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Gesundheitspolitik 6. Dezember 2006

Kammerfunktionär auf Abwegen?

Das Konzept „Medikamenten-Management“ von Dr. Christoph Reisner sorgt für Missstimmung in der niederösterreichischen Standesvertretung.

Am 23. November hat die ÄRZTE WOCHE exklusiv Reisners Konzept veröffentlicht. Noch am selben Tag distanzierte sich die Ärztekammer von diesem „Vorschlag zur Änderung des Systems der ärztlichen Hausapotheken“, wie es in der Aussendung heißt. Kammer-Vizepräsident Reisner habe als Privatperson und in seiner Funktion als Vorsitzender eines Privatvereines (Anm.: „Wahlärzte Österreich“) agiert. Es handle sich „lediglich um seine Privatmeinung“.

Befürchtungen der Kammer

Das Konzept selbst „bewertet“ in der Aussendung Dr. Johann Jäger, Vorsitzender der niedergelassenen Ärzte in NÖ und selbst Hausapotheker: „Die Inhalte dieses Vorschlages entbehren jeder Grundlage und sind in der Realität niemals umsetzbar. Einerseits müsste die Medikamentendistribution seitens des Großhandels dazu verfünffacht werden – was völlig auszuschließen ist. Andererseits hätte die Umsetzung vermutlich die Schließung vieler Hausapotheken am Land zur Folge – und damit verbunden möglicherweise auch ein Zusperren vieler Kassenarztpraxen.“
Es sei für die NÖ Ärztekammer auch nicht nachvollziehbar, weshalb ein Wahlarzt das hervorragend funktionierende System der Hausapotheken bei Kassenärzten zerschlagen und damit viele ärztliche Kollegen in dramatische wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen möchte. „Wir Ärzte halten es auch gegenüber unseren Patienten für unzumutbar“, so Jäger weiter, „durch derartige Vorschläge ein Hausapothekensterben in ländlichen Gebieten zu riskieren.“
Die kammerinterne Verärgerung über Reisners Vorstoß bildet den Abschluss der Aussendung und erinnert an Gepflogenheiten in der Parteipolitik: „Besonders befremdlich ist es für die NÖ Ärztekammer, dass ein Spitzenfunktionär ohne jede Rücksprache mit seiner eigenen Kammer Derartiges ver-öffentlicht.“ (Siehe dazu Kommentar „Kammer-Schauspiele“.)
Warum der Vizepräsident diesen Weg beschritten hat, erklärt er in seiner Stellungnahme zur Aussendung der Kammer: „Das Konzept wurde bundesländerübergreifend unter intensiver Mitwirkung meines wirtschaftlichen Beraterstabes entwickelt. Da ich die Ärztekammer in einigen Bereichen als starr und unflexibel kenne, habe ich es vorgezogen, dieses Konzept außerhalb der Kammer zu entwickeln und zu veröffentlichen. Eine Rücksprache mit der Kammer war daher entbehrlich.“
Die Ärztekammern hätten in den letzten Jahrzehnten vereinzelt Versuche unternommen, ein Dispensierrecht für alle Ärzte zu erwirken. Über die Forderung sei dieser Versuch bislang aber nicht hinausgegangen.
Über Jägers Kritik am Konzept „Medikamenten-Management“ kann sich Reisner nur wundern: „Er hat mich in der Sache selbst nie kontaktiert, weshalb eine Einschätzung seinerseits betreffend die Grundlagen des Konzeptes überhaupt nicht möglich ist. Ihm kann nicht bekannt sein, welches Datenmaterial mir zur Erarbeitung zur Verfügung stand und welche umfangreichen Recherchen im Rahmen der Projektentwicklung durchgeführt wurden. Eine Umsetzungsprüfung ist unter anderem durch repräsentative Umfragen im Großhandel erfolgt, auch diese Tatsache kann Dr. Jäger nicht wissen.“
Dass Reisners Absicht, „Bewegung in die Diskussion zu bringen und auf sachlicher Ebene neue Ideen vorzulegen“, von Kammer-seite nicht gutiert wird, darf nicht verwundern. Hier agiert die Standesvertretung als politisches Gremium – aus welchen Gründen auch immer.

Nicht gegen Hausapotheken

Vom Vorwurf, sein Konzept hätte „die Zerschlagung des bestehenden Systems der Hausapotheken“ zur Folge, distanziert sich der Vizepräsident jedenfalls mit aller Deutlichkeit. Reisners Fazit: „Die Kurienführung der Ärztekammer für Niederösterreich hat mit der Presseaussendung zu dieser Thematik jedenfalls genauso berechenbar und schablonenhaft agiert wie bereits in der Vergangenheit in vielen Themenbereichen.“

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