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Gesundheitspolitik 28. Juni 2007

Der lange Weg zur Gleichberechtigung

Die gläserne Decke ist nach wie vor da, wenn auch vor allem im Universitätsbereich sehr undurchsichtig. Die niedergelassenen Ärztinnen wünschen sich oft eine Ehefrau, die ihnen die Ordination schupft.

Fast 50 Jahre nach der revolutionären Erfindung der Antibabypille und nach gut 40 Jahren moderner Frauenbewegungen, die sich um Gleichberechtigung und -behandlung bemühen, sind nur 14 Prozent aller UniversitätsprofessorInnen weiblich und gar nur neun Prozent an den medizinischen Fakultäten. Die Zeiten, in denen man(n) sich auf eine geringe Zahl an Studentinnen und Absolventinnen berufen konnte, sind längst vorbei. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts fingen etwa gleich viele Männer wie Frauen das Medizinstudium an. Diese ÄrztInnen sind heute etwa 40 Jahre alt. Doch das Verhältnis der Assistenzprofessorinnen zu den Assistenzprofessoren ist ein Drittel zu zwei Drittel, der Dozentinnen zu Dozenten etwa ein Viertel zu drei Viertel. In den letzten Jahren, da sind sich die befragten Expertinnen einig, ist es schlimmer geworden. Dr. Sigrid Pilz, Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, erzählt von einer höherrangigen Medizinerin, die sich bei ihr Luft machte über die subtilen und hinterhältigen Methoden, die sie am Zugang zu anspruchsvollen Operationen, zu Forschungsressourcen und letztendlich am beruflichen Aufstieg hindern. Den Namen der Ärztin darf sie freilich nicht nennen. Das hieße nur Öl ins Mobbing-Getriebe gießen.

Männer bevorzugt

Nicht nur persönliche Gespräche, auch die Studie von End und Piza* über die Situation von Chirurginnen (die Ärzte Woche berichtete) zeigt, dass der Kampf schon lange vor der Habilitation beginnt. Zwar sollen Frauen bei gleicher Qualifikation Männern vorgezogen werden, aber wie soll diese Qualifikation erreicht werden, wenn etwa der Primar die interessanten Operationen bevorzugt an Männer vergibt? Dabei geht es oft gar nicht um bewusste Bevorzugung. Nur sind Männer eben eher darauf so­zialisiert, sich in den Vordergrund zu drängen und „Hier!“ zu rufen, wenn interessante Aufgaben anstehen, während im Durchschnitt (!) Frauen eher dazu neigen, darauf zu warten, dass ihnen die Aufgaben zugeteilt werden. Spielen sie sich doch in den Vordergrund, wird das nicht selten umgehend sanktioniert. Um die Situation zu verbessern, wäre, so Pilz, vor allem ein Abbau der extremen Hierarchie in den Spitälern wichtig. Das bedeutet aber eine Änderung der Krankenhauskultur, und solche Änderungen sind nicht leicht zu vollbringen. Ein erster Schritt wäre der Abbau von Privilegien. Dienststrukturen sollten etabliert werden, in denen nicht der Primar allein das Sagen hat. Das Universitätsgesetz 2002 weist allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Prof. Dr. Gabriele Moser vom frauenpolitischen Beirat des Wissenschaftsministeriums weist darauf hin, dass mit diesem Gesetz der Mittelbau entmachtet wurde. Professoren sind aber auf den Medizinuniversitäten zu über 90 Prozent, bei allen Universitäten zusammen zu 86 Prozent männlich. Moser: „Damit wurde ein Großteil der qualifizierten Frauen von den Entscheidungen ausgeschlossen.“

Seilschaften funktionieren

Die Medizinische Universität Wien erstellte 2004 einen Frauenförderungsplan. Mit der Umsetzung hapert es aber. Pilz: „Diese Pläne haben für mich etwas Alibihaftes.“ Moser: „Noch nie gab es ein freiwilliges Aufgeben der Macht.“ Natürlich diskriminieren Professoren und Primarii ihre Mitarbeiterinnen nicht (oder nur in den seltensten Fällen) bewusst. Aber wenn es hart auf hart kommt – und das tut es in Zeiten knapper Mittel –, dann funktionieren die Seilschaften, sind sich die Expertinnen einig. Dazu kommt, dass Familie und Haushalt immer noch fast reine Frauensache sind. Immer noch sind Männer stolz darauf, dass sie im Haushalt mithelfen, wenn sie einmal die Woche kochen oder am Samstag einmal die Kinder übernehmen. Gleichberechtigung hier ist weiterhin eine Ausnahmeerscheinung. Das hemmt berufstätige Frauen immer und überall, besonders aber in einem Beruf mit Nachtdiensten oder unvorhersehbaren Ereignissen.

Die Landärztin

Dieses Problem betrifft auch die niedergelassenen Ärztinnen, vor allem Allgemeinmedizinerinnen mit ihren Notdiensten. Dr. Susanne Rabady, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) und im Waldviertel niedergelassen, bestätigt das: „Ein Mann, der mitspielt, erleichtert das Leben sehr.“ Es sei kein Zufall, dass etwa in ihrem Bezirk fünf weibliche 17 männlichen Kollegen gegenüberständen. Als selbständige „Einzelkämpferinnen“ müssen sich Niedergelassene nicht mit konkurrenzierenden Kollegen und widerwilligen Chefs auseinandersetzen. Aber auch hier ist ein Unterschied zwischen Mann und Frau deutlich. Gerade bei den Allgemeinmedizinern in ländlichen Gebieten ist es sehr oft die Ehefrau, die als Ordinationshilfe und -organisatorin „den Laden schupft“. Umgekehrt haben aber die Männer der Allgemeinmedizinerinnen meist einen anderen Beruf und die Ordination muss eine Angestellte mittragen.

Keine Wehleidigkeit

Dennoch sei, so Rabady, Wehleidigkeit fehl am Platz, denn als Selbständige kann sie einerseits im Notfall die Kinder auch einmal in die Ordination mitnehmen und als Ärztin kann sie sich Personal leisten. Im Vergleich mit der Durchschnittsmutter, die deutlich schlechter bezahlt in der Fabrik, im Supermarkt oder im Büro arbeitet, zwei ganz wesentliche Vorteile. Eine andere „typisch weibliche“ Gefahr ist für Rabady, dass Frauen eher in eine Burn-out-Situation kommen, da die Erwartungshaltung an sich selbst und an den Beruf sehr hoch gesteckt sind, und die Kluft zur Realität dadurch umso größer wird. Von Seiten der PatientInnen werden Frauen in der niedergelassenen Praxis inzwischen ebenso akzeptiert wie Männer, meint Rabady. Unterschiede hier sind in ihren Augen lediglich bei den Rollenzuschreibungen zu spüren. Wer Einfühlsamkeit, Empathie und Kommunikationsfähigkeit sucht, wird eher zu einem weiblichen Arzt tendieren.

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* End A, Mittlböck M, Piza-Katzer H. Professional satisfaction of women in surgery - results of a national study. Arch Surg 2004; 139: 1208-1214.

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 26/2007

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