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Gesundheitspolitik 28. Juni 2007

Finanzierbarkeit und Qualität sicherstellen

Immer höhere Kosten, eine überaltete Bürokratie, verkrustete Strukturen und Medizinabsolventen, die im Sinne der EU-Richtlinie gar keine Ärzte sind – das Gesundheitsressort hat sich in der nächsten Zeit mit einigem zu beschäftigen.

Über die Art und Weise, wie sie die verschiedenen Probleme lösen will, sprach Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky mit der Ärzte Woche.

Frau Bundesministerin, was wollen Sie im Gesundheitsressort bis zum Ende der Legislaturperiode durchgesetzt sehen?
Kdolsky: Das oberste Ziel meiner Gesundheitspolitik besteht darin, die hohe Qualität und die langfris­tige Finanzierbarkeit im Gesundheitssystem sicherzustellen. Der Zugang zu unserem ausgezeichneten Gesundheitssystem muss – unabhängig von der sozialen Stellung – für jede Österreicherin und jeden Österreicher möglich sein. Wie Sie meinen Aktivitäten in den ersten Monaten meiner Amtstätigkeit entnehmen können, liegt ein wichtiger Schwerpunkt in der Prävention. Vor allem fördere ich hier Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch, lege einen Schwerpunkt auf Impfprogramme für Kinder und treibe die konsequente Umsetzung von Screeningprogrammen (z.B. Brustkrebs) sowie den Nichtraucherschutz voran. Als Medizinerin und ehemalige Spitalsmanagerin sehe ich auch die Notwendigkeit der integrierten Versorgung. Es ist meine Aufgabe, gemeinsam mit den verschiedenen Stakeholdern unsere Strukturen im Gesundheitssystem zu modernisieren und diese fit für die Zukunft zu machen. Ein zentrales Anliegen ist es dabei, Kostentransparenz zwischen den verschiedenen Sektoren zu schaffen. Dazu werde ich den Aufbau der ambulanten Dokumentation forcieren, damit Effizienzpotenziale realisiert werden können. Dies ist zwingend notwendig, damit wir nicht finanzielle Ressourcen in überalterte Bürokratie investieren, sondern diese Mittel für die Patientenversorgung zur Verfügung haben. Zum Punkt Kosteneinsparung wurde in der letzten 15a-Vereinbarung festgehalten, dass ein 300 Millionen Euro Kostendämpfungsprogramm im Gesundheitssystem realisiert wird. Ich habe von den Ländern und dem Hauptverband Unterlagen eingefordert, die deren Einsparungen belegen sollen. Ein zentrales Ziel meiner sozialen Gesundheitspolitik ist, dass die im Regierungsprogramm festgehaltene Obergrenze bei der Rezeptgebühr von zwei Prozent des Einkommens kommt. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mit dieser Maßnahme eine nachhaltige Errungenschaft in der österreichischen Gesundheitspolitik erreichen kann. Besonders erwähnen möchte ich weiters die Stärkung der Patientenrechte und die Schaffung von Qualitätsstandards im Gesundheitswesen. Dazu werde ich das Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG) gründen und fördern.

Wie stellen Sie sich die Rolle des Allgemeinmediziners im Gesundheitswesen vor?
Kdolsky: Will man über die Rolle des Allgemeinmediziners sprechen, so muss man die aktuelle Ausgangssituation berücksichtigen. Die Entwicklung hat in den medizinischen Sonderfächern stark zugenommen. Die Ausbildung eines angehenden Arztes für Allgemeinmedizin erfolgt meist komplett in einem Spital und deshalb wird dieser auch nicht ideal für die Anforderungen der Primärversorgung vorbereitet. Die Ausbildung im Praxismanagement, insbesondre in den Bereichen IT, Qualitätssicherung usw., ist unzureichend bzw. existiert nicht. Die Beherrschung des Entscheidungsbaumes zur Diagnosefindung wird zu wenig vermittelt und dem Bewusststein für eine ganzheitliche, integrierte und ebenenbezogene Versorgung der Patienten besteht zu wenig. Deshalb werde ich zusammen mit Experten definieren, welche mich beraten werden, ob bzw. welche Neupositionierung des Allgemeinmediziners notwendig ist.

Was kostet die Einführung der ELGA und welchen Vorteil sehen Sie darin für die Ärzte?
Kdolsky: Auf Basis der derzeitigen Erkenntnisse wurden die Kosten für die erste Umsetzungsphase der ELGA bis 2012 im Rahmen einer Grobkostenschätzung der ARGE ELGA mit rund 30 Millionen Euro bewertet. Die Vorteile bzw. den Nutzen für Ärzte sehe ich insbesondere in der rascheren Verfügbarkeit von patientenbezogenen Gesundheitsdaten und in der qualitativen Verbesserung der Informationsbasis für verschiedene Behandlungssituationen. Es geht dabei um eine Erhöhung der Entscheidungssicherheit für Diagnose und Therapie, beispielsweise durch vollständigere Informationen, die Vermeidung unerwünschter Arzneimittelwirkungen oder Kenntnis patientenbezogener Risiken wie z.B. Allergien. Weiters kann eine Mehrfacherfassung von Gesundheitsdaten vermieden werden. Ich gehe auch davon aus, dass die Qualität der Informationen über die Patienten verbessert wird. Die aktuelle Praxis sieht ja oft so aus, dass die Patienten nur in beschränktem Umfang über ihre eigene Krankengeschichte Auskunft geben können. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass durch die Vernetzung im Gesundheitssystem auch eine bessere Einbindung der niedergelassenen Ärzte in das integrierte Versorgungsmanagement ermöglicht wird.

Schon vor 20 Jahren waren Diabetes und Adipositas wichtige Themen. Die Botschaft an die Patienten lautete 1987 wie heute: „Weniger essen, mehr bewegen.“ Die Diabeteszahlen steigen weiterhin an. Was fehlt am Konzept der Prävention?
Kdolsky: Es ist richtig, dass die Anzahl der Diabeteserkrankten seit 1987 gestiegen ist. Exaktes Zahlenmaterial hat aber über Inzidenz und Prävalenz dieser Erkrankung nicht existiert. Somit wurde 2004 der „Österreichische Diabetesbericht“ erstellt und in weiterer Konsequenz 2005 der „Österreichische Diabetesplan“ vom BMGF in Zusammenarbeit mit 83 Experten erarbeitet. Das Ergebnis war, dass einerseits weiterhin effektive Maßnahmen zur Bekämpfung der Adipositas gesetzt werden müssen, andererseits auch ein Disease-Management-Programm (DMP) für Diabetes entwickelt werden muss. Zu Ersterem: Seit 2004 laufen massive Informationen zum Thema „Gesunde Ernährung“ und „Bewegung“, die auch weiterhin fortgesetzt werden. Der Präventionsansatz muss bereits bei Kindern erfolgen, sodass ich zusammen mit dem BMUKK und dem Hauptverband nun das Projekt zur „Gesunden Schule“ gestartet habe. Zum Disease-Management-Programm: Seit Herbst 2005 arbeitet eine Arbeitsgruppe in meinem Ressort in Zusammenarbeit mit dem Hauptverband, der Ärztekammer, den Selbsthilfegruppen und der ÖGAM daran, eine bessere Versorgung bereits erkrankter Patienten zu gewährleisten, das ist somit also ein Projekt der Tertiärprävention. Dieses Projekt soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden, und in einigen Bundesländern haben schon die Vorarbeiten zum Start der Umsetzung begonnen. Weiters ist Diabetes ein Thema der EU-Präsidentschaft 2006 gewesen, wobei Österreich, insbesondere durch den von meinem Ressort entwickelten Diabetesplan, eine Vorbildrolle bzw. auch Vorreiterrolle eingenommen hat. Wie Sie wissen, greifen Präventionsmaßnahmen nicht in Monaten oder wenigen Jahren, vielmehr muss man hier Zeitdimensionen von zehn, 20 bis 40 Jahren andenken. Ein Erfolg ist allerdings nur bei konsequenter Beibehaltung der Präventionsprogramme zu erwarten. Da mir als Ärztin die Senkung der Neuerkrankungen von Diabetes mellitus ein besonderes Anliegen ist, werde ich dafür sorgen, dass nicht nur bestehende Aktivitäten weiterlaufen, sondern auch alle neuen Erkenntnisse hinsichtlich präventiver Maßnahmen zur Bekämpfung von Diabetes aufgegriffen werden.

Ein Österreicher, der sein Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen hat, kann nicht in jedem EU-Land einen Ausbildungsplatz bekommen, denn mancherorts ist dazu eine Approbation notwendig.
Kdolsky: Mir ist das Problem bekannt. Es besteht kein Zweifel daran, dass unsere österreichischen Medizinabsolventen eine qualitativ hochstehende medizinische Grundausbildung erhalten. Eine Migrationsbeschränkung kann ich daher nicht mittragen. EU-Mitgliedstaaten, wie z.B. Deutschland, weisen aber auf dem Boden des Gemeinschaftsrechts darauf hin, dass Medizinabsolventen aus Österreich keine Ärzte im Sinne der EU-Richtlinie 2005/36/EU sind, weshalb ihnen eine Weiterbildung zum Facharzt oder eine besondere Ausbildung in der Allgemeinmedizin nicht ermöglicht wird. Dies ist aus meiner Sicht unhaltbar, da das österreichische Studium der Medizin unstrittig die gemeinschaftsrechtlichen Mindesterfordernisse für die ärztliche Grundausbildung erfüllt. Ich werde daher umgehend eine Änderungsmitteilung an die Europäische Kommission senden. Damit wird die ärztliche Grundausbildung gemeinschaftsrechtlich als bereits mit dem Abschluss des Studiums der Medizin angenommen. Österreichische Absolventen des Medizinstudiums sind damit dann EU-rechtlich als Ärzte zu betrachten und können eine postpromotionelle Aus- bzw. Weiterbildung in anderen Mitgliedstaaten des EWR absolvieren. In der Folge wird auch eine Anpassung des Ärztegesetzes erforderlich sein.

Welchem der Ziele, die Sie sich bei Amtsantritt gesetzt haben, müssen Sie jetzt, nach einem halben Jahr im Amt, längere Zeit zur Verwirklichung zugestehen, als Sie ursprünglich gedacht haben?
Kdolsky: In meiner Zeit als Spitalsmanagerin war ich gewohnt, dass ich Entscheidungen schnell treffen kann. Als Ministerin bin ich in ein hoch komplexes System eingebettet, in dem Entscheidungen auf Grund der sehr komplizierten Kompetenzverteilungen zum Teil eine längere Umsetzungszeit brauchen. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass ich meine Vorhaben zeitgerecht umsetzen werde.

Das Gespräch führte Elisabeth Tschachler-Roth

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 26/2007

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