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Gesundheitspolitik 20. Februar 2007

Aufwertung der Komplementärmedizin?

Brauchen komplementär-medizinische Methoden bei der Beurteilung ihrer Wirksamkeit und ökonomischer Kriterien eine andere Sichtweise als die klassische Schulmedizin? Die Homöopathie könnte nun endgültig zum Vorreiter werden.

Im Programm der neuen Regierung kommt die Komplementärmedizin immerhin nicht mehr nur in einem Nebensatz vor. Aktuelle Studien zeigen es deutlich: Immer mehr Patienten haben großes Interesse an Methoden abseits der klassischen Schulmedizin. Die Sozialversicherungen weigern sich aber nach wie vor beharrlich, Kosten auch für längst etablierte Behandlungsformen wie die Homöopathie zu übernehmen.

„Zauberwort“ Evidenz

Im neuen Regierungsprogramm wird explizit angesprochen, dass homöopathische Mittel durch „evidenzbasierte Anerkennung“ in den Erstattungskodex (EKO) aufgenommen werden sollen. „Die Kriterien des EKO sind willkürlich und keineswegs so rational, wie das viel zitierte Zauberwort ‚Evidenz’ uns weismachen will“, analysiert Dr. Bettina Reiter, Fachärztin für Psychiatrie in Wien und Geschäftsführerin der Akademie für Ganzheitsmedizin (GAMED). Sie koordiniert zudem die Aktivitäten der seit 2005 bestehenden Plattform „Ja zur Komplementärmedizin“; ähnliche Initiativen gibt es aktuell auch in der Schweiz und in Deutschland.
Anthroposophischen und homöopathischen Arzneimitteln wird allein wegen ihrer Herstellungsart von vornherein die Wirkung abgesprochen, ein Antrag auf Annahme kann also nicht einmal eingebracht werden. „Die Frage ist auch“, so Reiter: „Was bringt bei der Homöopathie eine Aufnahme in den EKO? Die Mittel kosten oft weniger als die Rezeptgebühr.“ Die GAMED-Geschäftsführerin fordert einen intensiven Dialog, um zu klären, wie eine Aufnahme Sinn macht.

Kassen zur Zahlung verurteilt

Diese gelte auch für andere Methoden außer der Homöopathie. Reiter denkt dabei beispielsweise an die Mistel- oder Enzymtherapie, „die nachweisliche Erfolge haben“. Einige Klagen von Patienten hätten dazu geführt, dass die Kassen eine Rückerstattung der Behandlungskosten übernehmen mussten. Als unmittelbar umsetzbaren Schritt erachtet Reiter die freie Verschreibbarkeit aller Heilmittel bis zum 14. Lebensjahr. Dies würde laut einer Schätzung der Plattform „Ja zur Komplementärmedizin“ nur etwa 40 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr verur-sachen. Vielen Patienten könnte damit aber, z.B. bei onkologischen Erkrankungen, viel Leid erspart und einkommensschwachen Eltern der gerechte Zugang auch zu teureren Heilmitteln ermöglicht werden.
„Von der Gesundheitspolitik ist die stärkere Unterstützung der Erforschung von Wirkungsweisen komplementärer Methoden zu fordern“, meint Reiter. Eine Möglichkeit dafür wäre die Einrichtung eines universitären Lehrstuhls. Die Forschung könnte auf den bisherigen Ergebnissen in anderen Ländern aufbauen, vor allem in der Homöopathie wurde international schon viel geforscht.
Neben Forschungsergebnissen liefert auch die Erfahrung vieler Ärzte Argumente, z.B. dass die eingesetzten Methoden oder Mittel oft kostengünstiger wären als die klassische Schulmedizin. „Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Komplementärmedizin müssten ebenfalls gemeinsam erarbeitet und nicht von oben aufgesetzt werden“, betont Reiter. Sie fordert ebenso die Aufnahme von Komplementärmedizinern in Gremien wie den Obersten Sanitätsrat oder die Heilmittel-Evaluierungs-Kommission.

„Schwarze Liste“ in OÖ bisher ohne Konsequenzen

Viel Staub wirbelte eine im Jahr 2001 gemeinsam von oberösterreichischer Gebietskrankenkasse und Ärztekammer präsentierte Liste mit 20 komplementär-medizinischen Methoden, die Kassenärzte nicht mehr anwenden dürfen. Angedroht wurde bei Zuwiderhandlung ein Entzug der Kassenstelle. Auf der Liste stehen nach wie vor neben Pendeln, Reiki oder Eigenurinbehandlung auch Methoden wie die Bioresonanz.
Konkrete Sanktionen hatte die Liste nicht zur Folge – nur Verfahren, die sich nach wie vor hinziehen. Diskutiert wird vor allem die Bioresonanz und deren Wirksamkeit bzw. wie sich diese überhaupt feststellen lässt. Laut Ärztekammer steht zumindest dafür ein konkreter Schritt bevor, wonach ein Evaluierungsverfahren von allen Seiten akzeptiert wird. Aber auch das kann noch einige Wochen oder Monate dauern.

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