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Gesundheitspolitik 27. September 2007

Sparen am besonderen Saft

Jede fünfte Blutkonserve wird unnötigerweise angehängt, besagt eine Studie. Daraus resultiert nicht nur ein ökonomisches, sondern möglicherweise auch ein medizinisches Problem, meinen Experten. Die Zahlen sind veraltet, sagen andere.

 Blutkonserve
In manchen Spitälern wird bedeutend mehr Blut verbraucht als in anderen.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Im Frühjahr 2005 wurden erstmals Daten einer vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie über den Einsatz von Blutkonserven vorgestellt: Analysiert wurden dabei planbare Eingriffe wie Hüft-, Knie- und Bypass-Operationen in Spitälern in ganz Österreich. Prof. Dr. Hans Gombotz, einer der Studienautoren und Leiter der Anästhesie und Intensivmedizin am AKH Linz, zu den Ergebnissen aus seiner Sicht: „In manchen Spitälern wird signifikant – teils geht es um den Faktor sechs – mehr Blut verwendet als in anderen. Bei orthopädischen Operationen besteht ein Einsparungspotenzial an Fremdblut-Konserven von etwa 60 Prozent.“ Gombotz schätzt auf Grundlage dieser Erhebungen, dass mindestens 100.000 von insgesamt etwa einer halben Million verabreichten Blutkonserven pro Jahr eingespart werden könnten.

Regelmäßige Evaluation des Blutverbrauchs

Gombotz betont außerdem, dass zu viele Blutkonserven nicht nur ein ökonomisches Problem darstellen, sondern auch eine in zu vielen Fällen erhöhte Infektionsanfälligkeit, eine erhöhte Rezidivrate und auch eine höhere Sterberate bedeuten würden. Er fordert eine regelmäßige Evaluation des Blutverbrauchs in allen Spitälern.
Einschätzungen, die Prim. Dr. Christian Gabriel, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin, skeptisch analysiert: „In den letzten sieben Jahren zeigen sich in vielen Spitalsabteilungen die positiven Ergebnisse einer sehr sorgsamen und überlegten Politik im Umgang mit Transfusionen. Blutsparen ist überall ein Thema und wird auch gemeinsam gezielt verfolgt.“ Gom­botz Analysen würden zumindest zu einem Teil von veralteten Daten ausgehen. Allerdings nimmt Gabriel ebenso teils überproportionale Unterschiede im „Blutverbrauch“ verschiedener Spitäler wahr: „Das hat mit Unterschieden bei den Operationsmethoden zu tun und auch mit der konkreten Erfahrung, die der jeweilige Operateur mitbringt.“
Die Anästhesisten sowie die für Transfusionen und Lagerhaltung des Blutes verantwortlichen Ärzte hätten, so Gabriel, jedenfalls auch von der Spitalsleitungen den – sowohl aus medizinischer als auch ökonomischer Sicht sinnvollen – Auftrag, den sparsamen Einsatz von Blutkonserven zu forcieren.Gabriel kann wenig mit Gombotz Vorwürfen anfangen, im Vorfeld von Operationen würde nicht genau genug analysiert, welche Maßnahmen im Vorfeld einer Operation zum sparsamen Einsatz von Blutkonserven nötig sind. Dass 20 Prozent der Patienten mit Blutarmut nicht ausreichend vorbehandelt werden, erscheint Gabriel als sehr hoch gegriffene Zahl. „Nicht nur in Linz werden routinemäßig etwa die Zahl der roten Blutkörperchen sowie präoperativ Transfusionstrigger analysiert.“ Am Linzer AKH, an dem Gombotz auch tätig ist, wurde kürzlich stolz ein „Blut-Sparpaket“ präsentiert: ein Dreisäulenmodell aus Blutuntersuchungen, Analyse des Transfusionstriggers sowie einem Bemühen um Reduzierung des Blutverlustes während der eigentlichen Operation.
Gabriel kritisiert weiters, dass es erst jetzt möglich gewesen sei, die Details aus Gombotz Studie zu analysieren. „Aber schon in den letzten Jahren geisterte immer wieder die undifferenzierte Schlagzeile mit der ‚Blutverschwendung’ durch die Medien.“ Dies sei gerade in Zeiten unklug, „in denen es ohnehin sehr schwierig geworden ist, Menschen zum Blutspenden zu motivieren“. Diesen Rückgang erklärt sich Gabriel vor allem auch damit, dass der Anteil älterer Menschen im Vergleich zu jüngeren durch die aktuelle Bevölkerungsentwicklung im Steigen sei. So gibt es auch eine geringere Zahl von Präsenzdienern – der erfahrungsgemäß fleißigsten Blutspender. „Mehr ältere Menschen bedeuten auch mehr Operationen und in vielen Fällen auch mehr Bedarf an Blutkonserven“, so Gabriel weiter.
Die in den Medien geforderte „Blutkommission“ des Gesundheitsministerium sei jedenfalls längst etabliert. Einer ihrer Arbeitsaufträge ist, Einsparungen bis zu 13 Millionen Euro unter anderem durch sorgsameren Umgang mit Blutkonserven zu erreichen. Für Gabriel ist die Einrichtung der „Blutkommission“ grundsätzlich eine positive Sache – „allerdings ist diese momentan überproportional stark mit Vertretern aus dem Bereich der Plasmaverarbeiter, also aus der Industrie, besetzt“. Gabriel befürchtet, dass die Ärzte mit ihrer Meinung dort zu wenig zum Zug kommen. „Mit der verallgemeinernden Botschaft der ‚Blutverschwendung’ und den sehr hoch gegriffenen Zahlen lässt sich das Problem jedenfalls sicher nicht lösen, es braucht eine gemeinsame Vorgangsweise.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 39/2007

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