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Gesundheitspolitik 5. Juli 2007

Sexualstraftäter: Strafen oder behandeln?

Ausgehend von aktuellen Fällen in Großbritannien ist wieder einmal die Rede von „hormoneller Kastration“ – eine unreflektierte Antwort auf ein vielschichtiges Thema.

 Kind

Foto: Buenos Dias/photos.com

In einer Untersuchung von „Neustart“ (Bewährungshilfe & Opferschutz) werden zwei Grundtypen von Sexualstraftätern unterschieden: Einerseits sozial weitgehend un­auffällige, gut integrierte Menschen, deren Taten häufig Ausdruck einer devianten Sexualentwicklung sind. Diese Täter sind in vielen Fällen tateinsichtig und bereit, auch höherschwellige Therapie- und Un­terstützungs­angebote anzunehmen.
Die zweite Gruppe fällt durch Problem- und Deliktvielfalt auf – oft geht es gleichzeitig um Eigentums- und Gewaltdelinquenz. „Eine zentrale Aufgabe in der Begleitung dieser Personen ist die Bearbeitung sozialer Problemlagen: Arbeitslosigkeit, Schulden, massive Beziehungsprobleme usw.“, erläutert Dr. Elisabeth Grabner-Tesar, Leiterin von „Neustart“ Wien 21. Anzutreffen wären häufig eine geringe Tat­einsicht und Kooperationsbereitschaft sowie eine höhere Rückfallquote – „wobei diese, anders als oft gerne dargestellt, bei unter 25 Prozent der Fälle liegt“, betont Priv. Doz. Dr. Reinhard Eher, Leiter der vor fünf Jahren geschaffenen Zentralen Dokumentations- und Koordinationsstelle für Sexualstraftäter im Strafvollzug.
Für diese zweite Tätergruppe sind niederschwellige Beratungs- und Begleitungsangebote wichtig, die auch in nachgehender Form erfolgen sollte. „In Österreich gibt es einen starken Nachholbedarf bei frühzeitiger Entlassung auf Bewährung“, meint Grabner-Tesar. Oft wird argumentiert, bei dieser Tätergruppe dürfe es kein Nachsehen geben. „So bleiben die Täter meist bis zum Ende der Strafzeit in Haft und werden ohne jede professionelle Begleitung und Kontrollmöglichkeit entlassen.“ Bei einer Entlassung auf Bewährung wäre es möglich, eine adäquate Unterstützung anzubieten. „Es ist keine Frage, dass Opfer eine Begleitung und oft auch therapeutische Hilfe brauchen – aber auch mit den Tätern muss gearbeitet werden, will man weitere Straftaten verhindern.“
Grabner-Tesar und Eher sind sich einig, dass eine Kombination aus medizinischen, psychotherapeutischen und sozialarbeiterischen Leistungen gefragt ist, die ganz konkret auf die betreffende Person ausgerichtet ist. Auch internationale Untersuchungen zeigen, dass sich so die Rückfallquote deutlich reduzieren lässt.
„Auch wenn es eine sehr kleine Gruppe von Tätern gibt, bei denen es momentan keine Alternative zur andauernden Haft gibt, ist Einsperren sicher keine Lösung des Problems“, unterstreicht Eher.

„Chemische Keule“ ist keine Lösung

Anlässlich aktueller Vorfälle in Großbritannien wurde wieder einmal der Ruf nach genereller hormoneller Kastration laut. „Das ist blanker Populismus!“, betont Eher. Ein Mensch würde eben nicht alleine von Hormonen gesteuert und bestimmt werden.
Im Zuge einer Behandlung der Täter können auch medizinische Maßnahmen wichtig sein – „aber eben als ein Teil der Maßnahmen. Es kommt hinzu, dass es momentan keine Daten gibt, die mit der – angesichts beträchtlicher Nebenwirkungen – zu fordernden empirischen Sicherheit beweisen, dass langfristig hormonelle Maßnahmen eine Veränderung bei den Rückfallquoten bringen“, ergänzt Eher. Und ethisch höchst bedenklich wäre die Maßnahme ohnehin.
Sexuelle Übergriffe sind ein beliebtes Thema der Medien – aber nicht in der Arztpraxis. „Opfern von Vergewaltigungen fällt es oft sehr schwer, den Vorfall anzusprechen. Hausärzte sind Personen, denen entsprechende Anzeichen auffallen können – auch bei betroffenen Kindern – und die dazu aufgerufen sind, das Thema auf eine sensible Art anzusprechen“, meint Grabner-Tesar.
Eher ergänzt dazu die Wichtigkeit des Weiterweisens an spezialisierte Opfereinrichtungen (eine Liste findet sich auf der WebSite www.igf.or.at). Er wünscht sich auch, dass forensisches Basiswissen auch in der Ausbildung von Medizinern einen größeren Stellenwert einnimmt.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 27/2007

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