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Gesundheitspolitik 30. Jänner 2008

Blaue Flecken auf der Seele

Jede fünfte Frau ist laut Studien Opfer von Gewalt, die Folgen der tätlichen Übergriffe – die meist im trauten Heim stattfinden – müssen nicht immer offensichtlich sein. Ein steirisches Projekt will mehr Sensibilität für das Thema fördern bzw. die Zusammenarbeit verschiedener Stellen verbessern, um den Frauen frühzeitig Hilfe zu ermöglichen.

Das Grazer Frauengesundheitszentrum hat gemeinsam mit dem steirischen Spitalsträger KAGES ein neues Projekt gestartet. „Mitarbeiter von Spitälern werden nun speziell geschult für einen sensiblen Umgang mit sozialen sowie gesundheitlichen Folgen von Gewalt“, erklärt Projektleiterin Mag. Christine Hirtl vom Frauengesundheitszentrum.
„Gesundheitliche Folgen von Gewalt haben viele Gesichter und sind oft schwer erkennbar. Viele Frauen verschweigen aus Scham- oder aber aus Schuldgefühlen die Ursachen ihrer Verletzungen“, so Hirtl weiter.
Dazu ergänzt die niedergelassene Gynäkologin aus Leibnitz Dr. Schahrzad Anegg-Moazedi: „Manch­mal berichten Frauen von Gewalttaten erst sehr lange nach dem tatsächlichen Übergriff“. Gewalt kann zwar unmittelbar sichtbare Folgen wie Prellungen, Brüche oder Verletzungen haben, aber sich ebenso langfristig auswirken: Etwa in Form von chronischen Rücken- und Bauchschmerzen, Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt, Schlaf- und Essproblemen, Angstzuständen und Depressionen. Immer wieder hängen mit Gewalttaten – auch viel später – Suizidversuche zusammen.
„Sowohl im Spital als auch im niedergelassenen Bereich wird oft nicht erkannt, dass hinter Verletzungen oder gesundheitlichen Problemen eine Gewaltproblematik als Ursache stecken kann“, analysiert Hirtl. In fünf KAGES-Häusern werden nun Mitarbeiter in gemischten Teams speziell geschult bzw. ebenso wird die Kooperation mit Institutionen wie Frauenhäusern, Kriseninterventions- und Beratungsstellen intensiviert. Finanziert wird das einjährige Projekt auch aus Mitteln des Fonds Gesundes Österreich und ist Bestandteil der aktuellen Europaratskampagne Stop domestic violence against women (www.coe.int/stopviolence). Das Projekt beinhaltet zudem auch eine breitgestreute Informations- und Öffentlichkeitsarbeit – „ansprechen wollen wir so gerade auch niedergelassene Hausärzte und Gynäkologen“, betont Hirtl.

Atmosphäre des Vertrauens

Für Anegg-Moazedi ist grundsätzlich wichtig, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, in dem auch heikle Themen aus- bzw. angesprochen werden können. Mögliche Hinweise auf Gewalttaten, die ein intensiveres Nachfragen auslösen sollten, sind aus ihrer Sicht „eine noch stärkere Scheu und Unsicherheit als sonst bzw. eine größere Angst vor gynäkologischen Untersuchungen.“ Als Problem nimmt Anegg-Moazedi vor allem in der Kassenpraxis und teils ebenso im Spital wahr, „dass aufgrund der Rahmenbedingungen meist sehr wenig Zeit ist, um genauer nachfragen zu können“.
Die Gynäkologin betont, dass gesundheitliche und soziale Folgen von Gewalt sehr unterschiedliche Folgen haben können und ein feines Gespür nötig ist, um Veränderungen im Verhalten wahrzunehmen.
„Viele Frauen suchen auch deswegen erst sehr, sehr spät einen Arzt auf, weil sie Angst haben – oder vielleicht schon die Erfahrung gemacht haben –, nicht wirklich ernst genommen zu werden.“ Sowohl für das Spital als auch den niedergelassenen Bereich gilt nach Ansicht von Anegg-Moazedi, „dass viele Frauen schlicht nicht wissen, wo sie sich hinwenden können“. Generell sollte noch stärker über die verschiedenen Beratungs- und Unterstützungsangebote informiert werden, eben um mögliche Wege aus oft unlösbar erscheinenden Situationen aufzuzeigen (siehe Kasten). Lücken in den Beratungsangeboten gibt es für Frauen mit Mi­grationshintergrund, die es schon aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation oft sehr schwer haben, eigenständige Wege zu gehen. Die muttersprachliche Beratung der Frauenhelpline ist sicher ein wichtiger Schritt, aber es braucht mehr Maßnahmen vor allem in Hinblick auf Dolmetschdienste sowie nachgehende Beratung.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 5/2008

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