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Gesundheitspolitik 21. März 2007

Hausapotheken sind eine aussterbende Spezies

Bereits heute sind Menschen auf dem Land gezwungen, kilometerlange Strecken auf sich zu nehmen, um im nächsten Ort notwendige Medikamente zu erhalten. Für alte Leute eine Zumutung.

Die Ärztekammern warnen schon seit Jahren, doch das fehlende Verständnis der Politiker für die Wünsche und Bedürfnisse der Patienten gefährdet weiter ärztliche Standorte und damit die Nahversorgung der Versicherten. In Österreich hängen derzeit zahlreiche ärztliche Hausapotheken akut an einem seidenen Faden, für die kommenden Jahre wird aufgrund der aktuellen Gesetzgebung ein Zusperren von hunderten Haus­apotheken erwartet. Dass an der Hausapotheke nicht nur die Existenz eines Arztes samt Familie und Angestellten hängt, zeigt ein jüngster Fall im Tiroler Pitztal, wo die Bezirkshauptmannschaft per Bescheid die Schließung einer Hausapotheke verfügt hat.
„Hier hängt die gesamte notärztliche Versorgung an einer ärztlichen Praxis und an der Möglichkeit der medikamentösen Versorgung eben über diese Praxis“, so der Hausapothekenreferent der Ärztekammer für Tirol Dr. Klaus Schweitzer.
Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer für Tirol, fordert die Politik auf, von ihrem „realitätsfremden Schutzdenken für öffentliche Apotheken abzurücken“. Die Gesetzgebung sei zwar Bundessache, doch er appelliert dringend an die zuständigen Landespolitiker und Tiroler Volksvertreter in Wien, sich umgehend für eine die regionalen Bedürfnisse seines Landes berücksichtigende gesetzliche Lösung einzusetzen.

Dispensierrecht andenken

Wechselberger erinnert an dieser Stelle auch an die Forderung der Ärztekammer, endlich das gene­relle Dispensierrecht sowie die ­Abschaffung des Apothekenmonopols anzudenken und umzusetzen. Doch Wechselbergers regionales Anliegen betrifft ganz Österreich. Die Steiermark, Oberösterreich und Nieder­öster­reich sind in Sachen Anzahl von Hausapotheken führend, und dort sind solche Probleme ebenfalls an der Tagesordnung. Die ÄRZTE WOCHE hat in den vergangenen Jahren über einige Grotesken in dieser Angelegenheit berichtet.
Offenbar gibt es in Ernsthofen in Niederösterreich derzeit einen ähnlichen Fall. Ein betroffener älterer Bewohner dieser Gemeinde (Name der Redaktion bekannt) hat sich vergangene Woche per E-Mail an die Redaktion der ÄRZTE WOCHE gewendet: „Derzeit haben wir noch eine Hausapotheke und brauchen nicht in die zehn Kilometer entfernte Apotheke nach St. Valentin zu fahren. Jetzt ändert sich das, den Zeitungsberichten zufolge wird diese geschlossen, was für uns Ältere ein fataler Wahnsinn ist. Ich bin 84 Jahre alt. Mit der ÖBB nach St. Valentin und dann drei Kilometer zur Apotheke zu fahren, ist eine unmenschliche Zumutung.“ Dieser betroffene Patient beklagt sich, lange genug und viele Beiträge in die Krankenkasse einbezahlt zu haben. Er bedauert, dass die Wahlen vorbei sind und dass kein Gehör für ältere Leute vorhanden ist, weder von Politik noch von der Krankenkasse. Er appelliert dringend an die Redaktion der ÄRZTE WOCHE: „Was kann man da tun? Helfen Sie uns bitte irgendwie!“
Wir können jedoch nichts tun, außer die Grotesken darzustellen. Gefordert sind auch in Niederösterreich die Standespolitiker, die nicht länger dieser unhaltbaren Entwicklung tatenlos zuschauen sollten und im Interesse ihrer Patienten für die hausärztliche Gesamtversorgung gerade auf dem Lande kämpfen sollten.

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