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Kanada, Land der großen Freiheit: nicht nur im geografischen Sinn, sondern vor allem auch im Sinn ärztlicher Möglichkeiten .
 
Gesundheitspolitik 6. November 2008

Kanada: Ein Land, in dem Ärzte die Freiheit schätzen

Die österreichischen Ärzte Dr. Robert Stopainig und Prof. Dr. Michael Schlossmacher sind sich einig über Kanadas Vorzüge: viel Eigenverantwortung, wenig Hierarchie.

Die Weite des Landes wird nicht zu Unrecht mit der großen Freiheit in Verbindung gebracht: In Kanada funktioniere das Gesundheitssystem deshalb so gut, weil Mediziner in Praxis und Forschung wesentlich größere Freiheiten genössen als hierzulande, schildern zwei in Kanada tätige österreichische Ärzte. Doch das größte Benefit für Patienten und Gesundheitsbudget sei die extrem starke Stellung der niedergelassenen Allgemeinmediziner.

Ein weit verbreitetes Stereotyp von Kanada sind endlos weite Wälder. Das war aber nicht der Grund, warum der diplomierte Forstwirt Dr. Robert Stopainig, der sich dann doch für die Medizin entschieden hatte, nach Kanada ging, sondern seine aus Kanada stammende Frau. Der dreifache Familienvater genießt Leben und Arbeit in Kanada, in einem Gesundheitssystem, das „besser und effizienter ist als in Österreich“.

In der Einsamkeit der Wälder

Geboren 1964 in Eisenstadt, zog es Stopainig nach Abschluss der Höheren Lehranstalt für Fortwirtschaft in Bad Vöslau beruflich zunächst in heimische Wälder. In der Abgeschiedenheit wuchs das Interesse an der Medizin. Er ging an die Wiener Uni und absolvierte seinen Turnus.

2002 eröffnete er mit drei anderen Medizinern in Edmonton im Distrikt Alberta eine Praxis, in der sich die Arbeit der Allgemeinmediziner „völlig anders gestaltet als in Österreich“, schildert Stopainig: „Primary Care hat in Kanada einen sehr viel höheren Stellenwert als in Österreich. Das hat gesundheitspolitische Auswirkungen und macht das System viel kostengünstiger.“ Die gesamte Gesundheitsversorgung liefe über die Allgemeinmediziner, die sich mehr als Gesundheitsmanager betätigten. Zuerst müssten – mit Ausnahme von Verunfallten oder Notfällen – alle Patienten zum Praktiker. Erst von diesem kämen sie, falls nötig, zum Facharzt, der sie samt den Befunden wieder an den Praktiker zurück überweise. „Dadurch“, erklärt Stopainig, „sind wir Allgemeinmediziner nicht nur bestens informiert über unsere Patienten, sondern bekommen über die Fachärzte auch den nötigen wissenschaftlichen Background geliefert. So lernen wir ständig dazu.“

Darüber hinaus hätten Praktiker in Kanada eine im Vergleich zu Österreich wesentlich größere Freiheit und Behandlungsbreite, nicht zuletzt aufgrund der geografischen Situation, die es unmöglich mache, dass jeder Patient in zumutbarer Distanz eine Klinik finde. „So müssen eben auch wir Praktiker die eine oder andere Operation in unseren Praxen durchführen, die in Österreich Fach- oder Spitalsärzten vorbehalten ist. Die Praxen sind Gesundheitszentren, erzählt er, „wir haben sogar Pharmazeuten angestellt.“ Abgesehen davon, seien die Praxen der Allgemeinmediziner „über ein Primary Care Network“ verbunden, in das auch die Spitäler eingebunden sind: „Wenn einer meiner Patienten plötzlich in ein Krankenhaus muss, werde ich von den dortigen Ärzten sofort informiert.“

In der weiten Welt der Forschung

Dies bestätigt auch der Neurologe Prof. Dr. Michael Schlossmacher, der mit Schwerpunkt Parkinson an der Universität Ottawa im Distrikt Ontario lehrt und forscht und an der angeschlossenen Uniklinik behandelt. Besonders die Freiheit schätzt der 1962 geborene Wiener: „Da man sich seine Forschungsgelder selbst aufstellen muss, ist es zu Beginn natürlich schwierig. Dann aber genießt man große Freiheiten.“ Dabei käme auch mehr heraus als in Österreich. Warum? „Weil wir in Kanada flache Hierachien haben, gemeinsam Verantwortung tragen und keine Hackordnung kennen. Außerdem haben wir nicht dieses dumme System der Pragmatisierung“, sagt Schlossmacher. In Österreich hätten viele einen lebenslangen Fixposten, auch wenn sie keine Leistung erbrächten. Das lähme die Forschung, behindere junge, engagierte Wissenschaftler. Außerdem, kritisiert der vierfache Familienvater, der mit einer US-Amerikanerin verheiratet ist, sei nicht einzusehen, dass österreichische Spitalserhalter zwar wegen des Budgetmangels lamentierten, es ihren Primarii und Oberärzten aber gestatteten, „die Klinik um 14 Uhr zu verlassen, um sich ihren lukrativen Privatpatienten zu widmen“. Das gebe es in Kanada nicht: „Entweder Spitalsarzt oder niedergelassener.“

Dass sich Schlossmacher, der in Wien studiert und seinen Turnus am Wilhelminenspital und SMZ-Ost absolviert hat, seine Fachausbildung an der Harvard Medical School in Boston, USA, gemacht hat, habe ebenfalls mit österreichischen Gepflogenheiten zu tun: „Erstens wollte ich eine bessere Ausbildung, als sie in Österreich angeboten wird, zweitens passe ich nicht ins System der Wiener Medizinischen Schule: Ich lehne nämlich Freunderlwirtschaft ab.“ Nach erfolgreichen Jahren in Boston zog Schlossmacher 2006 mit seiner Familie nach Kanada. Eine Rückkehr nach Österreich ist für ihn, im Gegensatz zu seinem Kollegen Stopainig, kaum vorstellbar.

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Was Österreich vom Ausland noch lernen kann

Tabelle: Das Gesundheitssystem in nüchternen Zahlen betrachtet.

Kennwerte Kanada OECD-Schnitt Österreich
Gesundheitsausgaben in US$ pro Einwohner 3.115 2.450 3.161
Gesundheitsausgaben in Prozent vom BIP 10,0 8,9 10,1
BIP in US$ pro Einwohner 36.814 31.061 35.695
Öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent* 70,7 73,0 76,2
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren 80,4 78,9 79,9
Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner 3,4 5,5 7,6
Computertomografen pro Million Einwohner 12,0 19,2 29,8
Magnetresonanztomografen pro Million Einwohner 6,3 10,2 16,8
Praktizierende Ärzte pro 1.000 Einwohner 2,1 3,1 3,4
Ausgaben Arzneimittel in US$ pro Einwohner 541 384 393
Quelle: OECD Gesundheitsdaten 2008, Stand Juni; Recherche und Aufbereitung der Daten: IHS, Maria Hofmarcher und Heidemarie Straka *an den gesamten Gesundheitsausgaben

Kanada, Land der großen Freiheit: nicht nur im geografischen Sinn, sondern vor allem auch im Sinn ärztlicher Möglichkeiten.

Die Serie:

Die gewichtige Rolle der Allgemeinmediziner in Kanada spiegelt sich in der geringen Spitalsbettenzahl Wie andere Gesundheitssysteme arbeiten In den USA werden nur wohlhabende Menschen medizinisch versorgt, in England müssen sie lange warten und in Schweden ist das Paradies. In gesundheitspolitischen Diskussionen werden in Österreich oft Mythen aus anderen Ländern als Positiv- oder Negativbeispiele strapaziert. Doch wie sieht die Realität aus? Die Ärzte Woche traf aus Österreich stammende Ärzte, die in den USA, England, Schweden und anderen Ländern arbeiten. Sie erzählen, wie die Systeme wirklich funktionieren und was wir davon lernen können.

Foto: Privat

Dr. Robert Stopainig, in Edmonton praktizierender Allgemeinmediziner. 

„Primary Care hat einen sehr hohen Stellenwert.“

Prof. Dr. Michael Schlossmacher, in Ottawa forschender Neurologe. 

„Haben nicht dieses dumme System der Pragmatisierung.“

Von Andreas Feiertag, Ärzte Woche

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