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Gesundheitspolitik 6. Dezember 2006

Ärzte bei E-Medikation ausgebremst

Hauptverband und Apothekerkammer haben gemeinsam beschlossen, auf die Einbindung der Mediziner wurde kein Wert gelegt. Die Ärztekammer empfiehlt deshalb ihren Mitgliedern, nicht daran teilzunehmen.

Der „Arzneimittelsicherheitsgurt“ läuft – die ÄRZTE WOCHE hat berichtet – als Projekt bereits in Wien, Niederösterreich und der Steiermark sowie seit Jahresbeginn auch in Salzburg. Mit Hilfe eines Computerprogramms und einer persönlichen Patientenkarte kann der Apotheker prüfen, ob ein Patient sein Medikament richtig einnimmt oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln möglich sind. Integriert ist auch eine automatische Impferinnerung für den Patienten.
Nun wurde im Bundesland Salzburg das darauf aufbauende Pilotprojekt „E-Medikation“ gestartet, das noch deutlich weiter geht: „In einer zentralen Datenbank sollen alle von den Apotheken verord-neten Medikamente dokumentiert und auf mögliche Interaktionen abgeklopft werden“, berichtet Dr. Josef Lohninger, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Salzburg. Die Apotheken schaffen sich dafür eine Ausstattung an, die dem System der E-Card in der Ordination entspricht: Die A-Card ist das Pendant zur ärztlichen O-Card, mit der E-Card des Patienten bekommt die Apotheke Zugang zur zentralen Datenbank.

Ärzte sollen nicht teilnehmen

Die Apothekerkammer sucht derzeit zehn „Pilotärzte“ für das Projekt. „Wir wurden aber auf ausdrücklichen Wunsch des Gesundheitsministeriums weder in die Entwicklung des Projekts noch beim konkreten Vertrag zwischen Hauptverband und Apothekerkammer einbezogen“, kritisiert Lohninger. Im Gegenteil wurde Vertretern der Ärztekammer mehrfach und auf Landes- wie Bundesebene unmissverständlich mitgeteilt, sie seien hier unerwünscht. Daher gelte für alle Ärzte die Empfehlung, sich nicht am Projekt zu beteiligen.
Theoretisch könnte das Vorhaben aus Lohningers Sicht durchaus Sinn machen. Dies gelte z.B. für die Vermeidung von Mehrfach-verordnungen durch unterschiedliche Ärzte, die voneinander nichts wissen, oder als Beitrag zu einer zentralen Impfdatenbank, „die von uns ja schon länger gefordert wird“, so Lohninger. Die vom Gesundheitsministerium gewählte Vorgangsweise würde jedenfalls keine andere Option zulassen, als die Kooperation zu verweigern.
Auch andere Ungereimtheiten sind bedenklich. Da aus verordneten Medikamenten Rückschlüsse auf Krankheiten möglich wären, sei der Datenschutz nicht gewährleistet. Die Apothekerkammer argumentiert, Patienten könnten mit ihrer E-Card freiwillig am System teilnehmen, was aus Lohningers Sicht aber nicht ausreicht.

Gefahr der Verunsicherung von Patienten

Das Projekt basiert auf der Datenbank „SIS“. „Diese wird von der überwiegenden Mehrzahl der verordnenden niedergelassenen Ärzte seit langem auf eigene Kosten verwendet und monatlich upgedatet“, berichtet der Kurienobmann. „Damit werden Interaktionen auto-matisch ausgeschlossen.“ Bei SIS sind fünf Stufen einstellbar: von unwesentlicher bis zu schwerwiegender Interaktion, vor allem um polymorbide Patienten adäquat behandeln zu können. Die Verantwortung für die Einstellung müsse dem behandelnden Arzt obliegen. Es bestünde die Gefahr, dass bei der Apotheke eine andere Stufe eingestellt und so beim Patienten Verwirrung und Unsicherheit gestiftet werde bzw. die Compliance deswegen leide.
Völlig ungeklärt dürfte auch sein, wer bei der SIS-Datenbank auf welche Weise Korrekturen vornehmen darf: die Hausärzte, Fach- oder behandelnde Spitalsärzte? „Die Führung und Pflege einer solchen Datenbank ist ureigenste Aufgabe der Hausärzte“, betont Lohninger. Mit diesem Pilotpro-jekt werde einmal mehr die von politischer Sicht so oft betonte Rolle des Hausarztes als Lotse und (Gesundheits-)Manager massiv in Frage gestellt. Keinesfalls sei es in der Kompetenz oder Aufgabe der Apotheker, den Verlauf von Therapien zu kontrollieren.

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