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Gesundheitspolitik 24. Jänner 2008

Spritzenferdl ade?

Ob Turnusärzte ungeliebte Tätigkeiten wie Blutdruckmessen oder Infusionen legen an das Pflegepersonal delegieren dürfen, ist immer wieder ein Diskussionsthema bei der Ärzteausbildung. Die vom Wiener Krankenanstaltenverbund erstellte Rahmenleitlinie „Medizin und Pflege“ stößt beim Vorsitzenden der Ausbildungskommission der Wiener Ärztekammer nicht nur auf Gegenliebe.

Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) setzt seit über drei Jahren Akzente für die Weiterentwicklung der ärztlichen Ausbildung (siehe dazu die WebSite des KAV www.wienkav.at/kav/turnus/). Derzeit werden in acht KAV-Spitälern etwa 1.000 Turnusärzte ausgebildet. Die Wartezeit auf einen Turnusplatz beträgt zweieinhalb Jahre, mindestens 2.500 Jungmediziner stehen in Wien auf der Warteliste.

Teilnahme an Visiten

„In allen Ausbildungsabteilungen ist beispielsweise Bedside-Teaching ein fixer Standard“, berichtet Charlotte Staudinger, Leiterin des Geschäftsbereichs Qualitätsarbeit in der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes. Wirklich lückenlos möglich soll künftig zudem die Teilnahme an Visiten sein. Damit Turnusärzte fixe Ansprechpartner haben, wird seit 2005 das Konzept „Aus- und Fortbildungsbeauftragte ÄrztInnen“ umgesetzt. Verbindliche Strukturen und Leitlinien wurden außerdem für Bereiche wie die Rotation zwischen verschiedenen Stationen geschaffen und das Führen von Patienten unter Supervision, Akzente gab es ebenso für eine Intensivierung der internen Kommunikation.
Außerdem wurde rund um den Jahreswechsel eine „Rahmenleitlinie Medizin und Pflege“ erlassen – im Zentrum steht die Zusammenarbeit von Turnusärzten mit dem Pflegepersonal. Inhalt ist vor allem die Delegation von Aufgaben: subkutane Injektionen, Anhängen und Wechseln von Infusionslösungen, Blutdruckmessungen, Blutabnahmen sowie das Setzen von Venenverweilkanülen. Damit fällt auch der berühmt-berüchtigte „Spritzenerlass“, der nach Inkrafttreten des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes erlassen wurde und Pflegepersonen jede Form von Injektionen untersagte.
Gerade die Rahmenleitlinie sei „eine Chance, die Turnusärzteausbildung in Wien aufgrund des Wegfalls ausbildungsirrelevanter Tätigkeiten nachhaltig zu verbessern. Damit die Tätigkeiten aber tatsächlich vom Pflegepersonal verrichtet werden können, bedarf es auf Abteilungsebene einer Vereinbarung zwischen ärztlicher und pflegerischer Leitung“, unterstreicht Dr. Erik Huber, Vorsitzender der Ausbildungskommission der Ärztekammer für Wien. „Es bleibt zu stark im Ermessen der jeweils handelnden Personen, was konkret wie umgesetzt wird.“

Unterschiede in den Abteilungen

Huber fordert noch verbindlichere Richtlinien, die für alle KAV-Häuser und -Abteilungen gelten, damit Turnusärzten endlich mehr Zeit bleibt, die sie für die eigentliche ärztliche Ausbildung dringend benötigen würden, und sie sich nicht zum „Spritzenferdl“ oder „Spritzenschani“ degradiert fühlen. Eine Forderung, die Staudinger nicht verstehen kann: „In der Rahmenrichtlinie – die, wie gesagt, ein Teil eines umfassenden Vorgehens seit 2005 zur Verbesserung der ärztlichen Ausbildung ist – ist das Prinzip der Delegation fix verankert.“ Die Abteilungsleiter seien also verpflichtet, dies in die jeweilige Wirklichkeit der Abteilung zu übersetzen und über den Erfolg auch Bericht zu erstatten.
„Es ist unmöglich, dass für alle Abteilungen genau die gleichen Leitlinien gelten, weil es ja z. B. zwischen konservativen und chirurgischen Fächern große Unterschiede in den konkreten Stationsabläufen gibt.“ Daher sei die Rahmenrichtlinie eben eine allgemeine, aber nichtsdestotrotz für alle verbindliche Maßnahme.
Für Huber ist diese Argumentation wenig überzeugend: „Es gibt beispielsweise bei subkutanen Injektionen, Infusionen, Blutdruckmessen usw. keine wirklichen Unterschiede zwischen den Abteilungen – hier kann es durchaus eine durchgängige Vorgangsweise geben, auch um den Wechsel im Rahmen der Turnus- oder auch Facharztausbildung von einer zur anderen Abteilung flüssiger zu gestalten.“ Es würde die Gefahr bestehen, „dass bei den Routinetätigkeiten eine Art Mosaik aus Delegationsmöglichkeiten entsteht, dasnur neue Verwirrung schafft.“ Die Primarärzte und Abteilungsvorstände müssten gerade die neue Aufgabenteilung zwischen Turnusärzten und Pflegepersonal forcieren.


Alte Gräben, noch immer offen

„Frustrierend“ finden die meisten Turnusärzte ihre Ausbildung. Zumindest die meisten derjenigen, die bei der in der Vorwoche von der Wiener Ärztekammer veranstalteten Podiumsdiskussion „Spritzenschani oder Nachwuchshoffnung“ im Publikum saßen. „Ich mache gerade die Facharztausbildung für Infusionstherapie. Zusatzfach Zettelausfüllen“, witzelte einer. Zum Lachen ist den Medizin-Azubis allerdings selten zumute. Dabei sind die Probleme, mit denen sich die Jungärzte tagtäglich auf den Stationen herumschlagen, keineswegs nur medizinischer Natur: Es geht vor allem um die Frage, ob es sinnvoll ist und einer guten Ausbildung entspricht, wenn Turnusärzte mit dem Anhängen von Ringerlösungen und dem Abhängen von Blutkonserven so sehr beschäftigt sind, dass sie an Morgenbesprechungen nicht teilnehmen können. Wenngleich Prof. Dr. Paul Aiginger, Leiter der 1. Internen Abteilung im Sankt-Josef-Krankenhaus, sich bemühte, die Sinnhaftigkeit des Blutdruckmessens für Ärzte zu erläutern, konstatierte Dr. Athanasios Kalliontzis, Sektionsobmann der Turnusärzte der Wiener Kammer, doch: „Es ist einfach demütigend, wenn man nach sechs Jahren Studium und drei Jahren Ausbildung immer noch Blutdruck misst.“ Hier tut sich freilich ein alter Graben auf, der noch immer klafft: jener zwischen Pflege- und ärztlichem Personal. Dieser Graben könnte in den Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes KAV durch Rahmenleitlinien in der nächsten Zeit zumindest teilweise zugeschüttet werden (siehe Bericht auf dieser Seite).
Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky pochte, wie schon vor einem Jahr bei einer ähnlichen Veranstaltung im AKH, auf Eigeninitiative und Engagement nicht nur der Ausbildner, sondern auch der Auszubildenden, während Dr. Erik Huber, Vorsitzender der Ausbildungskommission der Ärztekammer für Wien, die „Holschuld“ der Turnusärzte zum Unwort erklärte und nicht nur von den Abteilungsleitern, sondern auch von den Oberärzten mehr Einsatz für die Ausbildung des Nachwuchses einforderte. Zweieinhalb Jahre beträgt die Wartezeit auf einen Turnusplatz derzeit in Wien. Diese Zeit könnte sich „auf bis zu zehn Jahre“ ausdehnen, wie Dr. Silvia Türk, im KAV für die Turnusärzteausbildung verantwortlich, befürchtete. Dann nämlich, wenn die Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin auf sechs Jahre erweitert wird.

ET

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 4/2008

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