zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 13. Dezember 2007

Ein Tabu brechen

Menschen mit Pflegebedarf ist es viel wert, zu Hause bleiben zu können und nicht „ins Heim zu müssen“. Doch längst nicht immer ist die Betreuung in den eigenen vier Wänden oder bei den Kindern voll der Liebe und Wertschätzung. Wahrnehmung und Umgang mit Misshandlungen sind ein wichtiges Thema für die mobile Pflege und den Hausarzt.

„Leider ist Gewalt gegen ältere Menschen nach wie vor ein Tabuthema, gerade auch, wenn es um Pflegebeziehungen geht“, bedauert Mag. Barbara Kuss, Mitarbeiterin des Forschungsinstituts des Wiener Roten Kreuzes. Die Hilfsorganisation beteiligt sich derzeit an dem EU-Projekt „Breaking the Taboo“ – der Name ist Programm: Ursachen und Auswirkungen von Gewalt in häuslichen Pflegesituationen sollen thematisiert sowie mögliche Vorgangsweisen dagegen erarbeitet und kommuniziert werden.
„Die Mitarbeiter der mobilen Pflege sind manchmal die einzigen Personen, die einen regelmäßigen Kontakt zu älteren Pflegebedürftigen haben“, berichtet Kuss aus der Praxis. Für das EU-Projekt wurden die Pfleglinge über ihre Erfahrungen befragt. „Für den älteren Menschen ist die Möglichkeit, zuhause leben zu können und von einer vertrauten Person betreut zu werden, ein sehr hoher Wert. Dafür wird oft viel in Kauf genommen.“
Auslöser für Gewalt können schon lange schwelende Konflikte im Beziehungs- oder Familiensystem sein. Gegenseitige Abhängigkeitsverhältnisse verschärfen sich, teils drehen sich die Rollen um: „Aufgaben, die früher die Mutter ausgeführt hat, übernimmt nun die Tochter; die Mutter verliert an Autonomie. Beziehungen können durch die Pflegebedürftigkeit die gewohnte Struktur und damit an Stabilität verlieren“, sagt Kuss.

Angehörige sind überfordert

Eine wesentliche Ursache für Gewalt in Pflegebeziehungen ist für Kuss die Überforderung der pflegenden Angehörigen. Teils von einem Tag auf den anderen sind sie plötzlich für eine Person alleine zuständig und verantwortlich. Sie müssen Tätigkeiten ausführen, die sie niemals gelernt haben und die eine massive physische sowie psychische Herausforderung darstellen. Die Tätigkeit des Pflegens ist oft im wahrsten Sinn pausenlos. Gerade dabei brechen auch alte seelische Wunden der Vergangenheit auf, treten lange zurückliegende Verletzungen an den Tag.

Alt ist gleichbedeutend mit diskriminiert

Für Kuss liegen Auslöser für Gewalt aber auch in der allgemeinen gesellschaftlichen Wahrnehmung des Alters und älterer Menschen. „Diese werden oft schon sprachlich diskriminiert durch Schlagworte wie Überalterung oder Gebrechlichkeit.“ Die Konfrontation mit schwerer Krankheit ist zudem eine mit den ebenso ständig verdrängten Themen Sterben und Tod.
Ein Problem bei der Wahrnehmung von Gewalt ist die sehr unterschiedliche persönliche Definition: „Diese orientiert sich oft stark an selbst Erlebtem und persönlichen Vorstellungen – was für die eine quasi zum täglichen Umgang gehört ist für die andere ein Alarmzeichen.“
Alarmzeichen sind zunächst blaue Flecken, aber auch soziale Symptome wie plötzliches Verstummen, Ablehnen von körperlichem Kontakt bei einer Untersuchung oder dem Waschen, oder das Thema wird quasi ‚durch die Blume’ immer wieder angesprochen.
„Gerade auch der Hausarzt kann solche Veränderungen wahrnehmen und sollte entsprechend darauf reagieren.“ Wichtig sein kann, den Kontakt mit der Sozialhilfe oder mit sozialen Institutionen aufzunehmen oder auch die Polizei einzuschalten.
Rechtlich gesehen gibt es für ältere Frauen wenige Möglichkeiten, „das Gewaltschutzgesetz bzw. das darin enthaltene Wegweiserecht greifen nicht. Eigentlich muss in diesem Fall das Opfer das Zuhause verlassen.“
Im Rahmen von „Breaking the Taboo“ soll eine Broschüre entstehen, die Handlungsanleitungen für den Umgang mit Gewalt in Pflegesituationen enthält.

Gewalt thematisieren

„Die Prävention beginnt sicher in der Schulung und Begleitung pflegender Angehöriger“, betont Kuss. Alle Maßnahmen, die dem Kreislauf an ständiger Überforderung entgegenwirken, sind hilfreich. Also etwa auch Urlaubsangebote für pflegende Angehörige, Zugang zu stationärer Kurzzeitpflege, Selbsthilfegruppen sowie alle Formen von mobilen Diensten. Auch hier ist gerade der Hausarzt gefragt, dem oft anzutreffenden Gefühl „Das muss ich doch alles allein hinkriegen!“ entgegenzuwirken.
„Es geht auch darum, Gewalt im Rahmen von Bildungsangeboten für pflegende Angehörige zu thematisieren“, unterstreicht Kuss. Angesprochen werden sollten dabei ebenso belastende Beziehungsstrukturen und gegenseitige Abhängigkeitsverhältnisse.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 50/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben