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Gesundheitspolitik 4. Oktober 2007

Die Zukunft hat schon begonnen

Am 5. und 6. Oktober veranstaltet die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) zum zweiten Mal das Donau-Symposium in Krems. Zwei Tage lang diskutieren dort heimische Allgemeinmediziner über internationale Konzepte des Berufsbilds, nationale Arbeitsweisen und die dafür notwendigen Voraussetzungen.

Die Idee des Symposiums war, erläutert Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der ÖGAM, im Gespräch mit der Ärzte Woche, Zukunftsthemen aufzugreifen, und zwar nicht solche mit medizinischem Inhalt. „Wir sehen die ÖGAM als Motor hinsichtlich des Berufsbildes“, so Rebhandl. Deshalb geht es in der in Zusammenarbeit mit der MedUni Wien und der Donauuniversität Krems organisierten Veranstaltung um Ausbildung, Arbeitsbedingungen, Berufsorientierung und auch um die Grundeinstellung des Hausarztes zu seiner Tätigkeit. Da spielt die Ethik hinein, das Thema des Festvortrages von Prof. Dr. Manfred Maier von der Wiener Medizinischen Universität.
„Mit der ärztlichen Grundhaltung in der allgemeinmedizinischen Praxis und den damit zusammenhängenden Fragen haben wir uns schon lange beschäftigt“, sagt Rebhandl. Diese Beschäftigung solle sich aber nicht auf in der Theorie steckenbleibende Diskussionen beschränken, sondern vielmehr „Verhalten trainieren, wenn es zum Beispiel um den Umgang mit ethnischen Minderheiten geht“. Auch ist der Allgemeinmediziner immer öfter mit Fragen über genetische Untersuchungen konfrontiert, mit der Behandlung von Patienten im Endstadium, mit Krebskranken, die Beratung und Begleitung suchen.
Andere Impulsreferate der Tagung vergleichen die Erfahrungen der Ärzte mit jenen von Jungmedizinern, die nach dem neuen Curriculum studiert haben, beleuchten Gegenwart und weitere Entwicklung von strukturierten Betreuungsformen, befassen sich mit der Frage, ob die Einzelpraxis bereits ein Auslaufmodell ist, und nicht zuletzt mit dem Titel „Facharzt für Allgemeinmedizin“. „Wir sind nicht glücklich mit diesem Ausdruck“, so Rebhandl. Doch da er nun schon in Deutschland und der Schweiz in Verwendung sei, könne man wohl nicht mehr davon abkommen. Auch bringe freilich der Titel allein gar nichts. Das Ziel sei, die Ausbildung zu verbessern und das Tätigkeitsspektrum auszuweiten.
Grundlage ist das Regierungsprogramm 2007. Dort heißt es: „Ausgehend vom Bedarf der Patienten sind Gesundheitsprozesse so zu gestalten, dass Vorsorge, Diagnose, Behandlung, Rehabilitation und Pflege in der richtigen Reihenfolge, von der richtigen Stelle, in angemessener Zeit und mit gesicherter Qualität und maximalem Ergebnis erbracht werden. Die Rolle der Allgemeinmedizin soll aufgewertet werden.“ Dr. Reinhold Glehr, Arzt für Allgemeinmedizin in Hartberg, geht im Interview mit der Ärzte Woche darauf ein, warum das Facharztniveau für den Allgemeinmediziner Zukunft hat.

Warum ist der Facharzt für Allgemeinmedizin erwünscht?
Glehr: Die Anforderungen an die medizinische Grundversorgung sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Das verfügbare medizinische Wissen ist nicht nur allgemein, sondern besonders auch in Bezug auf die Entscheidungen an der ersten Anlaufstelle im System rasch gestiegen. Für die Langzeitbetreuung, für die Betreuung älterer und multimorbider Patienten wurden evidenzbasierte Betreuungskonzepte entwickelt. Kompetenzen für Informations-, Disease- und Praxismanagement und besonders für den kommunikativ-psychologischen Bereich sind für eine zeitgemäße Versorgung notwendig, dazu zählen Beziehungsorientierung zu Patienten, zu Kollegen, zu nichtmedizinischen Leistungserbringern, zu Systemverwaltern, sowie die Verhaltensbeeinflussung der Patienten im präventiven Bereich und die psychosoziale Grundversorgung. Die Versorgung der Patienten in Österreich erfolgt zwar auf hohem Niveau, sie ist aber durch Spezialisierung und Subspezialisierung ohne klar erkennbare Aufgabenteilung der Leistungserbringer mit der Folge von Arztshopping, Medikalisierung, Somatisierung, fehlendem Überblick über die Vielzahl von Behandlern und den Verlust an Kontinuität belastet. Eine klare Definition von Aufgaben und Zielen einer medizinischen Grundversorgung im Unterschied zur spezialistischen Versorgung fehlt. Insbesondere in den Großstädten sind überlastete Ambulanzen die Folge, die ihren Möglichkeiten zur speziellen Versorgung nur erschwert nachkommen können.

Soll der Facharzt für Allgemeinmedizin den Beruf Arzt für Allgemeinmedizin für junge Ärzte und Ärztinnen attraktiver machen?
GLEHR: Der Beruf des Arztes für Allgemeinmedizin ist für junge Ärzte unattraktiv geworden. Ursachen sind aus unserer Sicht die mangelnde Anerkennung in Gesellschaft, Medien und Politik, die fehlenden Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung, Stichwort: Additivfacharzt, fehlende Belohnung für eine spezifische auf die Grundversorgung ausgerichtete Weiterbildung, Probleme bei der Niederlassung durch die Konkurrenz „spitalsmüder Fachärzte“, die zu Beginn ihres Arztseins eine Turnusausbildung hinter sich gebracht haben. Es erfolgt derzeit eine negative Selektion zum Arzt für Allgemeinmedizin, nach dem Motto: Wer übrig bleibt, wird Allgemeinmediziner. Wir glauben, dass mit dem Ziel einer Optimierung des Gesundheitssystems vorausschauend Anreize getätigt werden müssen, um möglichst hoch qualifizierte Ärzte in die Grundversorgung zu bekommen.

Bedeutet die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin, dass die neuen Curricula der MedUnis wieder neu gestaltet bzw. verändert werden müssen?
GLEHR: Die Curricula der Med­Unis sehen im Gegensatz zum alten Curriculum ein praktisches Jahr vor. Gerade dadurch ist es notwendig, die derzeitige Turnusausbildung zu überdenken. Die Wanderung innerhalb der EU ist unmittelbar nach dem Studium derzeit nur erschwert möglich, wie z.B. in Deutschland ohne Approbation jetzt unmittelbar nach dem Studium. Die Turnusausbildung, die gleichzeitig Approbation und „Fachausbildung für Allgemeinmedizin“ darstellt, ist nicht mehr zeitgemäß. Sie führt in ihrer derzeitigen Konstruktion dazu, dass fast alle Fachärzte anderer Spezialitäten die gleichzeitige Qualifikation als Allgemeinmediziner erwerben – als Voraussetzung für die Fachausbildung. Diejenigen, die sich speziell für die Grundversorgung qualifizieren wollen, haben außer über Lehrpraxis und Vertretungstätigkeit keine Möglichkeit zur speziellen Profilierung.

Wird es in Zukunft nur mehr Fachärzte für Allgemeinmedizin geben? Wenn nicht, befürchten Sie nicht, dass es dann Allgemeinmediziner erster und zweiter Klasse geben wird?
GLEHR: In der medizinischen Grundversorgung im Rahmen des sozialen Gesundheitssystems sollten nur mehr Fachärzte für Allgemeinmedizin tätig sein. Übergangsregelungen für die bereits tätigen Allgemeinmediziner sind jedoch notwendig.

Bei der Ausbildung in Lehrpraxen werden dann am Anfang „normale“ Allgemeinmediziner die künftigen Fachärzte für Allgemeinmedizin ausbilden?
GLEHR: Ja! Die langjährige Berufserfahrung und Kurse für Lehrpraxisleiter, verbunden mit kollegialem Austausch in Qualitätszirkeln, werden hier ein wichtiges Kriterium für die Ausbildungskompetenz sein. Derzeit werden Allgemeinmediziner von Ärzten ausgebildet, die meist keine eigene Erfahrung in der medizinischen Grundversorgung haben.

Soll die Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin das Einkommen für den Hausarzt erhöhen?
GLEHR: Die Verbesserung der Aus- und Weiterbildung ist das eigentliche Anliegen des Projektes „Facharzt für Allgemeinmedizin“. Es geht um eine qualitätsvolle Vorbereitung auf die Aufgaben, die von Allgemeinmedizinern bereits jetzt wahrgenommen werden. Den Patienten soll der Facharzt eine an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte, auf Erfahrung und wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende qualitätsvolle medizinische Grundversorgung bringen.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 40/2007

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