zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 19. September 2006

Schluss mit „Jammern auf hohem Niveau“!

Obwohl die Gesundheitsausgaben fast zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, sind Ärzte im Parlament unterrepräsentiert. Und die im Hohen Haus tätigen Vertreter entstammen überwiegend der niedergelassenen Ärzteschaft. Prim. Doz. Dr. Gerhard Schwab, Chirurg in Krems, will das ändern.

Der Spitalsarzt Schwab kandidiert bei den Nationalratswahlen am 1. Oktober für die Volkspartei. Er hat neben seiner medizinischen Tätigkeit auch eine MBA-Ausbildung für internationales Gesundheitsmanagement absolviert und nimmt Funktionen und Mitgliedschaften in diversen nationalen und internationalen medizinischen Organisationen wahr. Seit seiner Tätigkeit im Krankenhaus Krems beschäftigt sich der Vorstand der Abteilung für Chirurgie permanent mit der Verbesserung der Arbeitssituation sowie der Arbeitsbedingungen für Ärzte und Pflegepersonal. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE gibt er seine „politischen“ Vorstellungen von einem modernen Gesundheitswesen preis.

Gesundheitspolitik wird heutzutage vorwiegend über Geld thematisiert. Wie sollte ein modernes Gesundheitssystem finanziert werden?
Schwab: In Österreich wird – wie in so vielen Bereichen – auch beim Thema Gesundheit auf hohem Niveau gejammert. Zweifelsohne gibt es Optimierungspotenzial, unter Umständen müssen auch zusätzliche finanzielle Mittel aufgebracht werden. Hauptansatzpunkt sind jedoch jene Bereiche, in denen durch Strukturoptimierung gespart werden kann, und das unter Umständen sogar durch gleichzeitige Qualitätsoptimierung. Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, gutes Geld in schlechte Prozesse zu pumpen. Hauptansatzpunkt hierbei ist die bestehende getrennte Finanzierung von niedergelassenem und stationärem Bereich. Derzeit versucht der eine Bereich entstehende Kosten dem jeweils anderen ohne Rücksicht auf eine Gesamtrechnung zuzuschanzen. Hier muss mehr gesteuert und koordiniert werden. Ich würde mich für eine bessere Fokussierung auf volkswirtschaftliche Gesamtkosten und nicht auf Teilergebnisse der einzelnen Kostenträger einsetzen. Außerdem bestehen auch ohne Neuordnung der Finanzierungssysteme Optimierungsmöglichkeiten in der Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und mobilen Diensten. Diese Gedanken kommen in der laufenden Diskussion wenig zur Sprache.

In Ihrem Wahlprogramm steht „Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen“ ganz oben. Was verstehen Sie darunter?
Schwab: Ich bin der Ansicht, dass man medizinische Prozesse nur verbessern kann, wenn man klare Qualitätskennzahlen hat. Mit der Gründung der „Gesundheit Österreich GmbH“ wurde beispielsweise schon ein erster Schritt gemacht. Deren Aufgabe ist es, über wissenschaftlich fundierte medizinische und ökonomische Daten Kennzahlen für den Bedarf und die Ergebnisqualität medizinischer Behandlungen in Österreich zu entwickeln. Danach können Prozesse entwickelt werden, die unter Umständen auch Strukturänderungen auslösen müssen. Ich habe kein Verständnis für Ärzte, die sich grundsätzlich gegen Qualitätssicherung wehren. Jeder von uns verlangt beim Kauf von Waren und Dienstleistungen ganz selbstverständlich Qualität. Was unseren Ansprüchen nicht genügt, wird auch nicht gekauft. Für mich gibt es überhaupt keinen Grund, warum dies bei der Dienstleistung Gesundheit von Ärzten nicht auch der Fall sein sollte. Der Punkt ist dabei, dass wir in Zusammenarbeit mit den Betroffenen Kennzahlen entwickeln, die in der täglichen Praxis auch administrierbar sind.

Ein wichtiger Aspekt ist die Rolle des extramuralen Bereichs. Die Landärzte beispielsweise klagen über eine Aushöhlung ihres Berufes und sich ständig verschlechternde Bedingungen. Andererseits verweisen Sie und Ihre Partei (VP) aber immer wieder auf die notwendige Stärkung der dezentralen Leistungserbringung durch Niedergelassene. Wie passt das zusammen?
Schwab: Die Absicherung des Landarztes ist tatsächlich eine der großen gesundheitspolitischen Herausforderungen. Das ist vor allem auch ein gesellschafts- und sozialpolitisches Problem. Ein Lösungsansatz liegt meines Erachtens in einer verbesserten Abstimmung zwischen stationärem und niedergelassenem Bereich. Derzeit bestehen Überkapazitäten in den Krankenhäusern. Obwohl in den letzten Jahren bereits 5.000 Spitalsbetten abgebaut wurden, sind wir immer noch „Weltmeister“ in Krankenhausaufenthalten. Zugleich stehen vielfach aufgeblähte Spitalsambulanzen zur Verfügung. Wenn nun einerseits die Spitalsärzte wegen Überlastung klagen und andererseits die niedergelassenen Kollegen eine Aushöhlung befürchten, kann einer der Lösungsansätze nur heißen: Weiterer Abbau von Akutbetten und Einschränkung des Ambulanzbetriebes in den Krankenhäusern zugunsten der dezen­tralen Versorgung. Damit würden dann auch zusätzliche Betten für Palliativtherapie, Rehabilitation und Geriatrie zu Verfügung stehen, die wir dringend brauchen.

Sowohl Spitals- als auch niedergelassene Ärzte fühlen sich zunehmend unverstanden und immer weniger in die Gestaltung des Systems integriert. Haben Sie Vorschläge, wie man dieses Manko wieder herstellen kann?
Schwab: Als Standesvertretung muss sich die Ärztekammer in erster Linie um die Belange und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder kümmern. Aufgabe der Politik ist es, das gesamte Gesundheitswesen zu steuern. Sie muss dazu die Interessen aller am Gesundheitswesen beteiligten Kräfte abgleichen und koordinieren. Diese Rollenverteilung ist für mich in Ordnung. Sie ist aber auch der Grund dafür, dass es immer wieder Konflikte zwischen Ärzteschaft und Politik gibt. In meinen bisherigen Tätigkeiten habe ich gesehen, dass die standespolitischen Vorstellungen der Ärztekammer und das gesundheitspolitische Programm der Regierung weitestgehend übereinstimmen. Das größte Potenzial für die Zukunft sehe ich in der Optimierung des Schnittstellenmanagements von Ärzten, Pflege, mobilen oder psychosozialen Diensten und Apotheken. Aber selbst innerhalb der Ärztekammer finden sich deutliche Chancen für Verbesserung, etwa durch einen Interessenausgleich zwischen niedergelassenen und Spitalsärzten. Durch eine gemeinsam erarbeitete, klare Regelung der Zuständigkeitsbereiche ließe sich viel Konfliktpotenzial beseitigen. Auch hier würde ich als Spitalsarzt im Nationalrat meine Rolle zur Beschleunigung der notwendigen Reformen im System sehen.

Was qualifiziert Sie als Vertreter der Ärzteschaft im Nationalrat?
Schwab: Es war mir im Rahmen meiner Tätigkeit im Spital immer ein Bedürfnis, Synergien mit dem niedergelassenen Bereich zu nutzen und darauf zu achten, dass die medizinischen Leistungen so gut wie möglich dezentral erbracht werden. Daraus hat sich eine enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kollegen und mobilen Diensten ergeben. Diese alltäglichen Herausforderungen sind ein unheimlicher Erfahrungsschatz. In den vergangenen Jahren hatte ich Gelegenheit, die Stärken und Schwächen zahlreicher Gesundheitssysteme vor Ort kennen zu lernen. Ich kann und möchte dieses Wissen im Sinne eines aktiven Beitrags zu zweifelsohne notwendigen Reformen zur Verfügung stellen. Diese Reformen müssen für uns als Ärzte (wieder) Bedingungen schaffen, unter denen wir unsere Patienten optimal unter Beachtung adäquater zeitlicher und finanzieller Aspekte versorgen können.

Wie stehen die Chancen für Ihren Einzug in den Nationalrat?
Schwab: In der niederösterreichischen Volkspartei gilt für die Nationalratswahl ein reines Persönlichkeitswahlrecht. Das heißt, der Wähler kann seinen Abgeordneten durch Abgabe einer Vorzugsstimme direkt wählen. Meine Chance auf ein Mandat hängt also im Wesentlichen davon ab, in welchem Ausmaß die Kollegenschaft meine Ideen mit trägt. Ich kandidiere für die VP im Bezirk Waldviertel und bin hier auf der Bezirksliste angeführt. Außerdem bin ich auf der Landesliste auf Platz 14 gereiht und kann dadurch in ganz Niederösterreich auf Vorzugsstimmen hoffen.

Doz. Dr. Gerhard Schwab wird bei der ÄRZTE WOCHE-Podiumsdiskussion (siehe nebenstehende Ankündigung) seine „Ansätze zur öko­nomischen Harmonisierung von extra- und intramuralem Bereich“ erläutern.

Michael Dihlmann, Ärzte Woche 38/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben