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Gesundheitspolitik 18. Jänner 2007

Weiter Turbulenzen bei Flugrettung

Obwohl in Niederösterreich alle Leitstellen in der LEBIG zusammengefasst sind, weist dieses Bundesland die höchste Zahl von Hubschrauber-Fehleinsätzen auf. Daran konnte auch ein eigens dafür eingesetztes Gremium kaum etwas ändern.

Im Österreichschnitt wird ein Viertel, in Niederösterreich fast die Hälfte der Einsätze von Rettungshubschraubern von der Sozialversicherung nicht gezahlt: entweder lag eine zu geringfügige Verletzung vor oder es erfolgte gar kein Patiententransport. Die Christophorus-Notarzthubschrauber des ÖAMTC flogen von ihren 16 Stützpunkten in ganz Österreich im Vorjahr 16.414 Einsätze, vor zwei Jahren waren es noch 15.800. An der Spitze liegen dabei internistische Notfälle. 16 Prozent der Alarmierungen erfolgten nach Sport- und Freizeitunfällen, jeder neunte Rettungsflug galt einem Verkehrsunfall.
In Kärnten und Tirol gibt es noch weitere Betreiber von Flugrettungen. Dort scheint die Disponierung besser zu laufen. Gestiegen ist die Zahl der nicht bezahlten Flüge und auch der ohne Patiententransport vor allem in Ostösterreich. Im Durchschnitt liegt diese Rate bei etwa 27 bis 48 Prozent, Spitzenreiter ist Niederösterreich mit 48 Prozent. Insgesamt haben die österreichweit nicht bezahlten Einsätze 2006 den ÖAMTC und dessen Partnern – große Privatversicherungen – über 2,5 Millionen Euro gekostet.
Nicht nur der ÖAMTC, sondern auch die Ärzteschaft fordert möglichst rasche Maßnahmen ein. „Wir hatten in Niederösterreich an manchen Standorten innerhalb kurzer Zeit fast doppelt so viele Einsätze, doch der Zuwachs lag vor allem im Bereich der nicht verrechenbaren Flüge“, analysiert der Allgemeinmediziner und Anästhesist Dr. Peter Tschiesche, Leiter des Referats für Notfall- und Rettungsdienste in der niederösterreichischen Ärztekammer.

Starres Abfragesystem hat Vor-, aber auch Nachteile

Aus seiner Sicht geht es vor allem um ein organisatorisches Problem: „Grundsätzlich war es der richtige Weg, die Zahl der Leitstellen für Notarzteinsätze drastisch zu reduzieren.“ In Niederösterreich sind diese in der „LEBIG“ zusammengefasst, deren Träger mehrheitlich das Land NÖ ist. „Die Mitarbeiter müssen sich an ein starres Abfragesystem halten und ab einem bestimmten Schweregrad der Erkrankung oder Verletzung die Alarmierung eines Hubschraubers oder Notarztwagens veranlassen“, so Tschiesche.
Die vielen Fragen empfinden Hilfesuchende in der Notsituation verständlicherweise oft als unnötig. Gleichzeitig erfolgt aber eine zu geringe individuelle Differenzierung, welche Art von Unterstützung wirklich sinnvoll wäre. „Oft können Laien vor Ort gut einschätzen, ob der Einsatz eines Hubschraubers notwendig ist“, meint Tschiesche, dennoch würden deren Aussagen - streng nach Abfrageschema – vom Disponenten gern ignoriert.
Das starre Procedere hat noch andere Nachteile. „Früher hat der Notarzt nach dem Einsatz in seiner lokalen Leitstelle angerufen und ein Feedback abgegeben“, berichtet der Referats-Leiter. „Das geht jetzt nicht mehr, weil man meist gar nicht weiß, wer den Einsatz vermittelt hat.“ Für den Umgang mit Notrufen seien jedenfalls erfahrene Mitarbeiter und flexiblere Leitlinien erforderlich.
Zur Behandlung der anstehenden Probleme gibt es in Niederösterreich zwar ein eigenes Gremium, in dem die leitenden Notärzte vertreten sind. „Dieses konnte bis jetzt aber kaum etwas bewegen“, bedauert Tschiesche. Er kritisiert zudem, dass von der LEBIG trotz mehrmaligen Ersuchens bis jetzt keine verwertbaren Daten vorgelegt wurden. Wichtig wäre beispielsweise die Information, wie oft der lokale Notarztwagen durch lange Transporte, z.B. an ein Herzzentrum, stundenlang im eigentlichen Einsatzgebiet nicht verfügbar ist.
Verbesserungen bei der Koordination durch die LEBIG ortet Tschiesche durch die Einbeziehung diensthabender Ärzte. Diese hätten früher oft beklagt, dass sie vom Fenster aus den Hubschrauber landen sahen, obwohl sie selbst wesentlich schneller vor Ort gewesen wären. Jetzt gibt es die Möglichkeit, sich bei der LEBIG für eine Mitalarmierung via SMS anzumelden. „Das funktioniert relativ gut“, so Tschiesche. „Die Ärzte vor Ort haben durch das Vorwissen über ihre Patienten wertvolle Informationen, die dazu beitragen, Krisensituationen richtig einzuschätzen.“ Dieser Vorteil sollte auch bei der Notfallalarmierung stärker genutzt werden.

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