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Gesundheitspolitik 10. Oktober 2007

Pilates ja – Moorbad nein

Der Streit um die Leistungskürzungen für physikalische Medizin in Wien geht in eine neue Runde. Geradezu zynisch empfinden einige Ärzte ein neues Projekt, bei dem Bewegung auf Krankenschein verschrieben wird.

„Die Versicherten der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) müssen keine Leistungskürzungen im Bereich der physikalischen Medizin befürchten“, heißt es in einer aktuellen Medienaussendung der WGKK. Das betreffe auch das Krankheitsbild „unspezifischer Rückenschmerz“: Erst bei einer Folgebehandlung bestehe Bewilligungspflicht, und die Reduktion der Verordnungsgröße von zehn auf sechs weitere Behandlungen wäre eine Anpassung an „international evidenzbasierte Behandlungsrichtlinien“. Dazu Dr. Hans Malus, Facharzt für physikalische Medizin in Wien: „Die zitierte Leitlinie zur Behandlung des Rückenschmerzes enthält keinerlei Angaben zur Dosierung – auch in der sonstigen internationalen Literatur ist kein Hinweis dazu zu finden.“

Vergeudung von Arbeitszeit

Die Kürzung bringt aus Malus’ Sicht nicht nur eine Verringerung der Behandlungsqualität, sondern auch „eine willkürliche und sachlich nicht begründbare Vergeudung von ärztlicher Arbeitszeit“. Denn die nun eingeforderten „ausführlichen Begründungen“ würden sehr viel administrativen Aufwand erfordern. Dieser sei noch dazu auch notwendig, wenn ein Patient wegen eines ganz anderen Leidens im selben Jahr bereits physikalische Behandlungen erhalten hat. Teils wird noch dazu ein orthopädischer Befund als Grundlage für eine Genehmigung eingefordert, obwohl die Zuweisung zur physikalischen Behandlung vom Allgemeinmediziner erfolgte – die Erhebung dieses Befunds verursache im Gesundheitssystem unnötige Kosten.

Weitere Behandlung vom Chefarzt abgelehnt

Malus weist auch auf Probleme bei anderen Patienten hin. In der Aussendung der WGKK heißt es: „Nicht von den neuen Regelungen betroffen sind Versicherte mit allen anderen Krankheitsbildern, die in der physikalischen Medizin behandelt werden, etwa chronische Schmerzpatienten und Menschen mit spezifischen neurologischen oder orthopädischen Indikationen.“ Allerdings, so betont Malus, werden auch bei vielen dieser Patienten weitere Behandlungen vom Chefarzt abgelehnt.
Fast zeitgleich mit der oben erwähnten Aussendung präsentierte die WGKK das neue Pilotprojekt „Bewegt gesund“. Ärzte des 10. und 15. Wiener Gemeindebezirks können nun ein Jahr lang Sportkurse auf Krankenschein verordnen. Diese Bezirke wären aufgrund des hohen Anteils an Migranten und niedrigem Einkommen in Gesundheitsbelangen „Risikobezirke“. Wassergymnastik, Pilates, Yoga, asiatische Kampfsportarten – Patienten, die zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen und bestimmte Risikofaktoren aufweisen, können aus einer gro­ßen Anzahl an Angeboten auswählen, zu denen die Kasse 35 Euro pro Semester zuschießt, was meist kos­tendeckend sei.
„Schon alleine der Zeitpunkt der Präsentation des Projekts, das ja auch einiges an Kosten verur­sacht, ist zynisch“, kritisiert Malus. Pro Jahr werden allein in Ordina­tionen und Instituten ca. 180.000 Behandlungssitzungen für physikalische Therapie verschrieben – tausende Patienten sind also von den neuen Sparmaßnahmen betroffen. „Wer 16 Behandlungen konsumiert hat, dem werden weitere meist abgelehnt– und dies gilt nicht nur für den unspezifischen Rückenschmerz“, verweist Malus auf die aktuelle Politik seitens der Wiener Chefärzte.
„Die sportlichen Angebote können ohne weitere ärztliche Begleitung konsumiert werden, obwohl es hier etwa um die Gruppe von Menschen mit Adipositas (BMI > 25) geht.“ Noch dazu hätten die Ärzte für physikalische Medizin in Verhandlungen mit der WGKK 2005 ähnliche Leistungen angeboten, dieser Vorschlag wurde aber ohne Begründung abgelehnt. Mit dem aktuellen Projektdesign bestünde die Gefahr der Gesundheitsverschlechterung bei vielen Patienten.

Arbeit beeinträchtigt

Malus kann nicht verstehen, warum einerseits von der WGKK auf das „dichte Versorgungsnetz für physikalische Medizin“ verwiesen wird, andererseits aber die Arbeit von Allgemeinmedizinern, Fachärzten für physikalische Medizin, den Fachinstituten sowie den niedergelassenen Physiotherapeuten massiv beeinträchtigt und beschnitten wird.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 41/2007

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