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Gesundheitspolitik 4. Oktober 2007

Abstimmung mit Bauchweh

Monatelang wurde um eine neue Betriebsvereinbarung für das Krankenhaus Wiener Neustadt gerungen. Die jetzige Lösung könnte eine mit baldigem Ablaufdatum sein.

Zwei Kernthemen machten bislang eine neue Betriebsvereinbarung im vor der Übernahme durch das Land Niederösterreich stehenden Krankenhaus scheinbar unmöglich: die geplante Rufbereitschaft sowie die Frage des Dienstbeginns.
Nun wurde die Vereinbarung trotzdem angenommen – allerdings verließen alle Ärzte vor der Abstimmung den Raum. Der Beschluss war also „einstimmig“. Das Land hatte mehrfach betont: Ohne neue Betriebsvereinbarung würde auch die Übernahme des stark defizitären Spitals gefährdet sein.
„Die Ärzte des Hauses“, so betont Dr. Ronald Gallob, Spitalsärztevertreter in Wiener Neustadt und Obmann der Kurie der angestellten Ärzte in Niederösterreich, „wollten durch ihr Verhalten bei der Abstimmung einerseits ihre weiterhin aufrechte Kritik an Rufbereitschaft und Dienstbeginn kundtun. Andererseits sollte die weitere Versorgung der Patienten in der Region gewährleistet sein – und dies wäre ohne das Krankenhaus Wiener Neustadt nicht möglich.“ Rufbereit­schaft bedeutet, dass Ärzte zwar in der Nacht nach Hause gehen können, aber auf Abruf bereit stehen müssen. Zu befürchten wäre dadurch „eine enorme Verschlechterung der Qualität der Patientenversorgung“, meinte Gallob im Rahmen der Verhandlungen. Gerade bei Notfällen sei zu befürchten, dass die Anreise ins Spital eine unverantwortliche und medizinisch problematische Verzögerung verursachen könnte. Zudem wird die Rufbereitschaft nur sehr gering entlohnt, da sie nicht als Arbeitszeit gilt. „Statt die eklatanten Personalmängel im Wiener Neustädter Spital zu beseitigen, versucht man mit einer festgeschriebenen Rufbereitschaft den Missstand zu bemänteln und einzuzementieren“, kritisierte der Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte der Österreichischen Ärztekammer, Dr. Harald Mayer.

Abweichung vom Dienstbeginn

Der zweite wesentliche Kritikpunkt der Ärzte war die Abweichung vom Dienstbeginn zwischen 7 und 9 Uhr. Laut Gallob könne dies zu einem „Mehrschichtbetrieb führen, der aufgrund häufigerer Rand- und Übergabezeiten ineffizient wäre, die Zeit für den Patienten noch mehr verkürzen und darüber hinaus das Übermitteln von Patienteninformation empfindlich stören würde“. Außerdem ließe sich die Ausbildung der Turnusärzte noch schwieriger durchführen. Denn laut Ärztegesetz soll diese ja in der Kernarbeitszeit von 8 bis 13 Uhr stattfinden – noch dazu ist dies die Zeit der Visiten, wo ein Bed-Side-Teaching realistisch ist.
„Eine noch nie da gewesene Solidarität ist derzeit in den Reihen der angestellten Ärzte spürbar. Mit dem jetzigen Verhalten haben sie ein Höchstmaß an gesundheitspolitischem Verantwortungsbewusstsein gezeigt“, kommentiert der niederösterreichische Ärztekammerpräsident Dr. Christoph Reisner die aktuelle Situation. Da eine Schließung des Spitals im Raum gestanden sei, wäre eine andere Verhaltensweise nicht möglich gewesen. „Die Ärzte haben angekündigt, die Auswirkungen der Betriebsvereinbarungen sehr genau zu analysieren. Und auch von unserer Seite werden wir vor allem die rechtlichen Komponenten genau beobachten“, so Reisner. Vor allem geht es um die Frage, wer verantwortlich und haftbar ist, wenn ein medizinischer Schaden dadurch entsteht, dass eine medizinische Behandlung nicht rechtzeitig erfolgen konnte, weil es Verzögerungen bei der Anreise ins Spital gab. Die Rufbereitschaft gilt übrigens in allen Krankenhäusern, die in der Trägerschaft des Landes sind.
Genauso kritisch sollen aber auch die Arbeitszeiten von Turnus­ärzten verfolgt werden.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 40/2007

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