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Gesundheitspolitik 13. Februar 2007

ÄWOScop: Wenn die Therapie zu spät kommt

Natürlich wissen es schon längst alle Leser: Rauchen ist ungesund! Schließlich sind sie ja vom Fach. So wie die neue Frau Gesundheitsminister. Diese im besonderen Maße als Anästhesistin und Intensivmedizinerin. Natürlich ist es in gut informierten Kreisen längst auch kein Geheimnis mehr, dass sogar Passivrauchen äußerst ungesund ist. In Zahlen ausgedrückt, liegt das Karzinomrisiko bei Passivrauchern um 25 Prozent höher und bei stark exponierten „Mitrauchern“ sogar um 50 Prozent höher als bei absoluten Nichtrauchern. Alles Zahlen – oder was? Es sterben mehr ÖsterreicherInnen an Lungenkrebs als an Autounfällen. Schön für unsere Verkehrs­politik. Eine Schande für unsere Gesundheitspolitik. Da reicht es bestenfalls für die freiwillige Einführung von Nichtraucherzonen. Dann wird evaluiert. Und dann? Alles aus Angst vor der eigenen Courage? Man könnte ja die österreichische Beiselkultur stören, und vielleicht geht dann auch die berühmte österreichische Gemütlichkeit drauf. Mit der Gemütlichkeit ist es jedenfalls schon längst zu Ende, wenn einen das Gewissen plagt. Oder plagen sollte. Wird doch unter dem Vorwand, man möchte die Raucher nicht diskriminieren, deren Gesundheit und die der Nichtraucher weiter gefährdet. Da genügt es nicht, darüber laut nachzudenken, ob man die Behandlung der Nikotinsucht stärker fördert. Auf Kassenkosten – natürlich. Für die vielen Möchtegern-Gesundheits­ökonomen und -innen: Laut dem berühmten Nikotininstitut des Professor Kunze kostet die Entwöhnung 240 Euro. Das verraucht doch ein armer Nikotinabhängiger locker im Halbjahr. Aber solange es schick ist, ein armer Raucher zu sein, der auf ein zu seinem Schutz erlassenes echtes Rauchverbot warten muss und zugleich öffentliche Stellen um das Thema herumeiern, bleibt es offensichtlich urcool, seiner Mitwelt den Rauch ins Gesicht zu blasen. In Kenntnis aller Fakten könnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Raucher oder dessen Erbe den Staat klagt, die notwendige Hilfestellung unterlassen zu haben. Vorsicht: Man könnte die Herrschaften mit heruntergelassener Hose erwischen, nascht doch die Finanz heftigst am Tabakwarenkonsum mit. Nachdem die Zweckbindung der Tabak-s­teuer zwar versprochen, aber nicht gelebt wird, macht sich die Ärzteschaft beruhigenderweise nicht mitschuldig. Was man im Falle des Zuwartens und Abwartens (der Evaluierung des Rauchverbotes) nicht behaupten kann. Das absolute Rauchverbot, wie schon in anderen europäischen Ländern vorexerziert, ist ein Therapeutikum. Wenn die Therapie allerdings auf sich warten lässt, kann sie für manche zu spät kommen.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 7/2007

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