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Gesundheitspolitik 28. März 2007

Im toten Eck der medialen Aufmerksamkeit

Schwierige Bedingungen und eine kaum vorstellbar eingeschränkte Ausstattung erwarten die ärztlichen Helfer, die sich in Krisengebieten engagieren. Dankbare Patienten, die in Industrieländern längst nicht mehr selbstverständlich sind, sind ein Teil der Entlohnung, erklärt die Leiterin eines Krankenhauses im Kongo.

Katastrophenmeldungen gehören zum täglichen Brot der Medien. Doch menschliches Leid in großer Masse kann den gut gefütterten westlichen Voyeurismus kaum noch befriedigen. Daher bestimmen derzeit insbesondere Einzelschicksale die Ausrichtung des Infotainments. Ein mediales Umfeld, in dem sich vor allem Hilfsorganisationen schwer tun, über die Verhältnisse in vielen vergessenen Winkeln dieser Welt zu informieren. So wird über viele humanitäre Katastrophen das Tuch der Verschwiegenheit gebreitet, beklagte etwa Mag. Herbert Ofner. Der Press Officer der „Ärzte ohne Grenzen“ Österreich stellte daher der ÄRZTE WOCHE ein Interview mit der Schweizer Kinderärztin Dr. Andrea Osterwalder zur Verfügung. Osterwalder leitet die Kinderabteilung des von „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen Krankenhauses „Bon Marché“ in Bunia, der Hauptstadt der Provinz Ituri in der Demokratischen Republik Kongo. Tausende Patienten werden hier monatlich behandelt, darunter viele Opfer von Gewalt.

Bon Marché ist eines der größten Krankenhäuser der Provinz Ituri im Kongo. Von den zahlreichen Abteilungen hat die Kinderabteilung die meisten Patienten. Was sind die Probleme, wo liegen die Herausforderungen?
Osterwalder: Zuerst ein kurzer Überblick: Bon Marché steht seit rund dreieinhalb Jahren Notfallspatienten zur Verfügung. Ausgenommen von dieser Notfallsregelung sind Kinder unter fünf Jahren – diese werden auch dann aufgenommen, wenn kein Notfall vorliegt.
Die wichtigsten Abteilungen im Krankenhaus sind die Pädiatrie, die Gynäkologie mit Geburtsklinik, die Chirurgie und Orthopädie, das „santé de la femme et de la famille“ für sexuell missbrauchte Frauen, gynäkologische Probleme und Familienplanung sowie eine Intensivstation, in der bis zu 90 Prozent Kinder betreut werden.
Jeden Monat behandeln wir fast 1.000 Patienten stationär und etwa dreimal so viel ambulant. Fast die Hälfte der stationären Patienten wird in der Kinderabteilung behandelt. Eine Zahl, die in Relation zur Größe des Krankenhauses enorm ist, auch im Verhältnis mit Schweizer oder österreichischen Krankenhäusern. Die meisten unserer kleinen Patienten leiden an Malaria, gefolgt von Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen und Meningitis. Oft müssen wir bei Fällen von schwerer Malaria Bluttransfusionen durchführen. Dann ist Schnelligkeit gefragt: In einem eigenen Laboratorium haben wir die Möglichkeit, gespendetes Blut sofort zu untersuchen, und können auch auf eine eigene Blutspenderbank zurückgreifen.
Wir behandeln auch die Kinder aus dem Flüchtlingslager rund um die Stadt Gety, die zirka 50 km südlich von Bunia liegt. Diese sind häufig massiv unterernährt, leiden oft an Durchfall und schweren Hauterkrankungen. Nach durchschnittlich ein bis zwei Wochen Spezialernährung, wie Plumpynut und spezieller Milch, haben sie jedoch meist so viel an Gewicht zugelegt, dass wir sie wieder zurück nach Gety bringen können. Plumpynut ist eine ausgewogene Ernährung aus Erdnüssen, Öl, Mineralien und Vitaminen. Vor kurzem haben wir ein ungefähr sieben Jahre altes Kind mit nur 13 Kilo behandelt. Mit Plumpynut hat es innerhalb von nur zwei Wochen sechs Kilo zugenommen, das ist beinahe die Hälfte des Gewichts, das es zuvor hatte.

Im Kongo gibt es zahlreiche Opfer gewalttätiger Übergriffe. Wie hilft die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ diesen physisch und seelisch geschundenen Menschen?
Osterwalder: Viele unserer Patienten sind Opfer von Gewalt. Die Verletzungen reichen von Schusswunden über Blutergüsse, Brüche und abgetrennte Gliedmaßen bis zu den Folgen sexueller Gewalt. Zuständig sind, je nach Verletzung, meist unsere Chirurgen oder aber – etwa im Falle sexueller Gewalt – auch das „santé de la femme et de la famille“. In diesem Zentrum hat „Ärzte ohne Grenzen“ im ersten Halbjahr 2006 rund 200 Patientinnen pro Monat behandelt. Kommt das Opfer, zumeist handelt es sich um Mädchen oder Frauen, innerhalb von 72 Stunden, verabreichen wir vorsorglich antiretrovirale Medikamente, die das Risiko, an HIV/Aids zu erkranken, signifikant verringern. Wir behandeln auch andere sexuell übertragbare Krankheiten wie etwa Syphilis oder Hepatitis B. Zusätzlich zur medizinischen Betreuung verweisen wir die betroffenen Frauen an kongolesische Organisationen, die sich auf psychologische Betreuung spezialisiert haben. Unsere jüngste Patientin war erst neun Monate alt.
Einmal pro Woche fährt ein speziell geschultes Team des „santé de la femme et de la famille“, bestehend aus einer Ärztin und Krankenschwestern, nach Kagaba, um dort die Opfer sexueller Gewalt medizinisch zu betreuen. Die Stadt Kagaba liegt etwa 40 km südlich von Bunia, in unmittelbarer Nähe befindet sich ein Flüchtlingslager mit rund 7.000 Vertriebenen, die ebenfalls betreut werden. Schwerere Fälle nehmen die Teams mit nach Bon Marché, um sie dort zu behandeln.

Bon Marché befindet sich in einer Umbruchszeit, es werden gerade neue Gebäude errichtet, um die Zelte zu ersetzen. Warum dieser Aufwand?
Osterwalder: Aufgrund der anhaltenden Notsituation hat sich „Ärzte ohne Grenzen“ zu diesem Schritt entschlossen. Mit der Übersiedlung, die für Februar geplant ist, endet ein mehr als dreieinhalbjähriges Provisorium. Seit 2003 arbeitet die Organisation vor allem in Zelten, Gebäude sind da eher die Ausnahme. Kurz gesagt, wollen wir unseren Patienten, aber auch unserem Personal damit bessere Qualität und mehr Hygiene bieten. Die Betten werden so groß sein, dass im Notfall auch zwei Patienten darin Platz finden. Die Anzahl der Betten – derzeit rund 250 – wird in etwa gleich bleiben. Auch der Charakter von Bon Marché als Notfallkrankenhaus bleibt erhalten.

Worin liegt für Sie der Unterschied zur Arbeit in einem europäischen Kinderspital?
Osterwalder: Die klinischen Fähigkeiten stehen in Afrika viel mehr im Vordergrund, und zwar aufgrund der im Vergleich nur beschränkten Ausstattung des Spitals. Neben einem ausgeprägten klinischen Gespür ist auch tropenmedizinisches Wissen wichtig. Stressresistenz und psychische Stabilität sind unbedingt erforderlich. Für den einzelnen Patienten bleibt viel weniger Zeit. Ein Mediziner, der hier arbeitet, muss auch darauf gefasst sein, dass die Todesrate, speziell bei den Kindern, viel höher ist. Bei uns sterben rund zehn Prozent der eingelieferten Kinder zum großen Teil, weil die Eltern zumeist erst sehr spät kommen und wir nichts mehr für das Kind tun können. Für europäische Verhältnisse ist eine Mortalitätsrate in dieser Höhe unvorstellbar. Auf der anderen Seite ist die Arbeit eine große Herausforderung, sie ist erfrischend unbürokratisch und man kann unglaublich viel bewegen. Und die Eltern sind sehr froh und dankbar für die Behandlung, die, im Gegensatz zur Schweiz, wo ich bisher gearbeitet habe, ganz und gar nicht als selbstverständlich angesehen wird.

Mag. Herbert Ofner, Ärzte Woche 13/2007

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