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Gesundheitspolitik 27. September 2007

Die Kontrolle behalten

Allerorten ist von der alternden Gesellschaft die Rede. So auch bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen Ende August dieses Jahres. Dabei ging es nicht nur um neue Erkenntnisse der Alternsforschung, darum, für wie viele Lebensjahre der Mensch überhaupt konzipiert ist und an welchen Krankheiten er mit zunehmenden Jahren leidet. Thema war auch – und vor allem –, wie das Gesundheitssystem in den nächsten 20 bis 30 Jahren an die veränderten Altersstrukturen der Bevölkerung angepasst werden muss.

Am Rande der Diskussionen im Tiroler Bergdorf erörterte Prim. Prof. Dr. Christoph Gisinger, Ärztlicher Leiter im Haus der Barmherzigkeit, Wien, mit der Ärzte Woche, warum Geriater Fachärzte mit Spezialausbildung sein sollten und warum die Betreuung alter Menschen jener von Kindern ähnelt.

Es ist schon seit einiger Zeit die Rede davon, den Facharzt für Geriatrie einzuführen. Wie weit ist das gediehen?
GISINGER: Ich bin ein vehementer Befürworter des Facharztes für Geriatrie. Und zwar aus sachlichen Gründen, weil es in diesem Bereich Spezialwissen und Spezialtechniken gibt, die wie auf anderen Gebieten systematisch erlernt werden müssen. Es gibt hervorragende Geriater in Österreich, sie sind es aus Eigeninitiative geworden. Aber esbraucht auch eine strukturierte Ausbildung. Ich befürworte den Facharzt auch aus Gründen der Wertschätzung jenen Ärzten gegenüber, die sich hier besonders engagieren. Geriatrie ist ja nicht das Fach, das besonders cool und sexy wirkt. Hier muss uns ein Paradigmenwechsel in der Wertschätzung gelingen, ähnlich wie es vor 30 Jahren für die Psychosomatik gelungen ist. Der dritte Grund ist: Ich glaube, wir brauchen gerade beim alten Menschen eine Art von Medizin, die primär auf der Beziehungsebene stattfindet, und daher benötigen wir Ärzte, die viele Teil­aspekte integrieren. Ein Facharzt für Geriatrie muss also nicht nur internistisch Bescheid wissen, sondern sollte auch die relevanten Aspekte etwa der Dermatologie und vieler anderer Fächer beherrschen, um zu ermöglichen, dass diese polymorbiden Menschen nicht von einer Fülle von Spezialisten betreut werden, sondern möglichst universell von einer Person. Das kann und soll natürlich auch der Allgemeinmediziner sein, aber es braucht eben auch Leute, die speziell diesen Bereich vertreten, aufbauen und die Allgemeinmediziner darin ausbilden.

Sie haben die Beziehungsebene angesprochen. Würde die Ausbildung auch dahin gehen, die Ärzte mehr in Gesprächsführung auszubilden? Und auch mehr in Richtung Psychosomatik?
GISINGER: Ich glaube, diese kommunikativen Ausbildungswege sind für alle Fachrichtungen wichtig, nicht nur für die Geriatrie. Das Besondere an der Geriatrie ist nur, dass das Gegenüber typischerweise nicht nur der Patient ist, sondern ein ganzes Familien- und Sozialsys­tem. Da ähnelt die Geriatrie der Pädiatrie. Das ist in anderen Fächern nicht in dieser Ausprägung vorhanden, erfordert spezielle Techniken und Kenntnisse und ist eine besondere Herausforderung. Zudem ist der Geriater auch vielmehr auf Teamarbeit angewiesen, und zwar nicht punktuell – auch ein Chirurg hat sein Team für eine Operation, aber zeitlich begrenzt und punktuell –, sondern kontinuierlich mit anderen Berufsgruppen.

Wie werden wir mit 80 betreut werden?
GISINGER: Ich teile den allgemeinen Optimismus, dass wir mit 80 im Durchschnitt viel gesünder sein werden als die jetzigen 80-Jährigen. Aber natürlich wird es Betreuungsbedürftige und Kranke in dieser Altersgruppe geben. Es geht vor allem darum, den Menschen in ihrer Umgebung mehr Wahlmöglichkeiten und mehr Selbstbestimmung zu geben, wie die Betreuung sein soll. Ich sehe weniger den Gegensatz zwischen ambulant und stationär, das hängt von der Situation ab. Das, was in stationären Einrichtungen oft als negativ erlebt wird, ist eben der Verlust der Autonomie. Es liegt an uns, die Einrichtungen – bei aller Förderung von ambulanten Modellen – so zu gestalten, dass sie nicht mehr als Bedrohung erlebt werden. Ich wünsche mir mehr Vielfalt der Angebote und mehr Macht in den Händen des Betroffenen, um aus diesen Angeboten auszuwählen.

Die Wahlmöglichkeit besteht ja heute schon, wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind.
GISINGER: Die ökonomische Frage hat auch zu tun mit den Strukturen der solidarischen Finanzierungs­töpfe. Wenn ich nicht auf eigene ausreichende Ersparnisse zurückgreifen kann, dann schaut es mit den Wahlmöglichkeiten gegenwärtig nicht so gut aus, zum Teil durch die Knappheit des qualitätsvollen Angebots, zum Teil dadurch, dass man zuerst alles zahlen muss, und bis das Ersparte weg ist, zahlt die Solidargemeinschaft. Das bringt einen auch in diese Rolle des Bittstellers und Almosenempfängers.

Wie kann sich das ändern?
GISINGER: Man müsste für bestimmte Leistungsarten – für die eigentliche qualifizierte Betreuungsleistung – nach einem bestimmten System je nach Aufwand abgestufte Zuschüsse haben statt Sozialhilfe. Der Ansatz des Bundespflegegeldes ist der richtige, aber die Beträge sind völlig unzureichend.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 39/2007

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