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Gesundheitspolitik 5. April 2007

Kein gläserner Patient erforderlich

Eine vernünftige Datennutzung würde keinen gläsernen Patienten erfordern. Ärztekammerfunktionär und EDV-Experte sind sich einig: Aus Gründen von Kosten, Nutzen und Sicherheit gibt es bessere Alternativen als die ELGA.

„Laut den Autoren der vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebenen IBM-Machbarkeitsstudie müssten die derzeit bestehenden datenschutzrechtlichen Regelungen durch ein eigens für ELGA kreiertes Gesetz umgangen werden.“ Dies entspricht für Dr. Christoph Reisner, Vizepräsident der Ärztekammer Niederösterreich und Präsident des Österreichischen Wahlärztevereins, einer Anlassgesetzgebung, die aus seiner Sicht strikt abzulehnen ist.
In der Machbarkeitsstudie wird von IBM ein Widerspruchsprinzip vorgeschlagen. „Das heißt, dass grundsätzlich alle Daten ohne Nachfrage gespeichert werden dürfen, der Patient im Einzelfall aber die Möglichkeit hat, die Speicherung abzulehnen.“ Außerdem ist die Kostenfrage nach wie vor völlig ungeklärt.

Benefit von ELGA überschätzt

Für Reisner wird der Benefit des Systems ELGA daher völlig überschätzt. Laut Bundesministerin Kdolsky ist die ELGA vergleichbar mit einer Krankengeschichte, die auf einem Schwesternstützpunkt unbewacht liegt. Er relativiert den Vergleich: „Es ist vielmehr so, wie wenn man diese Krankengeschichte 100.000-mal kopiert und an 100.000 Stützpunkten hinterlegt.“
Er fürchtet, dass wie bei der E-card die Ärzteschaft auch bei der ELGA in einem hohen Maß zur Kasse gebeten wird. „Interessant ist auch die Tatsache, dass IBM für die Machbarkeitsstudie beauftragt wurde, wo doch IBM ein hohes Maß an Eigeninteresse an der Umsetzung des Projektes haben wird.“
Reisner, der selbst eine Entwicklungsfirma für Wahlarztsoftware betreibt, ist grundsätzlich ein Anhänger von Modernisierung und Anwendung von EDV sowie Vernetzungen. „Die Gefahr einer Verletzung der Privatsphäre der Patienten durch die ELGA ist aus jetziger Sicht jedoch extrem groß.“

Persönliche Befunddatenbank bereits am Markt

Reisner weiß jedoch vom Produkt „persönliche Befunddatenbank“, welches von der Firma HCS entwickelt wurde und seinen Vorstellungen von elektronischer Befundarchivierung ziemlich nahe kommt. Das Prinzip ist einfach. Der Patient kann sich über die monatliche Gebühr von drei Euro seine elektronische Patientenakte „buchen“. Diese ist nur durch ihn online zugänglich, wobei die Legitimierung ähnlich wie bei Bankgeschäften über PIN und TAN erfolgt.
Ing. Eduard Schebesta von der HCS führt dazu aus: „In dieser Datenbank wird alles medizinisch Wesentliche elektronisch gesammelt. Es hat jedoch nur der Patient Zugriff darauf.“ So entscheidet auch der Patient, welche Daten und Dokumente bei einem Arztbesuch aus seinem Fundus dem behandelnden Arzt zur Verfügung gestellt werden.“ Die Daten, die jeweils nicht zugänglich sein sollen, wandern in einen elektronischen Safe, der sich auch trotz Kenntnis der für die Öffnung der Datenbank relevanten Codes nicht einsehen lässt.
Wesentlich für Schebesta ist, dass der Patient seine elektronischen Daten selbst in der Hand hat und selbst entscheidet, wem er was zur Verfügung stellt. Das Ganze geschieht über ein hochsicheres Portal. „Die Datenbank füllt sich nach Autorisierung durch den Patienten selbst. Die Befunde, die über das Mailboxsystem automatisch von Arzt zu Arzt geschickt werden, landen auch automatisch in der Datenbank.“ Das Einscannen von Altbefunden zu Informationszwecken ist selbstverständlich auch vorgesehen.

Ansprüche der Patienten exakt getroffen

Für Reisner entspricht das Produkt genau den Ansprüchen der Patienten an ein Befundverwaltungssystem. „Es entspricht auch genau meiner Philosophie, dass einzig und allein der Patient als Kunde im Gesundheitssystem das Recht haben sollte zu bestimmen, welche Befunde oder Gesundheitsdaten eingesehen werden können.“
Das System bietet die Möglichkeit, einerseits alle übermittelten Befunde zu lagern als auch eigene Befunde upzuloaden. „Es bietet aber auch die Möglichkeit, einzelne Befunde bewusst zu verstecken und vor dem Zugriff anderer zu schützen. Dies entspricht zwar vielleicht manchmal nicht dem vermeintlichen öffentlichen Interesse des ,gläsernen Patienten‘, geht jedoch perfekt auf die Bedürfnisse der Patienten ein.“
Es ist für ihn auch ein perfektes Abbild der Philosophie, die er seit Jahren umsetzt: „Jeder Patient erhält einen Arztbrief an seinen Hausarzt, der Patient allein entscheidet jedoch, ob der Hausarzt den Brief erhält.“ Hier sieht Reisner auch eines der ELGA-Probleme: „Was ist, wenn der Patient eine Zweitmeinung eines anderen Arztes einholen will, ohne dass ein Hauptbehandler davon weiß?“ Die Gefahren liegen für ihn etwa bei psychiatrischen Erkrankungen, die möglicherweise lange zurückliegen, oder sensiblen Blutbefunden wie HIV oder Schwangerschaft.

Überflüssige Geldvernichtung

Für Reisner ist das vorliegende System plausibel, sicher und auch kostenmäßig sehr vernünftig. „Natürlich geht das an der Vorstellung des gläsernen Patienten vorbei. Ich bin jedoch überzeugt, dass für eine sinnvolle Steuerung des Gesundheitswesens kein gläserner Patient nötig ist. Eine sinnvolle Nutzung der bereits in einer Arztsoftware anonymisierten Daten hätte die gleiche Effizienz, ohne jedoch die Rechte des Patienten massiv zu beschneiden.“
Er hält die ELGA daher für überflüssige Geldvernichtung ohne viel Nutzen für die Allgemeinheit. „Die Notfalldaten könnten einfach auf der e-Card gespeichert werden, dazu braucht man keine ELGA.“ Selbstverständlich bietet die persönliche Befunddatenbank auch die Möglichkeit einer umfassenden Notfalldatenverwaltung, derzeit laufen gerade die Verhandlungen über eine mögliche effiziente und gleichzeitig datensichere Nutzung über die Einsatzleitzentralen.

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