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Gesundheitspolitik 9. Mai 2007

Sucht betrifft die ganze Familie

Gerade Haus-, Kinder- und Schulärzte sollten auch die Situation von Kindern aus Familien mit Alkohol- oder Drogenproblemen konkret ansprechen. Für diese Kinder gibt es in Österreich kaum Angebote.

„Hausärzte, Pädiater und Schulärzte sind oft erste Anlaufstellen, wenn es um Suchtkrankheiten geht“, betont Mag. Alexandra Studer – sie begleitet das Projekt „Kasulino - Kinder aus Suchtfamilien“. Das Projekt wird getragen vom Vorarlberger Kinderdorf und der Stiftung Maria Ebene, die viele Akzente in der Suchtprophylaxe setzt. „Niedergelassene Ärzte haben eine wichtige Rolle – der Zugang zu ihnen ist niederschwellig, sie sind keine Behörde und an ihre Schweigepflicht gebunden.“ So werden vor allem auch Probleme mit Alkohol – nach wie vor Nummer eins, wenn es um Sucht­erkrankungen geht – teils von Patienten selbst angesprochen oder der Arzt kann sie von sich aus zum Thema machen. „Gerade Hausärzte überblicken von den Familien ihrer Patienten oft mehrere Generationen und wissen über eine Suchtproblematik in den betroffenen Familien Bescheid“, ergänzt Studer. Selektive Prävention sollte aus Studers Sicht bereits in der Schwangerschaft ansetzen: „Das fetale Alkoholsyndrom ist der häufigste Grund für körperliche Missbildungen bzw. schwerwiegende Verzögerungen in der Entwicklung.“ Ein wichtiges Thema sollte die Situation der Kinder in betroffenen Familien sein. „Hier gehört der Mut des Arztes dazu, auch nach deren Wohlbefinden zu fragen.“ Laut aktuellen Analysen sind in der Europäischen Union bis zu 12 Millionen Kinder betroffen. Ihr Alltag ist oft durch familiäre Instabilität, volatiles Familienleben, gehäufte kritische Lebensereignisse und dem ständigen Versuch geprägt, nach außen hin den Eindruck einer „heile Fassade“ aufrecht zu halten.

Möglichst frühe Unterstützung

Dazu kann Missbrauch kommen bzw. der frühzeitige Kontakt mit legalen und illegalen Drogen. „Auch wenn die Kooperation mit Jugendwohlfahrt, institutionalisierter Familienarbeit und Hilfsdiensten ein wichtiger Aspekt ist, grundsätzlich gilt, den suchtkranken Eltern nicht generell die Fähigkeit abzusprechen, ‚gute’ Eltern zu sein“. Wichtig wären umfassende Unterstützungsangebote zu einem möglichst frühen Zeitpunkt. Studer betont, dass es in Österreich „ein besonders Manko bei Angeboten für Kinder aus Familien mit Suchtproblematik gibt“. Wie diese Hilfe aussehen kann, zeigt das Projekt Kasulino: Hier gibt es ein sozialpädagogisch-therapeutisches Gruppenangebot für betroffene Kinder – „die Kinder erleben, dass sie nicht die Einzigen sind, in deren Familien Probleme mit Alkohol oder Suchtkrankheiten auftreten. In der Gleichaltrigengruppe fühlen sie sich sicher, können und dürfen über ihre familiäre Situation reden“, erklärt Studer. Kinder aus Familien mit Suchtkrankheiten sind selbst stark gefährdet, abhängig zu werden. „Aktuelle Analysen zeigen, dass diese Kinder um 25 Prozent häufiger und um über 60 Prozent längere im Spital sind“, auch aus diesem Grund würde sich aus Studers Sicht eine selektive Prävention mit entsprechenden Investitionen schnell rechnen. Inzwischen gibt es u.a. aus Oberösterreich und Salzburg starkes Interesse an Kasulino.

Regionales Netzwerk

Aktivitäten zum Thema gibt es auch in Oberösterreich: Seit vergangenem Jahr baut das Institut Suchtprävention ein regionales, interdisziplinäres Netzwerk auf, in dem auch engagierte Ärzte eingebunden sind. Erhoben wird, welche Angebote es gibt und wie diese besser aufeinander abgestimmt bzw. intensiviert werden können. Vor allem auch soll in Fachkreisen für das Thema sensibilisiert werden. Sowohl Kasulino als auch dieses Netzwerk sind Teil der Bemühungen des europäischen Projekts „Encare“ (European Network For Children Affected by Risky Environments within Family – www.encare.at). In Oberösterreich wird in Sachen Suchtprophylaxe stark auf Peereducation gesetzt, dabei werden unter anderem Schüler und Schülerinnen ausgebildet, um in ihren Klassen und Schulen selbst Informationen geben zu können.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 19/2007

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