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Gesundheitspolitik 7. November 2006

Wenn Patienten Grenzen überschreiten

Immer mehr Menschen nehmen Gesundheitsleistungen im benachbarten Ausland in Anspruch. Das Projekt „healthregio“ erhebt konkrete Zahlen.

Das „grenzenlose Europa“ existiert am Papier und nimmt mehr und mehr konkrete Ausprägung an. Für den Bereich der Gesundheitsversorgung gibt es jedoch kaum konkrete Zahlen, wie viele Menschen die Möglichkeiten der Mobilität nutzen. Besonders gilt dies für die Grenzregion Österreich, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Hier leben über 7,5 Millionen Menschen – ein beträchtlicher Markt, auch für Gesundheitsleistungen.
„Immer wieder sorgen Österreicher für Schlagzeilen, wenn sie zahnärztliche Dienste in Nachbarländern nutzen“, sagt Mag. Renate Burger, Geschäftsführerin der Firma „Gesundheitsmanagement“, die das Projekt „healthregio“ (www.healthregio.net) entwickelt hat. Dieses wird seit zwei Jahren mit EU-Mitteln sowie unter Beteiligung unter anderen des Gesundheitsministeriums, des Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS), der Stadt Wien und der Wiener Gebietskrankenkasse umgesetzt.
Ziel von „healthregio“ ist die Institutionalisierung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in Zentraleuropa zur Optimierung der Versorgungsstruktur. Das Projekt umfasst fünf Schwerpunktthemen: den Kur- und Wellness-Sektor, die Zusammenarbeit im stationären Bereich, die Mobilität und Ausbildung von Fachpersonal und den Patiententourismus im Gesundheitsbereich.
„Letztlich gibt es dafür nur Schätzungen“, so Burger. „Ein Beispiel: Die Rede ist von jährlich rund 160.000 Menschen, die in Ungarn eine Zahnbehandlung in Anspruch nehmen. Stichproben der Gebietskrankenkasse ergaben aber Refundierungen für Zahnleistungen in Ungarn bei nur etwa 16 Prozent der Patienten – und hier geht es nur um die Kassenleistungen.“

 Zahnarzt
Nicht nur zahnärztliche Leistungen locken Patienten über die Landesgrenzen.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Hintergründe erheben

Mit „healthregio“ sollen vergleichbare Daten erhoben werden, um konkrete Aktivitäten setzen zu können. Analysiert werden zudem die Motive, Gesundheitsleistungen in anderen Ländern in Anspruch zu nehmen. So werden finanzielle Aspekte genannt, „oft geht es aber um das gebotene Service, die Wartezeiten oder wahrgenommene Qualität der Angebote“, ergänzt Burger. Sie verweist dazu auf „Europe4pa­tients“. Dieses bislang umfassendste Forschungsprojekt in der EU zum Thema Mobilität zeigt deutlich: Entwicklungen, wie die Erhöhung von Selbstbehalten, tragen dazu bei, dass Patienten verstärkt überlegen, wo sie Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen.
Erhoben werden von „health-regio“ die Zahl der Gesundheitsdienstleister in Grenzregionen und die Strukturen der Gesundheitssysteme in den vier Projektländern; die Daten werden im Dezember 2006 publiziert. Weiters gibt es den „healthregio“-Report, der Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft gibt und aktuelle Trends der Gesundheitspolitik aufzeigt.
Geplante Aktivitäten von „healthregio“ sind die Umsetzung grenzüberschreitender Maßnahmen. In einem Pilotprojekt geht es nächstes Jahr um die Gesundheitsversorgung durch stationäre Einrichtungen zwischen Nieder­österreich und Südböhmen, wobei auch der Nahtstellenbereich analysiert wird. Zum Teil sind anderswo Operationstermine rascher verfügbar bzw. gibt es Geräte und Experten, die sonst nur in Zentren zu finden sind.
„Im Rahmen grenzüberschreitender Projekte ist auch eine stärkere Vernetzung niedergelassener Ärzte ein Anliegen “, blickt Burger in die Zukunft. „Derzeit gibt es keine gemeinsame Fortbildung und auch keinen institutionalisierten Erfahrungsaustausch.“ Besonderes Augenmerk gilt der Zusammenarbeit in Notfallsituationen und bei Katastrophen. Rettungswägen aus der Grenzregion stoßen auf Behinderungen, wenn sie die österreichische Grenze passieren wollen. Diese Problematik verdeutlichte erst kürzlich der Unfall eines tschechischen Busses in der Nähe von Gmünd.
Im Verlauf der Aktivitäten von „healthregio“ zeigte sich klar der Bedarf einer Professionalisierung grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Entstehen soll daher eine Stelle, die Zusammenarbeit im Gesundheitssektor im Grenzbereich gezielt fördert und begleitet. Sie soll aber auch Koordinations- und Anlaufstelle sein, um Konflikte besser zu lösen oder von vornherein zu vermeiden.

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