zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 29. November 2006

Undurchdringlicher Wortdschungel

Information, vor allem in schriftlicher Form, ist eine wichtige Säule bei Gesundheitsförderung und beim Umgang mit einer Krankheit. Ärzte könnten Betroffene beim Zugang zu Alphabetisierungsangeboten unterstützen.

Nach Schätzungen sind mindestens zehn Prozent der europäischen Bevölkerung „funktionelle Analphabeten“. Ein Begriff, den Brigitte Bauer, Leiterin des Vereins „abc – Lesen und Schreiben für Erwachsene“ in Salzburg möglichst vermeidet: „Es geht um Menschen, die teils trotz Schule und Lehre nicht über die nötigen Lese- und Schreibkompetenzen verfügen, um am Arbeitsplatz oder im privaten Bereich allein zurecht zu kommen.“ Diese Menschen können oft gerade ihren eigenen Namen lesen und schreiben, scheitern aber bereits, wenn es um die Namen der Kinder oder die eigene Adresse geht.

Hohe Zahl von Betroffenen

„Leider ist dieses Thema nach wie vor ein großes Tabu und führt oft zu gesellschaftlicher Isolation“, bedauert Bauer. Über die Zahl der tatsächlich Betroffenen gäbe es keine präzisen Daten. Schätzungen gehen von über 300.000 Personen in Österreich aus, in anderen Statistiken ist von 600.000 die Rede. „Gerade im Gesundheitsbereich bringt das große Probleme“, betont Bauer. Packungsbeilagen zu Medikamenten gelten nicht gerade als leicht zu lesende Lektüre. Für Menschen, die gerade ihren Namen entziffern können, bleiben die Angaben überhaupt ein undurchdringlicher Wortdschungel. Das gelte auch für schriftliche Empfehlungen des Arztes oder Befunde bzw. ge-nerell Informationen zum Thema Gesundheit in Schriftform. Weiters kommt es zu Abhängigkeiten gegenüber Personen, die helfen, die Informationen zu dechiffrieren.

Das Problem erkennen

„Vor allem Hausärzte oder an Ambulanzen tätige Ärzte können Menschen mit massiven Lese- und Schreibproblemen beim Zugang zu adäquater Förderung unterstützen“, regt Bauer an. Dies beginne mit der Sensibilität für das Thema. Hinweise können sein, dass jemand beim Ausfüllen von Formularen um Unterstützung bittet oder Medikamente nicht in der Form einnimmt, wie vom Arzt empfohlen. „Im vertraulichen Verhältnis zwischen Arzt und Patient besteht die Chance, das Problemfeld ‚Analphabetismus’ zu benennen“, meint Bauer. Für die meisten Betroffenen sei dies eine große Erleichterung. Seit Juni 2006 gibt es das „Alfa-Telefon“ 0810/200-810. Dort und unter www.alpabetisierung.at finden sich verschiedenste Informationen, Kurse und Zentren wie der Verein „abc – Lesen und Schreiben für Erwachsene“ in Salzburg. Zu solchen Zentren kommen Menschen etwa über das Arbeitsmarktservice oder Sozialinitiativen. „Wertvoll wäre“, so Bauer, „wenn auch Ärzte als entscheidende Multiplikatorinnen die Pa-tienten auf dieses Angebot aufmerksam machen bzw. dazu motivieren würden, es in Anspruch zu nehmen.“ Erwachsene könnten in Kursen, die sich an der konkreten Arbeits- und Lebenssituation orientieren, noch viel lernen.

Große Angebotslücken

Die regionale Versorgung mit derartigen Einrichtungen weist noch viele schwarze Flecken auf, berichtet Bauer. Außerdem fehle Institutionen wie „abc – Lesen und Schreiben für Erwachsene“ eine verlässliche Finanzierungsbasis. Im Sinne der Qualitätssicherung hat das österreichweite „Netzwerk Alphabetisierung“ entsprechende Kriterien entwickelt.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 48/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben