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Gesundheitspolitik 5. Juni 2007

Adipositas: Wissen ist nicht gleich Handeln

Bei einem Projekt in Oberösterreich wird in Schulen auf den Umgang mit Übergewicht mit allen Sinnen gesetzt.

 Übergewicht
Übergewichtige Jugendliche müssen lernen, Negatives nicht mit Essen zu kompensieren.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Dass starkes Übergewicht und Adipositas auch bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger auftritt, ist keine Neuigkeit. Der Trend scheint allerdings momentan geradezu ungebremst weiter zu gehen – obwohl es an Informationen etwa zu gesunder Ernährung nicht mangelt. „Meist ist nicht fehlendes Wissen das Problem – im Gegenteil: Sowohl Kinder und Jugendliche als auch deren Eltern wissen oft vergleichsweise viel über die Ursachen von Übergewicht, aber sie handeln nicht dementsprechend“, analysiert Dr. Sahba Enayati. Der Internist und Ernährungsmediziner hat bei der Umsetzung des Pilotprojekts zur Prävention der juvenilen Adipositas an oberösterreichischen Schulen mitgewirkt und engagiert sich nun für dessen Umsetzung in den Regelbetrieb. Das Projekt wurde seit September des Vorjahrs gemeinsam mit dem Landesschulrat und dem Institut für Vorsorge- und Sozialmedizin der Ärztekammer für Oberösterreich umgesetzt.
„Klar ist: Es muss in die Prävention investiert werden, denn die Behandlung von Menschen mit Adipositas ist oft sehr schwierig – dazu kommen die vielen möglichen Folgeerkrankungen, die auch hohe volkswirtschaftliche Kosten verursachen.“
Bei dem Pilotprojekt wird auf die spielerische Vermittlung von Wissen gesetzt: „Die Jugendlichen werden fächerübergreifend quasi zu Detektiven ausgebildet, die ungesunden Nahrungsmitteln auf der Spur sind und, wenn sie diese finden, gelbe bzw. rote Karten verteilen“, erklärt Enayati. Dies wird auch zuhause umgesetzt, so würden automatisch die Eltern in das Projekt mit involviert und damit die Chance erhöht, dass sich tatsächlich Veränderungen im Alltagsverhalten ergeben. Im Projekt wird zudem auf alltagskompatible Bewegung gesetzt: Kinder und Jugendliche werden motiviert, Angebote von Sportvereinen vor Ort in Anspruch zu nehmen – damit wird auch ein Beitrag zur sozialen Integration geleistet.

Frust nicht wegessen

Ein weiteres Kernstück ist die Vermittlung von Coping-Methoden, ergänzt Enayati „also von Ansätzen, damit Frust, Ärger, Langeweile oder auch Druck nicht mit Essen kompensiert werden. Dabei geht es nicht um fertige Lösungen, sondern im Sinne des Empowerment darum, diese gemeinsam zu erarbeiten und auch schrittweise umzusetzen.“ Diese Art der Wissensvermittlung könne von den Kindern internalisiert werden und ermögliche eine nachhaltige Veränderung des Lebensstils. Das Pilotprojekt, in dem auch Weiterbildung für Lehrer durch die Schulärzte bzw. Elternabende vorkommen, wurde nun kürzlich erfolgreich abgeschlossen und soll innerhalb der nächsten Monate landesweit in möglichst vielen Schulen umgesetzt werden. Zum Einsatz kommen sollen dabei auch die umfangreichen Unterlagen, die in der Pilotphase erarbeitet wurden.*
Enayati empfiehlt auch, die Formulierungen auf den Formularen zu überdenken: „Viele Eltern fühlen sich vor den Kopf gestoßen, wenn sie eine Art Formular bekommen, auf dem das Wort Übergewicht steht und eine Abklärung beim Hausarzt empfohlen wird.“ Sie fühlen sich in ihrer Kompetenz als Eltern nicht wahrgenommen und reagieren teilweise mit starker Ablehnung. Dabei ginge es auch um Verleugnung, dass das eigene Kind übergewichtig sein könnte.

Sinnvolle Information

„Es gilt zu überlegen, wie Eltern sinnvoll zu informieren sind – der spielerische Ansatz des Projektes ist sicher auch einer, der in sozioökonomisch schwachen Familien, wo ja starkes Übergewicht und Adipositas vergleichsweise noch häufiger auftreten, positive Impulse bringen kann“, so Enayati weiter.
Zur Diskussion über eine „Fettsteuer“ kann sich Enayati gut vorstellen, dass so etwas – vergleichbar mit der Tabaksteuer – in Kombination mit anderen Maßnahmen durchaus sinnvoll sein könnte. Transparent müsste sein, wie diese Mittel dann zweckgebunden zum Einsatz kommen.

* Eine schriftliche Projektanleitung kann unter gegen einen Kostenersatz 18,- Euro bestellt werden.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 23/2007

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