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Gesundheitspolitik 8. November 2007

Ärgerliche Behinderung oder Erfolgsgarant?

Die Kontrolle der Ärzte über das Arznei-Bewilligungs-System sei nötig – so der Hauptverband. Die Ärzteschaft fordert dagegen eine Vereinfachung und beschei­nigt sich Eigenverantwortung auch in ökonomischer Hinsicht.

Der Ausschuss des Rechnungshofs beschäftigte sich letzte Woche nochmals mit der Effizienz des chefärztlichen Dienstes. Dazu der Präsident des Hauptverbands der Sozialversicherungen Josef Kandlhofer: „Die Einführung des Arzneimittel-Bewilligungs-Systems ging auf einen Bericht bzw. auf Kritik des Rechnungshofes zurück – das Projekt hat sich in jeder Hinsicht zu einer wahren Erfolgsgeschichte entwickelt!“
90 Prozent der Bewilligungen – insgesamt etwa eine Million – erfolgen nun auf elektronischem Weg über das ABS. Dieses wird von über 94 Prozent der Ärzte genutzt. „Patienten ersparen sich Jahr für Jahr nahezu fünf Millionen Mal den Weg zu ihrer Krankenkasse. In 99,5 % der Fälle liegt die Erledigungsdauer für Bewilligungen bei durchschnittlich 5,8 Minuten“, so Kandlhofer. Bundeseinheitliche Standards wurden in der Randzeitenabdeckung eingeführt. Außerhalb der Dienstzeiten erledigt die Krankenversicherung der Eisenbahner oder jene der Gewerblichen Wirtschaft für alle anderen Versicherungen die chefärztliche Arzneimittelbewilligung.
„Dass die Erledigung in so einer kurzen Zeit erfolgt, basiert auf den vorliegenden umfassenden Informationen – hier wird sicher nicht nur oberflächlich gehandelt.“ Kandlhofer unterstreicht die Notwendigkeit des ABS: „Während des Hochwassers 2002 wurde die Chefarztpflicht ausgesetzt – und es kam prompt zu einer Explosion an Verschreibungen und damit an Kos­ten. Die Kontrolle ist nötig und ein Beitrag zur Qualitätssicherung sowie zum ökonomischen Einsatz der begrenzten finanziellen Ressourcen im Gesundheitsbereich.“ Das neue, patientennähere System der Arzneimittelbewilligung sei jedenfalls transparenter denn je und würde einen Dämpfungseffekt bei der Entwicklung der Medikamenten- und Heilmittelkosten bringen. Kandlhofer ergänzt: „Jeder Patient hat auf Grund des neuen Erstattungskodex die gleiche Chance, das für ihn bestmögliche Medikament zu bekommen.“
Das ABS soll in Hinkunft auch die Meldung von Arbeitsunfähigkeit und von Arbeitsunfällen deutlich erleichtern und vor allem beschleunigen.

Verbesserung und Vereinheitlichung der Ausbildung

Weiterentwicklungsbedarf im Bereich der Chefärzte sieht Kandlhofer außerdem in der einheitlichen Aus- und Fortbildung, Schritte zu einer verpflichtenden dreiteiligen Basisausbildung seien aber schon in der Umsetzung. „Weiters gibt es teils nach wie vor Unterschiede in der Praxis der Bewilligung – es geht immer wieder um die Umsetzung einheitlicher Standards, dies ist ein kontinuierlicher Lernprozess, bei dem die Ergebnisse laufend besser werden“, unterstreicht Kandlhofer. Ausreichende Maßnahmen seien jedenfalls in den damals vom Rechnungshof kritisierten Regelungen zu Nebenbeschäftigungen von Chefärzten gesetzt worden. Kandlhofer verweist auch auf die positive Analyse des Rechnungshofpräsidenten in Bezug auf die Einführung einer Dienstprüfung als Voraussetzung für die Definitivstellung von Chefärzten und die erfolgten Schritte zur Definition des chefärztlichen Rollenbildes.
Der Euphorie Kandlhofers kann sich Dr. Gert Wiegele, stellvertretender Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte auf Österreichebene, nur teilweise anschließen: „Es stimmt schon: Im Normalbetrieb funktioniert das ABS letztlich gut und ohne gröbere Ausfälle.“ Allerdings seien die dahinter liegenden Erklärungstexte widersprüchlich und sehr unklar formuliert. Nach wie vor werde im Ausschuss zum Erstattungskodex um die Aufnahme vieler bewährter Präparate in den grünen Bereich gerungen bzw. um eine Verlagerung in der Gelben Box vom Bereich der „Regel 1“ (Pflicht zur Genehmigung) in den „Regel-2“-Bereich (nur Dokumentationspflicht). Und auch um eine Vereinfachung bei der Begründung für die Verschreibung von Medikamenten – ein sehr mühsamer und extrem langsam fortschreitender Prozess.

Problemzone: Schnittstelle Krankenhaus/Ordination

So müssten Erklärungen angefügt werden, die sich eigentlich von selbst verstehen – etwa dass die Pflege von Menschen mit Demenz gewährleistet ist oder dass zu bestimmten Präparaten keine Kontraindikationen gegeben sind. Wiegele kritisiert auch, dass es oft sehr lange dauert, bis Ärzte über Veränderungen im EKO informiert werden. „Viele Probleme in der Praxis verursacht die Schnittstelle zum Krankenhausbereich, wenn es um die Weiterverschreibung von hochspezialisierten Präparaten geht“, ergänzt Wiegele. Einerseits würde immer wieder von der Notwendigkeit und Wichtigkeit hochqualitativer Medizin am aktuellsten Wissensstand auch in der täglichen Praxis geredet, die Umsetzung werde aber teils massiv behindert. Es müsste deutlich leichter sein, Medikamente oder auch spezielle Heilbehelfe bzw. Materialien zum Wundmanagement, die im Krankenhaus eingesetzt werden, auch im niedergelassenen Bereich weiter verwenden zu können.
„Unter dem Strich bringt das ABS also im Praxisalltag immer wieder viel an unnötigem Zeitverlust und administrativer Belastung, zudem ist es sehr schwierig, wirklich innovative Medikamente einzusetzen“, kritisiert Wiegele. „Von einer reinen Erfolgsgeschichte zu reden, ist also etwas zynisch.“

Vorbild Oberösterreich?

Der Vorwurf, Ärzte würden ohne Kontrolle quasi über Nacht in die pure und ungehemmte Verschreibungswut verfallen, weist Wiegele scharf zurück: „Die chefärztliche Bewilligung kann zwar in einigen Fällen tatsächlich bringen, dass die Verantwortung für eine Verschreibung nicht alleine getragen werden muss.“ Aber bei einer Großzahl von Medikamenten wäre das eigentlich nicht nötig, denn die könnten rasch in den Bereich der Green Box bzw. im Gelbem Bereich in den Sektor der rein dokumentationspflichtigen Präparate übergeführt werden. Wiegele erinnert auch an das Beispiel Oberösterreichs, wo Ärzte ohne Chefarzt sehr eigenverantwortlich agieren und es „trotzdem“ zu keinen Kostenexplosionen kommt.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 45/2007

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