zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 8. November 2007

Grazer Studenten schnuppern Praxisluft

Medizinstudenten aus Graz können künftig vier Wochen die so wichtige Basisarbeit des Hausarztes direkt miterleben und mitgestalten.

„Seit über 30 Jahren gibt es sehr intensive Bemühungen der Allgemeinmedizin, ihr auch im universitären Bereich den Platz zu verschaffen, der ihr eigentlich zukommt. Ein teils sehr mühsamer Prozess ...“, so der Grazer Allgemeinmediziner Dr. Michel Wendler. Erste Erfolge würden sich schon zeigen, etwa in Form von fixen Lehrveranstaltungen aus diesem Bereich an allen medizinischen Universitäten oder anhand fortgeschrittener Konzepte zum Facharzt für Allgemeinmedizin.
„Auch an der Medizinischen Universität Graz wurde ein neues Curriculum umgesetzt, bei dem die Allgemeinmedizin nun einen deutlich höheren Stellenwert hat“, freut sich Wendler. Gemeinsam mit den Ärzten Dr. Ilse Hellemann und Dr. Martin Sprenger wurde er von der Universität beauftragt, ein Modell zu entwickeln, um die Praxisnähe noch deutlich zu verstärken. „Viele Ärzte beginnen ihren Berufsalltag, ohne auch nur einen einzigen Tag in einer Allgemeinpraxis verbracht zu haben“, betont Wendler, das ge­schehe weniger aus Desinteresse als vielmehr aufgrund fehlender Möglichkeiten sowie von Rahmenbedingungen, die die Praxis in der Praxis eher verhindern als fördern.

Vier Wochen in der Ordi

„Ab November werden alle Grazer Medizinstudenten im Laufe ihres Studiums vier Wochen in einer Ordination eines niedergelassenen Allgemeinmediziners verbringen. Gekoppelt ist dies mit einer Einführung und einer intensiven Nachbesprechung an der Universität, bei der es auch um ganz konkrete Patienten geht.“ Wendler und seinem Team ist es gelungen, über 100 Kollegen für ­diese wichtige Arbeit zu gewinnen: „Sie erhalten als Gegenleistung einen Lehrauftrag an der Universität im Umfang von einer Semesterwochenstunde (entspricht 15 Unterrichtseinheiten pro Semester). Umgesetzt wird der Lehrauftrag als eine Art Live-Tutorium für den Studenten, der vier Wochen in der Praxis mitarbeitet.“ In Zukunft wird diese Semesterwochenstunde mit 1.000 Euro honoriert werden.
„Es wird so viel von Schnittstellenmanagement geredet: Wer eine gewisse Zeit in einer Praxis für Allgemeinmedizin miterlebt, kennt dieses Wort und seine konkrete Bedeutung ganz direkt aus der Praxis“, unterstreicht Wendler. Die intensiven theoretischen und Spitalserfahrungen werden so um einen sehr wichtigen Aspekt ergänzt, „der auch das interdisziplinäre Arbeiten sehr fördert“.

Vertrauensbasis

Hellemann sieht aber noch einen weiteren sehr positiven Aspekt des Projekts, dessen Umsetzung auch für die Universität Innsbruck vorbereitet wird: „Die Studenten können sich aussuchen, bei wem sie dieses Praktikum machen wollen, können auch selbst einen Allgemeinmediziner für das Programm gewinnen.“ In den vier Wochen entsteht so eine Vertrauensbasis, und das erworbene Wissen über den Alltag und die Abläufe der Ordination macht eine spätere Zusammenarbeit in Form einer Lehrpraxis sehr wahrscheinlich. „Eines der Probleme des ‚Projekts Lehrpraxis’ ist ja die Ungewissheit, wer da zu mir kommen soll – mit diesem Projekt entsteht eine ganz andere Basis, die auch von Nachhaltigkeit geprägt ist.“

Dokumentation

Für Sprenger ein sehr zentraler Aspekt des Projekts ist die Möglichkeit, direkt mit dem Patienten zu arbeiten: „Es gibt ein Handbuch, das genau auflistet, welche Inhalte die Studierenden kennen und umzusetzen lernen, was diese dann in einem Logbuch dokumentieren.“ Ein großer Vorteil der Allgemeinmedizin sei zudem der ganzheitliche Ansatz, der den Menschen mit seiner Geschichte und seinem Lebensumfeld wahrnimmt, auch wenn der Fokus auf dem konkreten Problem liegt.
Wendler unterstreicht, „dass ­diese vier Wochen kein Ersatz für die Lehrpraxis sein können und sollen. Im Gegenteil: Sie legen eben eine sehr gute Vertrauens- und Ausgangsbasis dafür.“ Er erhofft sich so Impulse für die Ausbildungsqualität für Ärzte aller Fachrichtungen.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 45/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben