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Gesundheitspolitik 10. Jänner 2008

Gewalt gegen Kinder nicht ignorieren

Gerade Haus- und Kinderärzte können Anzeichen von Vernachlässigung oder körperlicher Misshandlung frühzeitig wahrnehmen. Wichtig ist, dies konkret anzusprechen, den Zugang zu Beratung zu erleichtern sowie Unterstützung anzubieten.

In den letzten Wochen des alten Jahres sorgte der „Fall Luca“ lange für Schlagzeilen. Zur Erinnerung: Im November verstarb der 17 Monate alte Luca an den Folgen schwerer Verletzungen. Sowohl ein niedergelassener Kinderarzt als auch eine Kinderabteilung einer Universitätsklinik hatten zuvor nachdrücklich den Verdacht auf eine schon lange andauernde massive Kindesmisshandlung geäußert, der aber von den zuständigen Behörden nicht ausreichend ernst genommen wurde.
Seither wurden auch andere Fälle von Misshandlung bekannt. Diskutiert wird seitdem eine Ausweitung der Anzeigepflicht bei Verdacht auf Vernachlässigung oder körperliche Misshandlung. Dazu Dr. Rudolf Schmitzberger, Sprecher der österreichischen Fachgruppe für Kinder- und Jugendheilkunde gegenüber der APA: „Polizeieinschreitungen bei dem geringstem Verdacht können eine enorme Verunsicherung auslösen.“ Erstbefragungen durch die Exekutive anstatt durch geschulte Psychologen würde die Wahrheitsfindung extrem erschweren – dies würde gerade auch bei Übergriffen gelten, bei denen die sexuelle Intimität von Kindern verletzt wird.
„Wichtig ist aber eine gute Vernetzung der helfenden Stellen“, so Schmitzberger weiter. Zudem nötig wäre eine viel stärkere Motivation für Eltern, zur Vorsorgeuntersuchungen zu gehen, nur mehr jedes dritte Kind ab fünf wird regelmäßig zu diesen gebracht. Denn eine regelmäßige Außenwahrnehmung würde die Wahrscheinlichkeit von unentdeckten langfristigen Vernachlässigungen und Misshandlungen reduzieren.
Was können und sollen Ärzte nun tatsächlich unternehmen? Jede Misshandlung hat eine Vorgeschichte – „Ärzte sollten auch durch entsprechende Rahmenbedingungen der Sozialversicherungen ausreichend Zeit haben, um Väter und Mütter danach zu fragen, wie der Alltag mit einem Kind läuft, wo sie sich überfordert fühlen“, betont die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Barbara Künschner, die auch das Linzer Kinderschutzzentrum leitet. Überforderungen können krank, Eskalationen wahrscheinlicher machen. „Haus- und Kinderärzte können Wege zu verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten und Beratungsstellen ebnen.“

Hinweise ansprechen

Wenn Hinweise auf Misshandlungen wie körperliche Symptome bzw. Anzeichen wie Sprachlosigkeit, plötzlicher sozialer Rückzug, Schlaf- und Essstörungen, Bettnässen wahrgenommen werden, ist es wichtig, diese anzusprechen. Der Arzt kann Eltern an Kinderschutzzentren verweisen oder Kinderschutzgruppen in Krankenhäusern um Rat bzw. Unterstützung bitten. „Leider gibt es noch immer Spitäler, wo ein solches Angebot trotz der gesetzlichen Vorgaben nicht eingerichtet wurde“, kritisiert Künschner. Eine Vorgangsweise kann auch sein, sich von Vätern oder Mütter bestätigen zu lassen, dass diese über ein solches Beratungs­angebot aufgeklärt wurden, sowie eine Dokumentation des Besuchs bei der Beratungsstelle einzufordern. „Die Kontaktaufnahme zu Kinderschutzzentren oder -gruppen ist auch sinnvoll, wenn aufgrund einer Mitteilung z. B. an die Jugendwohlfahrt nach Ansicht des Arztes keine oder keine adäquate Reaktion erfolgt. Grundsätzlich gewinnt beim sensiblen Themenfeld Kinderschutz die Vernetzung eine immer größere Bedeutung“, ergänzt Künschner. „Es reicht nicht aus, Eltern einfach zu solchen Stellen zu schicken oder eine Meldung zu machen – die Verantwortung des Arztes liegt auch darin, zu prüfen, ob solche Maßnahmen Wirkungen zeigen.“
Eine Ausweitung der Anzeigepflicht hält auch sie für den falschen Weg: „Das schafft in vielen Fällen unnötige Barrieren beim Zugang zu niederschwelligen Beratungs- und Unterstützungsangeboten. Viel sinnvoller wäre, in den Ausbau bzw. die verlässliche Finanzierung dieser Angebote zu investieren oder auch Fortbildungsangeboten sowie Kampagnen zum Thema Kinderschutz zu finanzieren.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 1/2008

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