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Gesundheitspolitik 23. Jänner 2007

Dispensierrecht für Ärzte: Die Vorteile überwiegen

Der Slogan „Der Patient soll nicht mehr laufen“ wurde vergangenes Jahr häufig strapaziert. Laufen muss er aber immer noch in die Apotheke, um seine Medikamente zu bekommen. Das Thema Dispensierrecht bleibt aktuell.

Das Monopol der Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten durch öffentliche Apotheken hat Tradition. Kein Wunder also, dass nun mit starkem Lobbying versucht wird, ein nicht mehr zeitgemäßes System aufrecht zu erhalten, das nicht nur überhöhte Preise für Medikamente, sondern speziell am Land oft gravierende Nachteile für den Patienten zur Folge hat.
So manche Lücke schließen auch heute noch ärztliche Hausapotheken. Dieses vom Aussterben bedrohte Versorgungskonzept macht zwar Sinn, die Art der finanziellen Abwicklung nutzen dessen Gegner aber gern als Angriffsfläche.

Ein neues, faires Konzept

Diese Fakten und Überlegungen waren Triebfeder für Dr. Christoph Reisner und Michael Dihlmann, das Konzept Medikamenten-Management zu entwickeln und der letzten Bundesministerin für Gesundheit auf ihre Aufforderung hin zur Prüfung zu übermitteln. Grundgedanke war, eine faire Abgeltung für eine Dienstleistung zu entwickeln und gleichzeitig die wirtschaftliche Auswirkung auf den Ordinationsgewinn von der Wahl des Medikaments abzukoppeln.
Mit Hilfe von Statistiken über Bearbeitungszeit in Ordinationen, durchschnittlichen Stundensätzen sowie den kalkulatorischen Grundlagen von Arztpraxen wurde für diese Dienstleistung ein Wert von 12,80 Euro pro Schein ermittelt. Dies ergibt immerhin rund 60.000 Euro pro Jahr für die durchschnittliche 1.000-Scheine-Praxis eines Hausarztes (Details zum Konzept auf www.wahlarzt.at).
Selbstverständlich wurde bereits bei der Erstellung an die Rolle der noch bestehenden ärztlichen Hausapotheken gedacht. Zu diesem Zweck wurde auch errechnet, was eine Umstellung vom bestehenden System auf die Alternative bedeuten würde. Die bereits zitierte 1.000-Scheine-Praxis hat MIT Hausapotheke bei „normalen“ Werten (Rohaufschlag 25 Prozent, Anteil Medikamentenverkauf am Gesamtumsatz 60 Prozent) unter Herausrechnung eines durchschnittlichen Anteils von Privatmedikamenten am Umsatz im Kassenbereich eine Nettohandelsspanne pro Jahr von etwa 45.000 Euro.
Mit Hilfe von zahlreichen Vergleichswerten wurden auch ärztliche Hausapotheken in anderer Größenordnung durchgerechnet. Für den Großteil der Fälle kam – wie bei der bereits erwähnten Vergleichsordination – ein deutlicher Vorteil zugunsten bereits Hausapotheken führender Ärzte heraus. Für diese Vergleiche wurde eigens ein Hausapotheken-Vergleichsrechner entwickelt (ebenfalls unter www.wahlarzt.at).
Die Initiatoren dieses Konzeptes sind daher nach wie vor überzeugt, mit dem erarbeiteten Ansatz nicht nur zur Verbesserung der Bedingungen für Patienten und zur Optimierung der Gesundheitsressourcen beizutragen. Auch eine realistische und wirtschaftlich reizvolle Optimierungsmöglichkeit für Ordinationen ist damit möglich, welche die Entstehung neuer Hausapotheken zur Folge hätte und vor allem Rechtssicherheit für alle bestehenden bedeuten würde. Dies alles ohne Zwang und auf der Basis von Freiwilligkeit.

Großes Interesse am Thema

Die zahlreichen Reaktionen von Ärzten waren aufschlussreich und durchwegs positiv (siehe dazu Leserecho unten). Überraschenderweise blieb eine offizielle Stellungnahme von Seiten der Apothekerkammer aus.
Eine klare Distanzierung vom Alleingang des Vizepräsidenten Reisner gab die Ärztekammer für Niederösterreich bekannt. Sie reagierte rasch, aber ohne genaue Prüfung des Konzepts. Aus Sicht der Kurienführung der niedergelassenen Ärzte sowie des Hausapothekenreferats sei das Medikamenten-Management logistisch nicht machbar, entbehre jeder Grundlage und zerstöre das bestehende System der ärztlichen Hausapotheken. In logischer Konsequenz dieses Vorgehens durfte sich der demokratisch legitimierte Vizepräsident auch im Kammermedium Consilium nicht zum Thema äußern.
In einem Schreiben der Ärztekammer für NÖ Ende 2006 wurde in erster Linie der Sorge Ausdruck verliehen, dass der Großhandel nicht in der Lage wäre, zusätzliche Hausapotheken zu beliefern. Aus der Praxis liegt allerdings der Schluss nahe, dass der Großhandel jede neu zu eröffnende Hausapotheke als willkommene zukünftige Kundschaft umwerben würde.
In zweiter Linie sorgt sich die Standesvertretung um die Ärzte, „die auf einmal einem erheblichen Konkurrenzdruck innerhalb der Kollegenschaft ausgesetzt wären“. Von „Wettbewerbsverzerrung“ war die Rede und vom Zusperren ärztlicher Hausapotheken, aber auch das Feindbild „Wahlarzt“ bekommt seinen Teil ab: „Eine möglicherweise beabsichtigte flächendeckende finanzielle Umschichtung von Hausapotheken führenden Ärzten zu Wahlärzten würde auch die flächendeckende ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten gefährden.“
Reisner, dem im Zusammenhang mit dem Konzept Medikamenten-Management des Öfteren vorgeworfen wurde, keine vernünftigen Konzepte zu entwickeln, sondern nur „Wahlkampftaktik“ zu betreiben, erkennt nun genau diese Taktik bei der Kammerführung: „Die Ärzte an der Basis werden sehr genau erkennen, aus welcher Ecke vernünftige Vorschläge für die Ärzteschaft und aus welcher Ecke taktische Spielchen in Vorwahlzeiten auf Kosten aller Ärzte kommen.“

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