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Gesundheitspolitik 22. Juni 2007

Frauen am Operationstisch

Wenn Frauen in Männerdomänen vordringen, stoßen sie oft auf Widerstand. Dabei ist die Zusammenarbeit der Geschlechter von Vorteil, vor allem für die Patienten. Eine zentrale Rolle dabei spielen die Führungskräfte und die Qualität der Organisation von Abteilungen.

Zu den eindeutig männlich dominierten medizinischen Fächern gehört die Chirurgie. Laut Österreichischer Ärztekammer gab es Anfang Jänner dieses Jahres 1.181 männliche und 188 weibliche Fachärzte für Allgemeinchirurgie. Den Frauen in der Chirurgie widmete sich eine Studie des Instituts für Empirische Sozialforschung (IFES), zurückgehend auf eine Idee von Prof. Hildegunde Piza-Katzer, Leiterin der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie, Medizinische Universität Innsbruck, und unterstützt von der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC), dem Berufsverband Österreichischer Chirurgen (BÖC) und dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Qualitätssicherung in der Plastischen Chirurgie1.

Hohe Rücklaufquote

Unter akribischer Recherche wurden 351 österreichische Frauen mit abgeschlossener Facharztausbildung bzw. in Ausbildung – aktive/nicht mehr aktive, karenzierte – der chirurgischen Kernfächer erfasst. Außergewöhnlich hoch war die Rücklaufquote von 206 anonymen Fragebögen (58,7 Prozent). Der IFES-Bericht zeigte, dass 57 Prozent der Befragten mit ihrer beruflichen Situation sehr zufrieden/zufrieden (Note 1-2), 28 Prozent mäßig zufrieden (Note 3) und 13 Prozent unzufrieden/sehr unzufrieden (Note 4-5) sind.
Als ein wesentlicher Schlüssel zur Zufriedenheit erwies sich in der statistischen Analyse von prognostischen Faktoren die Organisation der Abteilung2. Rund ein Viertel aller Befragten beurteilten diese als „sehr gut“, 54 Prozent als „einigermaßen gut“, 18 Prozent als „eher schlecht (chaotisch)“. Chirurginnen in Ordens- und Privatspitälern beurteilen zu acht Prozent die Organisation als schlecht gegenüber 15 Prozent in Gemeinde- und Landeskrankenhäusern und 35 Prozent an den Universitätskliniken. Einer der Gründe dafür könnte – neben den Kämpfen um Operationen – die Überlastung mit administrativer und sonstiger nicht-chirurgischer Tätigkeit sein. Unterforderung spielt eine größere Rolle als Überforderung (zu wenige vs. zu viele Operationen), und auch ein adäquater Operationskatalog ist für die berufliche Zufriedenheit wichtig.
48 Prozent der Chirurginnen beurteilen den Op-Katalog als „gut/Standard“, 21 Prozent als „ausgezeichnet“, 26 Prozent als „gut/ungenügend“ und vier Prozent haben noch nie oder selten selbständig operiert. Dabei fällt vor allem die Gruppe der Fachärztinnen an den Universitätskliniken auf: 41 Prozent beurteilen ihren Operationskatalog als schlecht und fühlen sich überdurchschnittlich gegenüber männlichen Kollegen benachteiligt.
Auffällig ist auch die „Zufriedenheitskurve“ in Zusammenhang mit dem Alter2: Junge und ältere Chirurginnen sind zufriedener als jene mittleren Alters. Prof. Dr. Adelheid End, Klinische Abteilung für Herz-Thoraxchirurgie, MedUni Wien: „Jüngere haben den Elan und die Hoffnung auf gute Berufsaussichten, die Chirurginnen zwischen 40 und 45 Jahren sind ernüchtert, die älteren wiederum haben für sich einen Ausweg gefunden, sei es durch Finden einer chirurgischen Nische, Abteilungswechsel, Aus-/Umstieg, Resignation und Verdrängung et cetera.“

Männer operieren öfter

Die Situation von Chirurginnen ist für Nicht-Chirurgen oft schwer verständlich. In der Ausbildung – aber auch danach – ist die Abhängigkeit von den Vorgesetzten sehr groß, da das chirurgische Handwerk einfach nur durch eine ausreichende Zahl an Operationen, die assistiert und dann selbständig durchgeführt werden, erlernt werden kann. Ist das nicht gegeben, etwa weil die männlichen Kollegen aufgrund größerer Durchsetzungskraft oder der – möglicherweise unbewussten – Einstellung des Abteilungschefs deutlich öfter operieren, so ist die Ausbildung von Männern und Frauen nicht gleichwertig. Dann ist auch der weitere Berufsweg naturgemäß erschwert. Chancengleichheit wird in 79 Prozent verneint.
Expertinnen sind der Ansicht, dass durch das Zusammenwirken der unterschiedlichen Eigenschaften von Männern und Frauen ein maximaler Benefit für den Patienten erreicht werden kann („management by diversity“): So haben Chirurginnen oft keine Schwierigkeit, andere um Hilfe zu bitten, reflektieren die Indikationsstellung meist sehr genau, erfassen den Patienten in seiner Gesamtheit und nehmen durch In­tuition Komplikationen oft früh wahr. Einen hohen Stellenwert haben Teamerfolg, Integration und Kommunikation.

1 IFES-Report „Berufssituation der Chirurginnen in Österreich“, Nr. 00297 –Hauptergebnisse – Juni 2001; Institut f. Empirische Sozialforschung, Wien (in Druck).
2 End A, Mittlböck M, Piza-Katzer H. Professional satisfaction of women in surgery - results of a national study. Arch Surg 2004; 139: 1208-1214.

Beiträge zur Diskussion bitte mit dem Stichwort: „Chirurginnen“ via E-Mail: (Bitte um Vermerk, ob Ihr Diskussionsbeitrag eventuell als Leserbrief gedruckt werden kann.)

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 25/2007

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