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Gesundheitspolitik 5. April 2007

Freiheit für Vertrauen und Sicherheit

„Die Kassen müssen wieder lernen, dass sie nicht nur mit den Ärzten in einer vertraglichen Beziehung stehen, sondern vor allem mit den Patienten.“ Sagt ein steirischer Allgemeinmediziner, der daher eine Neupositionierung der Chefärzte für notwendig hält.

Mitte März fand in Wien eine Enquete der Österreichischen Ärztekammer zum Thema Freiheit des Arztberufs statt. Die Veranstaltung war leider von Medienabwesenheit geprägt, auch von Vertretern ärztlicher Fachmedien. Im Publikum waren überwiegend Funktionäre und Angestellte einiger Ärztekammern, am Podium mit Ärztekammerpräsident Dr. Reiner Brettenthaler, Dr. Gerhard Benn-Ibler (Präsident der Bundeskonferenz Freie Berufe), Dr. Harald Mayer als Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte, Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger, Dr. Franz Frühwald (Obmann der Bundesfachgruppe Radiologie), Dr. Bernhard Güntert (Institut für Management und Ökonomie im Gesundheitswesen) sowie dem Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte Dr. Jörg Pruckner ausschließlich erfahrene Redner.

Vertreter der Basis

Mit einer Ausnahme. Quasi als Vertreter der Basis war Dr. Peter Rannacher, Niedergelassener Allgemeinmediziner aus Leibnitz geladen, der mit seiner Unterschriftenaktion „Weg mit den Sanktionen gegen Ärzte“ zum Jahreswechsel einigen Staub aufgewirbelt hatte.
Er brachte seine Ansicht über die bestehende Situation unmissverständlich auf den Punkt: „Ich stehe hier als Protagonist für etwa 500 österreichische Kollegen, die sich als niedergelassene Vertragsärzte in ihrer täglichen Arbeit von Sanktionen massiv bedroht fühlen und sich daher meiner Initiative angeschlossen haben.“
Unfreiheit schafft aus seiner Sicht Misstrauen und Unsicherheit. Dieser Missstand muss aus seiner Sicht geändert werden. „Hierzu sind vertrauensbildende Maßnahmen dringend erforderlich. Die Freiheit für Österreichs niedergelassene Ärzte beginnt bei der Abschaffung der Sanktionen.“

EKO für alle oder gar nicht

Rannacher verlangt zwar keine bedingungslose ökonomische Freiheit, aber zumindest therapeutische Freiheit in ausreichender und zweckmäßiger Form. „Wir stehen am Pranger in unseren Ordinationen, wenn uns Patienten empört ihren Unmut darüber äußern, dass ihnen bestimmte Behandlungswünsche und Untersuchungen nicht bedingungslos erfüllt werden.“
Dieser Zustand trat aus seiner Sicht erst Anfang 2005 ein, als die Chefarztpflicht neu geregelt wurde, und als kurz darauf der EKO eingeführt wurde. Der Weg in die therapeutische Freiheit führt für ihn daher nur über eine Verbesserung der Patientencompliance, Änderung und Vereinfachung des EKO sowie die Partnerschaftliche Neustrukturierung des chefärztlichen Berufsbildes. Seine Forderung an die Gesundheitspolitik ist daher klar: „Die Verantwortlichkeiten müssen neu geregelt werden.“ Konkret fordert er gemeinsame Spielregeln der extra- und intramuralen Behandlung und Kompetenzaufteilung. „Der EKO muss entweder für alle oder für keinen gelten.“ Weiters pocht er auf die exakte Einhaltung des neuen Apothekengesetzes. „Es darf keine Medikamentenabgabe ohne gültiges Kassenrezept geben. Ich fordere eine klare Kompetenztrennung zwischen Apotheke und ärztlicher Tätigkeit.“

Strukturelle Verbesserungen bei den Pflichtversicherungen

Von der Pharmaindustrie fordert er eine flexiblere Haltung in Preisgestaltung sowie Preiswahrheit. „Es kann nicht sein, dass bewährte Medikamente aufgrund mangelnder preislicher Flexibilität des Anbieters einfach aus der freien Verschreibbarkeit genommen werden.“ Für den Erklärungsbedarf gegenüber den Patienten sei man als Arzt nicht verantwortlich, müsse aber den Kopf hinhalten.
Für Rannacher beginnt das Problem bereits bei der Beziehung zwischen Patient und Pflichtversicherung. „Der Versicherungsvertrag sollte wie bei jeder anderen Versicherung auch ein Werk mit Bedingungen für beide Seiten sein.“
Vom Hauptverband und den Kassen erwartet er sich strukturelle Verbesserungen sowie den Ansatz einer Trennung zwischen Grundversicherung und Risikoversicherung, etwa für den Freizeitbereich. Weiters muss die Fragestellung angedacht werden, wie man Menschen mit Gesundheit gefährdendem Lebensstil einstuft. „Die Privatversicherungen haben dafür schon Modelle parat.“
Schließlich bringt er seine Forderung auf einen Punkt: „Die Agenden der ökonomischen Last müssen grundsätzlich und zur Gänze im Verantwortungsbereich der Krankenkassen bleiben und dürfen nicht auf die behandelnden Ärzte abgewälzt werden.“ Diese Art jedoch, die sich in den vergangenen Jahren stetig eingeschlichen hat, hat aus seiner Sicht nichts mit der Aufwertung der niedergelassenen Ärzte zu tun.
Ärzte stellen sich jedoch selbstverständlich der ihnen zustehenden Verantwortung, die vorhandenen Ressourcen sinnvoll einzusetzen. „Gegen Controlling im Sinne von Qualitätssicherung ist auch nichts einzuwenden. Aber gegen Vertragspartner, wie man uns bezeichnet, verhängt man keine Sanktionen. Da wird jede Partnerschaft zur Farce."

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