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Gesundheitspolitik 19. Juli 2007

System mit Problem

Der Vorwurf der Ärztekammer: Die Wiener Gebietskrankenkasse will bei 10.000 Patienten erbrachte ärztliche Leistungen nicht honorieren und redet sich auf angebliche Fehler bei den übermittelten Daten aus. Ärzte und Standesvertretung orten ein Datenchaos und wollen klagen.

 Podium
Dr. Hans-Peter Petutschnig, WÄK, Allgemeinmediziner MR Dr. Karl Junbauer, Dr. Janohannes Steinhart, WÄK (v.l.n.r.): „Chaos mit den Daten“.

Foto: Zeitler, Ärztekammer für Wien

„In der Abrechnung des ersten Quartals 2007 wurden zahlreiche von Vertragsärzten erbrachte Leistungen nicht vergütet, weil angeblich die e-Card nicht gesteckt wurde“, hatte Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, aufgrund mehrerer diesbezüglicher Ärztemeldungen bereits im Juni konstatiert. Rund 10.000 Patienten (das ist ungefähr die Einwohnerzahl von Eisenstadt) seien betroffen, so die Erhebungen der Kammer. „Es geht um eine Gesamtsumme von etwa 500.000 Euro, die unseren niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten für ihre Leistungen im ersten Quartal 2007 nicht ausbezahlt wurde“, so Steinhart; übers Jahr gerechnet, mache das zwei Millionen Euro aus. Die Gebietskrankenkasse ging auf die Nachzahlungsforderungen der Ärztekammer nicht ein, die daraufhin prompt ein Ultimatum bis zum 9. Juli stellte. Das wiederum wurde vom WGKK-Obmann Franz Bittner vis-a-vis der APA als „völlig verblödet“ bezeichnet. Bei einer Pressekonferenz tags darauf sparte Steinhart nicht mit markigen Worten in Richtung der „launigen Sprüche“ des Obmanns und „interner Probleme“ der Krankenkasse. Wenngleich die ganze Entwicklung nicht überraschend sei: „Wir haben ein Chaos erwartet, als die Gebietskrankenkasse uns mitteilte, dass sie die Abrechnungsdatensätze der Ärzte mit den e-Card-Daten des Hauptverbands bei der Abrechnung abgleichen wird.“

Das System verschluckt Fälle

Probeläufe im Frühjahr hätten gezeigt, dass das System trotz gesteckter e-Card Patientenfälle einfach „verschluckt“. So sind die Daten bei einem Wechsel von einer Versicherung zur anderen meist inaktuell, manche Patienten scheinen bei Ärzten auf, die dort nie in Behandlung waren, Neugeborene würden überhaupt lange nicht als versichert registriert, manche Fälle seien vom System einfach falsch oder gar nicht weitergeleitet worden. So kritisierte Dr. Hans-Joa­chim Fuchs, niedergelassener Allgemeinmediziner im 9. Wiener Gemeindebezirk, bei der Pressekonferenz, dass die e-Card „aufgrund der schlechten Koordination“ zwischen Arbeitsmarktservice (AMS) und WGKK bei vielen arbeitslosen Patienten immer noch nicht funktioniere. Häufig erscheine wochenlang die Meldung „Es liegt keine Anspruchsberechtigung des Patienten vor“, und auch die Einträge der Rezeptgebührenbefreiung würden des Öfteren im System des Hauptverbands fehlen.
Vor allem der Wechsel zwischen Arbeitslosenbezug beziehungsweise Notstandshilfe hin zum Krankengeldbezug bereite Patient und Arzt immer wieder Schwierigkeiten, so Fuchs: „Bei den Verhandlungen hat man uns Ärzten und den Patienten absolute Aktualität der Daten versprochen. Das war schlichtweg eine Lüge.“ Medizinalrat Dr. Karl Jungbauer, Allgemeinmediziner in Floridsdorf, war ursprünglich „vom Zeitgewinn durch die EDV, die ich seit 15 Jahren benutze, total begeistert“. Doch seit Einführung der elektronischen Versicherungskarte würden wieder Patienten-Warteschlangen vom Empfangspult bis auf die Straße stehen. Schuld daran sei das komplizierte Prozedere mit dem Stecken der e-Card.
Von Seiten der Wiener Gebietskrankenkasse wird betont, dass hier „ein Problem künstlich aufgebauscht wird“. Schon zu Zeiten der Krankenscheine hätte es immer wieder Fälle gegeben, bei denen Behandlungen verrechnet wurden, die nicht oder nicht in dieser Form im Leistungskatalog auftauchen bzw. seien wichtige Unterlagen und Informationen nicht übermittelt worden. All diesen Fällen wurde in der Zeit nach der Einführung der e-Card zunächst nicht mehr nachgegangen, auch um zu prüfen, was sich durch das elektronische System ändert. So wurden alle von den Ärzten verrechneten Leis­tungen gezahlt. Aber nun wäre genug Zeit gewesen, um sich mit dem System vertraut zu machen, daher würde auch wieder stärker auf die Richtigkeit der abgerechneten Daten geachtet. „Wenn Ärzte Fehler in den Abrechnungen haben, ist es bedauerlich, dass uns vorgeworfen wird, dass irgendwelche Daten angeblich verschluckt werden“, so Jan Pazourek von der WGKK im Gespräch mit der Ärzte Woche. Es gehe um einige wenige Vertragsärzte, die „fast schon traditionell in der Vergangenheit Probleme mit der Korrektheit der Abrechnung hatten“, meint Pazourek. Insgesamt seien rund 8.000 von 1,4 Millionen Fällen betroffen, das seien weniger als 0,6 Prozent. Pazourek wirft diesen Ärzten vor, dass sie das Problem auf dem Rücken der Patienten austragen wollen.
Steinhart sieht das freilich anders: „Es treten Probleme bei über 800 Ärzten, also etwa der Hälfte der Vertragspartner, auf, das sind nicht die ‚üblichen Verdächtigen’, sondern hier geht es tatsächlich um ein Systemproblem, das sich noch dazu ausschließlich auf Wien konzentriert. In allen anderen Bundesländern bzw. den anderen Versicherungsträgern gibt es keine Schwierigkeiten.“
Ein zusätzliches Problem sind laut Steinhart auch die – für zu kurz befundenen – Nachsteckzeiten. „Das Ersuchen der Ärztekammer, die Nachsteckfristen patientenfreundlicher zu regeln, liegt seit einem halben Jahr unbeantwortet beim Hauptverband“, früher, so Steinhart, war das Nachbringen von Krankenscheinen kein Problem gewesen – aber in Zeiten der E-Health scheint Kulanz ein Fremdwort zu sein.

Patienten zur Kasse bitten

Zwar will die Ärztekammer, sollte es Signale der Gesprächsbereitschaft von Seiten der WGKK geben, durchaus mit der Kasse in Kommunikation treten. Doch inzwischen hat die Rechtsanwaltskanzlei Spitzauer & Backhausen im Namen der Kurienversammlung der Wiener niedergelassenen Ärzte bzw. direkt im Namen betroffener Mediziner Anträge an die Schiedskommissionen der Wiener Gebietskrankenkasse gestellt. Antragsgegenstand: die Entscheidung der Streitigkeiten. Fristigkeit: zwei Wochen. Auf der Pressekonferenz schloss Steinhart auch den Klagsweg sowie die Aufkündigung des Vertrags mit dem Hauptverband und eine Rückkehr zum Krankenschein nicht aus.
Den Patienten die Honorare zu verrechnen soll gemäß Steinhart erst der allerletzte Weg sein.

 Fakten

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28/2007

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