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Gesundheitspolitik 20. September 2007

Erhebung der Stilldaten zeigt Handlungsbedarf

Ein Großteil der Frauen beginnt zwar zu stillen, lässt es aber schon nach wenigen Wochen wieder sein. Hauptursache: fehlende oder nicht adäquate Unterstützung.

In Österreich gibt es seit drei Jahren eine Stillkommission, die im Auftrag des Gesundheitsministeriums tätig ist. „Abgeschlossen ist die Entwicklung von Stillempfehlungen, die sich an den Standards der Weltgesundheitsorganisation orientieren“, so der Pädiater Prof. Dr. Karl Zwiauer, Vorsitzender der Kommission. Zentrale Aussagen: Stillen ist die optimale Form der Ernährung für ein Neugeborenes. Es sollte in den ersten sechs Monaten voll gestillt werden und dann zumindest bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres neben der Beikost oder auch darüber hinaus. Denn vom Stillen profitieren – auch langfristig gesehen – Baby und Mutter, dazu gibt es eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse.
„Wichtig ist, diese Empfehlungen möglichst breit bekannt zu machen, sowohl im intra-, als auch extramuralen Bereich“, betont Zwiauer. Problematisch sei, dass nach wie vor viele Babys in den ersten Lebenstagen zugefüttert werden, obwohl dies meist nicht medizinisch indiziert ist. Das Thema der Internationalen Woche für das Stillen vom 1. bis 7. Oktober ist heuer übrigens die Förderung des Bondings unmittelbar nach der Geburt.

Befragung des Ministeriums

Die Stillkommission hat weiters eine Erhebung der aktuellen Stillraten initiiert. „Untersucht wurde auch die Struktur- und Prozessqualität der heimischen Geburten­abteilungen“, berichtet Dr. Renate Fally-Kausek vom Gesundheits­ministerium.
90 Prozent der Abteilungsleiter gaben in der Befragung an, schon bei der Geburtsvorbereitung zum Thema Stillen zu informieren. In mehr als zwei Drittel der Häuser haben zumindest einige Krankenschwestern, Hebammen oder Ärzte die international anerkannte Zusatzqualifikation als geprüfte Stillberaterin IBCLC erworben. 90 Prozent gaben an, ein Anlegen des Babys nach Bedarf anzubieten, 93 Prozent betonten, dass Rooming-In umgesetzt und so die Eltern-Kind-Beziehung in den ersten Tagen aktiv gefördert wird. 64 Prozent gaben an, dass der Großteil der Mütter zumindest mit dem Stillen beginnt, in Spitälern, die laut dem WHO/UNICEF-Standard des „stillfreundlichen Spitals“ arbeiten, sind es fast 100 Prozent. Obwohl viele der 700 in Telefon­interviews befragten Frauen sich ursprünglich zum Stillen entschlossen – „dies erfolgt oft schon vor der Schwangerschaft“, so Fally-Kausek –, stillen nach drei Monaten nur noch knapp 60 Prozent voll, nach sechs Monaten nur mehr jede zehnte.

Ältere Mütter stillen eher

Die Wahrscheinlichkeit einer Entscheidung für das Stillen steigt mit dem Alter der Frauen und damit, ob diese bereits Kinder haben. Geburtskomplikationen werden als hinderlich beschrieben.
Als Gründe für das Abstillen werden vor allem „zu wenig Muttermilch“ und Brustverweigerung durch das Kind angegeben. „Mütter erhalten oft sehr unterschiedliche Informationen zum Stillen. Notwendig wäre eine einheitliche Qualifikation für alle, die Stillende begleiten“, sagt Zwiauer. In der Grundausbildung von Ärzten, Hebammen und Pflegepersonal kam und kommt das Thema nur in­adäquat vor.

Fehlende Fachkompetenz

„Maßnahmen werden von vielen Seiten schon seit Jahren gefordert“, sagt Gabriele Hörander, Präsidentin des Verbandes der Still- und Laktationsberaterinnen Österreichs (VSLÖ – www.stillen.at). „Die angegebenen Gründe für das Abstillen haben oft mit fehlender fachkompetenter Beratung zu tun. Nach wie vor wird auch von Ärzten sehr schnell das Abstillen ­empfohlen.“
In der Aus- und Fortbildung der Gesundheitsberufe müsste es laut Ministerium mehr Angebote geben, um eine einheitliche Sprache bei der Begleitung Stillender zu fördern. Fally-Kausek möchte sich auch dafür einsetzen, dass die Ergebnisse der Erhebung der Stillkommission breiter bekannt werden und die Daten nach einiger Zeit nochmals durch weitere Befragungen überprüft werden.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 38/2007

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