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Gesundheitspolitik 19. September 2006

Schon der neue Lack ist ab

Unter „Neuer Anstrich für alte Pflegekrise“ präsentieren ein Altersforscher, eine Pflegeexpertin und ein Allgemeinmediziner in dieser ÄRZTE WOCHE (Seite 2) ihre Meinung. Ausgestattet mit der jeweiligen Kompetenz, kommen sie zu unterschiedlichen guten Ratschlägen. Allen gemein ist: Man habe das ja schon vor langem gewusst, aber auf den Rat der Profis nicht gehört. Aus Sicht der Ärzteschaft – besser aus der von Pjeta – wäre ein Neubeginn in der Gestaltung der Rahmenbedingungen der Hauskrankenpflege überfällig. Als Ausgangspunkt sieht er die Aufwertung der ärztlichen Visite, vor allem finanziell. No na! Wenn das der einzige konstruktive Vorschlag ist – jedenfalls der erste –, ist es kein Wunder, dass die Ohren der Zuhörer schlagartig zu machen. Da kommt die Anregung, Seniorenhelfer zu schulen, erst gar nicht mehr an. Ein wenig schizotym mutet an, wenn einerseits Gutachterärzte den Pflege-/Betreuungsbedarf oft sehr knapp einschätzen, andererseits aber die Visitenfrequenz angehoben werden soll. Der Altersforscher Prof. Amann hält es für zynisch, von Pflegenotstand zu sprechen. Hat Schüssel doch recht? Nein, nicht ganz. Denn es gilt zu differenzieren zwischen Pflege und Betreuung. No na! Aber bedauerlicherweise sind die Übergänge fließend. Alte Menschen brauchen bei zunehmender Gebrechlichkeit und Einschränkung ihrer Mobilität Hilfe beim Waschen, Anziehen, Einkaufen, Kochen usw. Natürlich tunlichst in ihren eigenen vier Wänden. Nachdem das zusammen noch kein Leben ist, bedürfen sie Unterstützung bei Mobilisation und – etwa vergessen(?) – menschlichem, individuellem Kontakt. Bekommen sie das nicht, dann werden sie erst richtig krank. Schiebt man sie in Pflegeheime und Bettenstationen ab, reduziert sich die Lebenserwartung nicht nur statistisch. Also was braucht man? Eine Anhebung des Pflegegeldes und als Ergänzung eine private Pflegevorsorge – hört man. Schon wieder ein Weghörer. Die Pflegewissenschaftlerin Prof. Seidl hat sich natürlich auch schon vor langem den Kopf darüber zerbrochen. Die Lösung war gar nicht so schwierig. Ideal wäre die Kombination von pflegenden Angehörigen mit entsprechender Unterstützung. Seniorenhelfern kann sie etwas abgewinnen. Genauso wichtig sei es aber, Arbeitsplätze im extramuralen und mobilen Bereich fürvorhandenes pflegerisches Personal zu schaffen. Schade: No na! Schluss mit lustig. Jene, die derzeit dringend Betreuung und Pflege brauchen, haben nicht die Zeit, diesem „Wünsch Dir Was“ lange zuzuschauen – und die nächste Generation wartet schon vor der Tür. Mit dem gleichen Problem. Auslassen tut hier die alles lenkende Politik. Sie negiert das Problem oder schiebt es vor sich her, anstatt entsprechende Rahmenbedingungen für einen echten Fortschritt in der Betreuung unserer Eltern- und Großeltern zu schaffen. Ein schlechter Trost bleibt: Auch sie kommen in dieses Alter.?

Dr. Wilhelm Hans Appel, Ärzte Woche 38/2006

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