zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 24. Jänner 2008

Jugendliche vor dem letzten Schritt bewahren

In den letzten Jahren wurde einiges zur Enttabuisierung des Themas Suizid umgesetzt und auch das Beratungsangebot ausgebaut. Es gilt, Selbstmordgefährdung zu erkennen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen – dabei ist auch der Hausarzt gefragt.

Experten der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters stellten in einer aktuellen Studie fest, dass einer von drei 15-jährigen Wienern bereits Selbstmordgedanken hatte. Mädchen sogar häufiger als Burschen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Doz. Dr. Kanita Dervic und Prof. Dr. Max H. Friedrich von der Wiener Uniklinik für Psychiatrie des Kinder- und Jugendalters sowie Prof. Dr. Gernot Sonneck vom Institut für Medizinische Psychologie an der MedUni Wien in ihrer Studie Suizidales Verhalten bei österreichischen Kindern und Jugendlichen*.
Demnach denken Mädchen im Gegensatz zu Burschen zwar zuweilen laut darüber nach, sich das Leben zu nehmen, wählen aber Suizidmethoden, die ein geringeres letales Potenzial haben. Hauptrisikofaktoren für Selbstmord sind Depressionen und Substanzmissbrauch. Wie die Ärzte Woche berichtete, sind Depressionen bei Jugendlichen deutlich im Ansteigen begriffen.

Prävention greift

Auch ein Rückgang der Jugendlichen-Suizidrate wurde in der Studie festgestellt. Dervic, Friedrich und Sonneck führen dies auf die „Wirksamkeit der bisherigen Präventionsbemühungen“ zurück – zudem gebe es auch ein vielschichtigeres Beratungsangebot. Jedoch: „Die rückgängigen Suizidarten nehmen dem Problem nichts an Bedeutung“, so die Studienautoren, die die Wichtigkeit der Fortführung und des Ausbaus von Präventions- und Beratungsmaßnahmen betonen. Gefordert wird auch ein Training für Allgemeinmediziner und Pädiater bezüglich der Früherkennung von Depression und Suizidalidät im Kindes- und Jugendalter, sowie klarere Richtlinien für die Zuweisung zu Unterstützungsangeboten. Um beispielsweise die Prävalenz der Risikofaktoren noch genauer zu erheben, braucht es freilich weitere intensive Forschungsarbeit.
Den Rückgang der Suizidzahlen bei Jugendlichen nimmt auch der Klinische- und Gesundheitspsychologe Mag. Dr. Martin Pachinger wahr – er leitet bei pro mente Oberösterreich den jugendpsychiatrischen Rehabilitationsbereich, der umfassende Unterstützung für Jugendliche mit psychischen Krankheiten bietet. „Im Europa-Vergleich liegen wir mit unseren Zahlen nach wie vor im traurigen Spitzenfeld – es gibt also keinen Grund für eine Entwarnung.“
Pachinger hält niedergelassene Ärzte ebenfalls für sehr wichtige Stützen der Präventionsarbeit: „Natürlich gibt es in der Pubertät Stimmungsschwankungen und auch depressive Verstimmungen – trotzdem bleibt die Frage nach der Befindlichkeit sehr wichtig.“ Wenn der Arzt unerklärliche plötzliche Verhaltensveränderungen wahrnimmt, etwa in der Schule, der Gestaltung der sozialen Kontakte oder auch im Schlafverhalten, ist diese Frage angebracht. „Und ebenso sollte der Jugendliche konkret darauf angesprochen werden, ob er schon einmal an Suizid gedacht hat.“
Allerdings ortet Pachinger gerade dabei große Unsicherheiten, ob „es“ überhaupt angesprochen werden soll: „Die Erfahrungen zeigen, dass dies sogar sehr wichtig ist. Die Jugendlichen fühlen sich dann mit ihren Gefühlen, mit der erlebten Ausweglosigkeit zumindest gehört.“ Dadurch entstehe ein Ausgangspunkt für weitere Maßnahmen. Verstärkte Präventionsarbeit wäre für Pachinger ebenso im Schulbereich wichtig – „dabei müsste es für Lehrer auch die Unterstützung durch Psychologen und Psychotherapeuten geben, die diese Inhalte vermitteln bzw. mit den Kindern und Jugendlichen erarbeiten“.
Ärzte sollten weiters an Eltern appellieren, mit den heranwachsenden Kindern – trotz aller Spannungen, die sich ergeben – in Kontakt zu bleiben. In Zeiten, wo Flexibilität immer stärker gefragt wird, ist es zwar nicht immer einfach, ausreichend Zeit in Beziehungen zu investieren, aber „es geht um die Qualität, nicht nur um die Quantität“.

*Psychiatrie & Psychotherapie 3/4/2007
Springer Verlag.


Kampagne in Oberösterreich

Rat und Hilfe bei Suizidgefahr

1.400 Menschen nehmen sich in Österreich jährlich das Leben. Das sind doppelt so viele Tote wie im Straßenverkehr. Im Oktober startete in Oberösterreich im Auftrag von Gesundheitslandesrätin Silvia Stöger die Informationskampagne „Rat und Hilfe bei Suizidgefahr“. Mit Info-Broschüre, neuer Website (www.suizidpraeventionooe.at), Plakaten und Vorträgen in ganz Oberösterreich soll das Wissen, das Leben retten kann, möglichst breit vermittelt werden.
Dafür wurde ein „Bündnis für psychische Gesundheit“ von psychosozialen Organisationen geschlossen, unter anderem von pro mente, Exit Sozial, Rotes Kreuz, Telefonseelsorge und der Landesnerven­klinik Wagner Jauregg. Unter 0810/977 155 wurde eine Notrufnummer eingerichtet, die auch eine Anlaufstelle für Ärzte ist, die Unterstützung bei der Präventionsarbeit benötigen oder im Umgang mit einem Patienten, der Suizidgedanken äußert.
„Wir wollen möglichst konkrete Anleitungen geben, wie die Lebensgefahr eines Angehörigen oder Mitmenschen rechtzeitig erkannt werden kann und was dann zu tun ist, um einen Suizid zu vermeiden“, erklärt Dr. Werner Schöny, Leiter des neuen „Bündnis für psychische Gesundheit“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 4/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben