber wie er wirklich aussieht, das weiß niemand.

Laut den Ergebnissen unserer Umfrage „Hausarzt in Not“ sind drei Viertel der österreichischen Allgemeinmediziner mit ihrer finanziellen Situation ganz und gar nicht zufrieden. Viele sagen, es seien ihnen nicht abgegoltene Zusatzkosten durch e-Card entstanden und sie hätten zu wenig Zeit für Patienten. Was tut die Ärztekammer?
DORNER: Diese Umfrage spiegelt das Bild der Realität wider. Trotz der vielen Ungerechtigkeiten und trotz der Unzufriedenheit kann der Arzt jedoch aus dem System nicht heraus. Steigt er aus, hat er seine Existenz verloren. Er versucht also zuerst, sich auf der EDV-Ebene zu optimieren. Das kriegt er von niemandem abgegolten. Durch die verbesserte EDV wird für eine Arzt­ordination aber nichts billiger. Schließlich kann ich meine Sprechstundenhilfe noch lange nicht entlassen, nur weil ich eine funktionierende EDV habe. Den Hauptgewinn haben die Sozialversicherungen. Die haben Personal eingespart, seit wir Ärzte elektronisch abrechnen müssen. Wir kennen die Situation in Wien, da ist das Einkommen niedergelassener Ärzte ungefähr so hoch wie jenes von Turnusärzten, wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig sind. Es wird unsere Aufgabe sein, hier das Fundament zu sichern, dass es nicht noch weiter abrutscht, sonst werden wir die Ordinationen nicht mehr besetzen können. Das ist teilweise bei Allgemeinpraxen schon der Fall, weil sie zu klein geworden sind und weil die Jungen sagen, für den Bettel kann ich das nicht mehr machen.

Schon lange wird die gesetzliche Verankerung des Tätigkeitsprofils der Turnusärzte verhandelt. Wann rechnen Sie mit Abschlüssen?
DORNER: Das Turnusärzteprofil der ÖÄK ist in vielen Krankenhäusern freiwillig implementiert. Schon die frühere Gesundheitsministerin hat verkündet, es in die Krankenanstaltenverordnung aufzunehmen. Das ist bis jetzt nicht geschehen. Genauso wie das Ministerium sich darum kümmern wird müssen, dass die Lehrpraxis entsprechend ausgebaut und honoriert wird. Es ist ein Skandal, wenn man bedenkt, dass ein fertiger Akademiker schon im Bereich seiner Weiterbildungstätigkeit knapp 700 Euro im Monat als Entlohnung bekommt, dass man sich das überhaupt laut zu sagen traut, wo die Grundsicherung für jemanden, der nichts tut, schon höher ist. Da muss man sich fragen, ob in diesem Staat das Gefüge überhaupt noch stimmt, ob die Moral stimmt, ob die Ethik stimmt.

Warum werden die Turnusärzte in Lehrpraxen geringer entlohnt als im Spital?
DORNER: Die Tätigkeit im Spital unterliegt dem Angestelltengesetz, in der Lehrpraxis einer Verordnung des Gesundheitsministeriums. Wahrscheinlich wäre es vernünftiger, man würde das Geld, das für ELGA aufgewendet wird, in die Lehrpraxisförderung investieren. Lehrpraxen gibt es genug, und es wären viel mehr Ärzte bereit, sich dafür anzumelden, wenn die Dotierung stimmen würde. Nicht jede Ordination, die genügend Patienten hat, dass sie als Lehrpraxis gilt, nimmt so viel ein, dass dem Turnusarzt ein volles Gehalt gezahlt werden kann. Ich frage mich, ob es nicht klüger wäre, die Kollegen bleiben in der Ausbildung im Krankenhaus, sind dort weiterhin sozialversichert, und werden vom Spital de facto hinausgeschickt in die Lehrpraxis und die Republik refundiert die Vergütung dem Krankenhaus. Dann würde nicht mehr der arme niedergelassene Arzt bestraft. Die Ausbildung in der Lehrpraxis ist wichtig. Wenn ein Arzt seinen Turnus im Krankenhaus macht, kennt er zwar die forensische Absicherungsmedizin der Abteilung und des Spitals. Aber das Gefühl für die tägliche Arbeit in der Ordination, das muss er erst bekommen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Arztberufs?
DORNER: Die Ärzte werden sich weiter subspezialisieren. Deshalb werden wir gut daran tun, uns zu neuen Ordinationsgruppierungen zusammenzuschließen. In ein paar Jahren werden z.B. fünf Internisten zusammenarbeiten, und wenn ein Patient mit einem gastroenterologischen Spezialproblem kommt, dann kann er etwa am Donnerstag den Gastroenterologen sehen. Es wird sicher nicht das Vorrecht der Krankenhäuser bleiben, ein Excellence-Center zu betreiben. Die Spitalserhalter werden dafür die Geldmittel nicht haben, sie werden solche Center auch exzellent personell besetzen müssen. Es gibt kein Benchmarking, wer günstiger arbeitet, das Spital in seiner jetzigen Situation oder der niedergelassene Bereich. Wer diesen Vergleich am meisten scheut, weiß ich nicht. Aber wenn alles auf die einzelne ambulante Leistung heruntergerechnet wird, so wird sich zeigen, dass die Spitäler nicht mitkommen. Die Verhandlungen mit den Sozialversicherungen werden in den nächsten Jahren sicher viel schwieriger werden. Was sich die Politik noch alles einfallen lassen wird, um den Arztberuf unmöglich zu machen, das wissen wir noch nicht.

Nicht alle Ärzte sind begeistert von ihrer Mitgliedschaft bei der Ärztekammer, manch einer meint, das sei eine Zwangsbeglückung, von der er nichts hat.
DORNER: Alles, was man notwendig braucht, will man nicht haben. Erst dann, wenn man sieht, dass die eigene Kraft und Herrlichkeit nicht auslangen, um reüssieren zu können, sieht man den Bedarf. Die Alternative wäre etwa die Vorgangsweise der Arbeiterkammer, da werden geringere Beiträge eingehoben, aber dafür werden Leistungen extra berechnet. Ob das so gut ist für den Arzt, der einen juridischen Rat braucht, und dann läuft im Hintergrund die Uhr – das wagen wir zu bezweifeln.

Das Gespräch führte
Elisabeth Tschachler-Roth

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 26/2007

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