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Gesundheitspolitik 15. Mai 2007

ELGA: Alternativen aus der Bundeshauptstadt

Statt alle Gesundheits- und Sozialdaten vernetzt zu sehen, wollen die Ärzte Patienten bei der Zusammenstellung individueller Datensammlungen unterstützen.

Die Bundesgesundheitsagentur beschloss in ihrer ersten Sitzung die Weiterentwicklung der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA).Diese sei, so Bundesministerin Dr. Andrea Kdolsky, „die gesundheitspolitische Innovation der nächsten Jahre. Durch die Bereitstellung von Gesundheitsdaten für behandelnde Ärzte soll mittels besserer Information auch eine bessere Behandlung im Sinne des Patienten ermöglicht werden.“ Für Dr. Norbert Jachimowicz, stellvertretender Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte der Wiener Ärztekammer Wien, klingt das grundsätzlich gut: „Wir kritisieren aber die Rahmenbedingungen und die konkrete Vorgangsweise.“ So wie das System jetzt geplant ist, wäre dem Missbrauch von hochsensiblen Daten letztlich Tür und Tor geöffnet. Zusätzlich stelle sich die Frage, woher die erforderlichen Finanzmittel kommen sollen: Allein für die Speicherung von Labor- und Röntgenbefunden wären laut Machbarkeitsstudie in einer ersten Phase etwa 30 Millionen Euro nötig. Ganz zu schweigen von Investitionen für jeden einzelnen Arzt.

Der Patient entscheidet

Die Wiener Ärztekammer schlägt erneut Alternativen zur ELGA vor: So sollen „Physical Health Records“ (PHR) eingeführt werden. „Diese sind eigentlich nichts grundlegend Neues und es kann auf bestehende positive Erfahrung etwa mit Patientenmappen in Papierform aufgebaut werden.“ Auf einem Datenträger, etwa einer CD-Rom oder DVD, werden relevante Daten gespeichert. „Der betreuende Arzt, der dies umsetzt, berät den Patienten, welche Daten oder Vorbefunde sinnvoll wären – der Patient entscheidet dann, was wirklich gespeichert wird, und kann diese Entscheidung später jederzeit revidieren.“ Für Jachimowicz hätte dies gleich mehrere Vorteile: „Zunächst fallen keine Kosten für eine zusätzliche EDV-Infrastruktur an. Dann gibt es keinerlei Probleme mit der Datensicherheit, weil es zu keiner Vernetzung der Daten kommt bzw. es nicht, wie bei ELGA vorgesehen, eine Funktion ähnlich einer Suchmaschine gibt, die auf verschiedenste Daten zugreifen kann.“ Denn auch wenn dies durch Gesetze verboten ist, bleibt die theoretische Machbarkeit ein ständiges Damoklesschwert. Dies wird auch verschärft durch Überlegungen, medizinische Daten auf europäischer Ebene zu sammeln und zu verknüpfen. Eine Alternative bzw. mögliche Erweiterung der PHRs ist aus Sicht der Wiener Ärztekammer ein Stufenmodell, das derzeit als Pilotprojekt umgesetzt wird: Auf Wunsch des Patienten können Entlassungsbriefe aus den Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbunds und des Hanusch-Krankenhauses elektronisch angefordert werden. „Auch hier können vorhandene Strukturen – etwa die von DaMe –, genutzt werden. Für den Arzt fallen keine Investitionskosten, sondern lediglich überschaubare Wartungskosten an.“ Der Zugriff auf die Daten ist dabei mehrfach abgesichert – es wird eine konkrete Anfrage zu ganz spezifischen Daten gestellt und keine Datensammlung betrieben. Beide Modelle oder auch deren Kombination sind aus Jachimowiczs Sicht auch aus volkswirtschaftlicher Sicht um ein Vielfaches günstiger.

Das Märchen von den sündteuren Doppeluntersuchungen

An dieser Stelle fordert Jachimowicz, mit der Mär von den Millionenkosten von Doppeluntersuchungen aufzuräumen: „Dazu gibt es keine Studien mit seriösen Daten – und bei akuten Beschwerden kann eben nicht auf zwei Jahre alte Befunde zurückgegriffen werden.“ Die Frage, ob angesichts der aktuellen Entscheidung der Bundesgeundheitsagentur Elga überhaupt noch verhinderbar ist, beantwortet Jachimowicz: „Umgesetzt werden muss das System von den Ärzten selber – und wir haben das nicht nur in Wien schon mehrfach betont, dass wir uns nicht grundsätzlich Systemen wie Elga verweigern, die Hoheit über die Verwaltung der Daten aber in den Händen der Ärzte bleiben muss und nicht in die von Sozialversicherung oder staatlichen Stellen gelangen.“ Aber wesentlich sinnvoller wäre die Umsetzung der PHRs und/oder des Stufenmodells.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 20/2007

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