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Gesundheitspolitik 17. Oktober 2007

Kommt ein Ende der Abgrenzungsdebatten?

Auch angesichts der Diskussion um den möglicherweise bevorstehenden Ärztemangel gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Aufgaben zwischen Medizinern und Pflegekräften besser verteilt werden können.

Ein aktueller Artikel in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit trägt den Titel „Doktor Schwester“. In Münster testet nämlich seit August das Universitätskrankenhaus in der Klinik für Hämatologie und Onkologie und in der Hautklinik, was passiert, wenn Pfleger und Pflegerinnen ärztliche Aufgaben übernehmen. Das Ziel: Mediziner sollen mehr Zeit für Diagnose, Therapie und Krankengespräche haben, die Patienten nicht mehr so lange auf Routinechecks und Medikamente warten müssen. Dazu erklärt Mag. Dr. Elisabeth Rappold, Vorsitzende der Gesellschaft für Pflegewissenschaft im ÖGKV, im Gespräch mit der Ärzte Woche: „Im Gegensatz zu den Regelungen in Österreich dürfen Pflegekräfte in Deutschland derzeit keine Aufgaben wie das Anhängen von Infusionen, Blut abnehmen usw. übernehmen. Dies ist bei uns ein Teil des mitverantwortlichen Aufgabenbereiches, ausgehend von der ärztlichen Anordnung im Einzelfall.“
Zu Abgrenzungsdebatten zwischen Ärzten und Pflegepersonal im Spital kommt es hier zu Lande teils aufgrund von Bestimmungen des Dienstrechts, in dem geregelt wird, welchen ärztlichen Anordnungen Folge geleistet werden muss. „Auch für die Hauskrankenpflege gibt es dienstrechtliche Bestimmungen, die teils dazu führen, dass Pflegepersonen nicht das tun können, was sie vom Gesetz her dürften“, so Rappold. Ein Problem ortet sie etwa darin, dass Veränderungen in der Therapie immer einer schriftlichen Genehmigung des Arztes bedürfen, dieser aber nicht immer unmittelbar verfügbar ist. Auch dass Pflegehilfsmittel nur vom Arzt verschrieben werden dürfen, führt immer wieder zu unnötigen Verzögerungen.
Dr. Gert Wiegele, Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte in Kärnten, betont, dass „die Letztentscheidung und das Verschreibungsrecht auf jeden Fall beim Arzt bleiben müssen“. Die Frage sei eher, welche organisatorischen Erleichterungen und Verbesserungen in der gegenseitigen Abstimmung möglich wären.
Auch Dr. Wolfgang Zillig, Vorsitzender der Oberösterreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, ortet Schwierigkeiten in der wechselseitigen Kommunikation: „Gerade wenn es um die Entlassung aus dem Krankenhaus geht, werden die Hausärzte oft viel zu spät einbezogen. Es kommt so immer wieder zu einer vermeidbaren Verschlechterung des Gesundheitszustandes, die zu oft zu einer Wiedereinweisung ins Spital führt.“ Wiegele und Zillig sind sich einig, dass diplomiertes Pflegepersonal durchaus in verschiedenen Bereichen mehr Aufgaben übernehmen könnte: etwa wenn es um Wundmanagement geht, um Infusionen, Kontrolle des Blutdrucks oder um die Beobachtung der Entwicklung des gesundheitlichen Allgemeinzustands. „Wichtig ist eben, dass sehr gut ausgemacht ist, wer welche Informationen wann und von wem erhält“, betont Zillig. Für Wiegele ist auch unerlässlich, dass die Pflegekräfte die nötigen Qualifikationen mitbringen, denn nicht alle könnten automatisch herausfordernde Tätigkeiten beim Wundmanagement übernehmen. „Es ist schade, dass es auf beiden Seiten immer wieder Ängste gibt, Ärzte und Pflegepersonen könnten sich quasi etwas von ihren Kompetenzen wegnehmen“, meint Rappold. Im Mittelpunkt müssten die Verbesserung der Versorgung und die Lebensqualität des Patienten stehen.
Solche Befürchtungen tauchen auch immer wieder in der Diskussion um die Akademisierung der Pflege auf. „Aber es gibt schon jetzt Pflegepersonen mit Studium. Die Rückmeldungen der Ärzte sind durchwegs positiv, da eine Kooperation auf Grundlage eines erweiterten Wissens intensiver möglich ist und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.“
Österreich würde bei der Akademisierung im europäischen Feld sowieso deutlich nachhinken. „Es wird nun einige Pilotprojekte geben, eine wirkliche Veränderung wird sich innerhalb der nächsten fünf Jahre jedoch nicht ergeben“, bedauert Rappold. Sie sieht auch die Wichtigkeit der Zusatzqualifikationen von Pflegepersonal etwa im Bereich des Wundmanagements, der palliativen Pflege oder auch Familiengesundheitspflege. Rappold erinnert daran, „dass es schon jetzt viele Beispiele gibt, wo Ärzte und Pflegepersonen im niedergelassenen Bereich sehr intensiv und gut zusammenarbeiten. Beide können voneinander profitieren bzw. es erhöht sich deutlich die Versorgungsqualität.“ Vor allem wenn es um den prognostizierten Ärztemangel geht, stelle sich die Frage der Neuverteilung von Aufgaben; so ginge es auch darum, Pflegekräfte von Dienstleistungen wie dem Verteilen von Essen und anderen delegierbaren Tätigkeiten zu entlasten.

 Fakten

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 42/2007

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