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Gesundheitspolitik 17. Jänner 2008

Gesundheitsförderung für Arbeitssuchende

Arbeitslosigkeit führt zu einem erhöhten Krankheitsrisiko; wer oft krank ist, findet schwerer einen Job. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, braucht es gesundheitsfördernde Maßnahmen.

Das Grundprinzip betrieblicher Gesundheitsförderung spricht sich langsam herum, und es gibt immer mehr Projekte, die über Reihen-Blutdruckmessungen und den „gesunden Apfel täglich“ hinausgehen. „Aber arbeitssuchende Menschen haben kaum Zugang zu gesundheitsfördernden Maßnahmen“, ergänzt Mag. Birgit Pichler, Mitarbeiterin von ÖSB-Consulting sowie Leiterin des Projekts (f)itworks, das vom Fonds Gesundes Österreich, dem Wiener Frauengesundheitsprogramm, AMS Wien und der Wiener Gebietskrankenkasse gefördert wird. Zielgruppe sind Langzeitbeschäftigungslose in Wien.
„Es gibt einen Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, erhöhtem Krankheitsrisiko, Krankheit und Risiko, den Job zu verlieren“, analysiert Dr. Ata Kaynar. Der Wiener Arzt für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Vorsorge- und Ernährungsmedizin ist ärztlicher Ansprechpartner und Berater bei (f)itworks. „Arbeitssuchende haben ein erhöhtes Mortalitätsrisiko, das mit der Dauer der Arbeitslosigkeit ansteigt. Das hängt auch mit ungünstigen Copingstrategien wie Alkohol- und Nikotinsucht, mangelnder Bewegung und ungesunder Ernährung zusammen“, so Kaynar weiter.
Wesentliche Faktoren seien zudem fehlende Anerkennung und ausbleibende soziale Kontakte bzw. das Gefühl, nichts Sinnvolles zu tun, sowie – für Dr. Hedwig Presch ganz wesentlich – „die Überzeugung, selbst nichts an der eigenen Lebenssituation verändern bzw. nicht aktiv zur eigenen Gesundheit beitragen zu können“. Presch leitet das Projekt Gemeinsam g’sund der Bildungskooperative Waldviertel. Auch hier geht es um Gesundheitsförderung in vier niederösterreichischen arbeitsmarktpolitischen Projekten, wobei die gewonnenen Erkenntnisse bereits schrittweise von anderen Institutionen genutzt werden.

Menschen kennen ihr Problem

Presch verweist auf sehr positive Erfahrungen mit dem Ansatz der Gesundheitszirkel: „Grundgedanke ist, dass die Menschen selbst wahrnehmen, welche Gesundheitsprobleme momentan am dringendsten sind, und Maßnahmen mitentwickeln sowie mitentscheiden.“ So ist zum Beispiel Bewegung zum Thema geworden – „insgesamt werden Bildungsprogramme ganz anders angenommen. Auch weil es möglich ist, über Rahmenbedingungen in den Projekten zu reflektieren und diese gemeinsam zu verändern“, berichtet Presch.
Für Kaynars ist die partizipative Entwicklung und Umsetzung solcher Projekte wesentlich: „Arbeitssuchende haben oft das Gefühl, allem ausgeliefert zu sein. Sie sind mutlos, haben resigniert, sehen wenig Perspektiven. Ein Ansatz, der sie und ihre Probleme ernst nimmt und ihnen Handlungsräume eröffnet, bedeutet Gesundheitsförderung auf einer umfassenden Ebene.“ Es geht um die Stärkung vorhandener gesundheitlicher und sozialer Ressourcen, um die Verbesserung von Strategien zur Stressbewältigung und Selbstorganisation sowie „der allgemeinen Steigerung des Wohlbefindens, des Kohärenzgefühls, des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls“, ergänzt Kaynar.

Zusätzliche Belastung

Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen werden von Nutzerinnen oft als zusätzliche Belastung erlebt und weniger als Unterstützung. Für Presch liegt das auch daran, „dass Inhalte zu wenig aktiv mitgestaltet und -bestimmt werden können. Und es sollte Raum sein, das zentrale Thema der Gesundheit bzw. insgesamt der Lebensbewältigung anzusprechen.“

Netzwerk knüpfen

Auch bei (f)itworks wird mit Gesundheitszirkeln gearbeitet, zu denen es bei Bedarf geschlechtsspezifische sowie muttersprachliche Subgruppen gibt. Bei (f)itworks und bei Gemeinsam g’sund geht es zudem um die Entwicklung und Umsetzung niederschwelliger Gesundheitsangebote in der Region sowie die Aspekte Schulung und Qualifizierung.
Im Rahmen von (f)itworks wird zudem der Aufbau eines Wiener Netzwerks zu Arbeitslosigkeit und Gesundheit unterstützt. „Es sollen auch für andere Projekte nutzbare Handlungsempfehlungen für die Durchführung von Gesundheitsförderungsprojekten für arbeitssuchende Menschen entwickelt werden“, blickt Pichler in die Zukunft.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 3/2008

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