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Gesundheitspolitik 6. Dezember 2006

Einfach zum Davonlaufen

Die Verschreibung von Medikamenten ist eine ureigene Aufgabe der Ärzte. Selbstverständlich ist auch, dass auf Unverträglichkeit und Interaktionen Rücksicht genommen wird. Darüber hinaus wird seitens der Sozialversicherung eine ökonomische Verschreibweise verlangt.
Für diese Aufgabe wird aber seitens des Hauptverbandes so gut wie keine Hilfestellung gewährt. Der Ankauf der Datenbank „SIS“, die den Verschreiber auf etwaige Interaktionen hinweisen kann, wird dem Ordinationsbetreiber überlassen. „SIS“ ist beim Apothekerverlag zu erwerben. Ein Ökotool, das dem Kassenarzt behilflich sein könnte, kostengünstig zu verschreiben, wird zwar den Softwarefirmen gratis zu Verfügung gestellt, aber in den meisten Fällen den Ärzten weiter verkauft.
Die Heilmittelverzeichnisse des Hauptverbandes erinnern uns an das vorige Jahrtausend. Papier – als Zeichen der Büro-kratie – wird traditionsbewusst hoch gehalten. Andere Folianten, wie der Austria-Codex oder das Sanitätsberufsverzeichnis, kommen natürlich auch nicht kostenlos zum Arzt. Das Feld, diese Nachschlagbehelfe selbst zu verlegen, überlässt die Österreichische Ärztekammer – mit einem durch Mitgliedsbeiträge subventionierten Verlag – gerne anderen. Kein Wunder also – es passt ja gut ins Bild –, dass sich Hauptverband und Apothekerkammer zusammen tun, um mit dem A-Card-System den Apothekern Zugriff auf eine zentrale Datenbank zu ermöglichen. Datenschutz wo bleibst du? Und dann, wenn von verschiedenen Ärzten dem Pa-
tienten mangels dessen Mitarbeit Doppelverschreibungen oder interaktive Rezepturen ausgehändigt werden, korrigiert der Apotheker das Rezept? Wahrscheinlich.
Bedenken und Anregungen von ärztlicher Seite werden im Gesundheits- wie im Sozialministerium schon seit langem als störend empfunden. Überhaupt – wenn es die Ärzte nicht gäbe, wäre alles viel einfacher und auch viel billiger. Diese Wertschätzung erlebt dieser Berufsstand ja auch regelmäßig bei Honorarverhandlungen. Während andere Berufszweige nur ausnahmsweise einmal unter der Inflationsrate abschließen, liegen die Abschlüsse von Kassenverträgen traditionell darunter, weil (bürokratische) Mehrbelastungen der Kassenärzte erst gar nicht in das Honorarsystem Einzug halten.
So richtig begonnen hat es aber erst mit dem Leitspruch der Frau (noch?) Bundes-ministra Maria Rauch-Kallat, der zum „Leidspruch“ wurde: „Es läuft das Rezept – nicht der Patient.“ Seitdem läuft der Arzt. „10 Minuten für ihre Gesundheit“ beim Apotheker und deren Mitarbeit beim Projekt „Arzneimittelsicherheitsgurt“ bedeuten keine Entlastung für die Ärzte – selbst dann nicht, wenn man seitens des Ministeriums oder der Apotheker durchaus auf die Idee kommen könnte, dies zu behaupten. Es ist eigentlich zum Davonlaufen.

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 49/2006

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