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Gesundheitspolitik 24. April 2007

Kdolsky find ich gut!

Die neue Bundesgesundheitsministerin lässt aufhorchen: Sie will die Gebietskrankenkassen „vereinheitlichen“ und quasi parallel durch Einsparungen in der Verwaltung derselben etwa 150 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Viele Ärzte sind jedoch skeptisch. Vereinheitlichung bedeutet nämlich in jedem Fall Veränderung, und Veränderung wird in der heutigen Zeit immer mehr mit „schlecht“ assoziiert. Auch für die Angestellten der Kassen kann diese Einsparung nur negativen Beigeschmack haben, da so eine Größenordnung sicherlich nicht ohne den Verlust von Arbeitsplätzen gehen kann. Mir gefallen diese Ansätze jedoch sehr gut und ich kann das auch begründen. Verschiedene Recherchen im Zusammenhang mit den Kassenverträgen sowie die ersten Ergebnisse unserer „Hausarzt in Not“-Umfrage bringen nämlich einiges ans Tageslicht. Die aktuellen Kassenverträge sind keinesfalls mehr zeitgemäß, was den Leistungskatalog und die Honorierung angeht. Wir stehen vor Jahrzehnte alten Werken, die immer wieder adaptiert wurden und mittlerweile nicht einmal mehr für Insider durchschaubar sind. Ich habe mir vergangenes Jahr die Mühe gemacht, einige willkürlich ausgewählte Behandlungen im Hinblick auf ihrer Honorierung bei den verschiedenen Krankenkassen zu überprüfen. Dabei wurden Abweichungen von bis zu 300 Prozent festgestellt. Schaut man sich jedoch die Scheinzahlen, Scheinwerte und das Honorarvolumen der verschiedenen Gebietskrankenkassen an, erkennt man eine auffallende Homogenität. Die Größenordnung der Abweichungen liegt hier im Bereich von weniger als zehn Prozent. Ein klarer Beweis für die Tatsache, dass es sowohl unterbezahlte, überbezahlte und möglicherweise sogar „ordentlich“ bezahlte Leistungen gibt. Das Ganze ist aber für niemanden mehr durchschaubar und höchst unterschiedlich in den Bundesländern. So werden schlecht bezahlte Leistungen von den gut bezahlten Leistungen subventioniert und die Ärzte können noch halbwegs vernünftig behandeln, da sich das Ganze noch immer irgendwie in Summe finanziell ausgeht. Und das auf gleichem Gesamtniveau in den Bundesländern. Wer jedoch die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen von ärztlichen Ordinationen mit diesen Erfahrungen in Einklang bringt, stellt fest, dass die Honorare im Schnitt mit gut 25 Prozent zu niedrig angesetzt sind. Das Gefühl vieler Ärzte trügt also nicht, dass sich die Honorare der kleinen Kassen viel näher an der Realität moderner Ordinationen befinden. Das betrifft jedoch nur Leistungen, die derzeit honoriert werden. Das führt zum Thema Bürokratie, die vielen Ärzten unter den Nägeln brennt. Eine Hochrechnung aus den mir zur Verfügung stehenden Zahlen sowie das erste Stimmungsbild aus unserer Umfrage „Hausarzt in Not“ ergibt, dass alleine von österreichischen Hausärzten „Gratis-ABS-Zeit“ im Wert von etwa 90 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung gestellt wird. In Summe aller Ärzte kommt man hier sicherlich auf ein Volumen von zwischen 150 und 200 Millionen Euro. Das bedeutet für mich nun zweierlei: Nachdem die ABS-Fälle auch kassenintern bearbeitet werden müssen und Chefärzte sicherlich finanziell nicht schlechter als Kassenärzte gestellt sind, liegen wirklich Unsummen in der Optimierung der Verwaltung. Mit den zusätzlichen Personal-, Betriebs- und Investitionskosten für die überbordende Bürokratie in Ordinationen müssten die Kassentarife nach meinen Berechnungen um weitere 25 Prozent (ausschließlich für die Bewältigung der Bürokratie) erhöht werden. Im Klartext: Im Kassenbereich (GKK) ist aus meiner betriebswirtschaftlichen Sicht eine Aufwertung des „Honorarniveaus“ um gesamt 50 Prozent notwendig. Das deckt sich übrigens auch mit dem Gefühl des „Durchschnittshausarztes“ unserer Umfrage. Doch zurück zum Thema „Kdolsky find ich gut!“. Einsparungen bei der Verwaltung und durch die Harmonisierung der Kassen sind aus meiner Sicht ein richtiger und längst fälliger Ansatz. Die Ärzte spüren allerdings die berechtigte Gefahr, dass hierbei von taktisch cleveren Verhandlern der „Gegenseite“ die jeweils für die Sozialversicherungen besten Teile der einzelnen Kassen weiterverwendet werden. Was zu weiteren Honorarreduktionen und aus meiner Sicht zum Ruin vieler Kassenärzte führen würde. Wenn ich daher in verantwortlicher Position innerhalb der Ärztekammer tätig wäre, würde ich genau zu diesem Zeitpunkt ein sauber und stichhaltig ausgearbeitetes Konzept über eine Honorarreform im Kassenbereich samt Qualitätssicherungskonzept vorlegen und mit Nachdruck fordern. Ich fürchte nur, dass so ein Konzept noch nicht existiert. Die jüngste Zeit lehrt uns jedoch, dass so ein Konzept samt Initiative dazu gute Chancen auf Verwirklichung hätte. Derzeit werden schon viel abstraktere Vorschläge (siehe Arzneimittelsicherheitsgurt) wie selbstverständlich umgesetzt. In diesem Falle lobt man sogar ausdrücklich die Initiative der Apotheker, fragt sich aber auch, warum die Ärzte den Entwicklungen der heutigen Zeit so tatenlos gegenübertreten. Einhergehend müssen dringend einfache, aber für alle Beteiligten faire Kooperationsmodelle wie Dauervertretung oder Anstellung bei Ärzten ausgearbeitet und etabliert werden, die es überhaupt erst ermöglichen, das heute schon geforderte Pensum noch abarbeiten zu können. Hierbei kristallisiert sich für mich das Hauptproblem der ganzen Honorarproblematik heraus. Dass nämlich wegen Unterbezahlung und viel zu restriktiver Vergabe von Kassenverträgen die Ärzte derzeit gerade noch leben können, weil sie eigentlich viel zu viele Patienten behandeln. Das natürlich unter immer größerem Druck, vom Patienten wenig geschätzter Ausübung von Fünf-Minuten-Medizin sowie unter häufiger grober Missachtung von Teilen eines Behandlungsvertrages wie Aufklärung und Dokumentation. Das müsste sich mit einheitlichen, sauber betriebswirtschaftlich kalkulierten Honoraren und gleichzeitiger Einführung von Kooperationsmodellen ändern lassen. Vielleicht ließe sich dadurch ja auch noch zusätzlich das eine oder andere Medikament einsparen. Wenn der Arzt wieder die Zeit hätte, mit dem Patienten im notwendigen Ausmaß zu sprechen. Also: Kdolsky find ich gut, aber konstruktive Anregungen von geeigneten Vertretern der Kassenärzte sind unbedingt notwendig!

Michael Dihlmann, Ärzte Woche 17/2007

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