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Gesundheitspolitik 6. September 2006

Österreich: Insel der seligen Raucher

Mit Foldern und Plakaten wirft sich die Standesvertretung in die nächste Schlacht im Kampf gegen das Rauchen. Anders als in vielen Ländern Europas ist die Luft in den Wirtshäusern und Restaurants Österreichs viel zu dick – die Gäste leiden darunter, vor allem aber das Personal, das dem Problem tagtäglich ausgesetzt ist.

Obwohl Rauchen und Passivrauchen als Ursache für – oft tödliche – Krankheiten feststeht, tut sich Österreich „noch immer durch eine Trägheit in Sachen Nichtraucherschutz“ hervor, wetterte der Wiener Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner am vorvergangenen Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Anlass war die neue Initiative der Österreichischen Ärztekammer mit dem unerbittlichen Titel „Nein zu dicker Luft am Arbeitsplatz – Ärzte für strenges Rauchverbot auch in der Gastronomie“. Tatsächlich ist Österreich innerhalb Europas eine der wenigen Inseln der seligen Raucher. Zwar gibt es in öffentlichen Gebäuden ein Rauchverbot, doch in den meisten Ess-, Trink- und Tanzlokalen ist die Luft zum Schneiden. Das stört nicht bloß nichtrauchende Gäste, sondern vor allem das Personal, das dem blauen Dunst oft mehr als acht Stunden täglich ausgesetzt ist. Dass die Rauchwolken in heimischen Wirtshäusern dichter sind als in sieben anderen EU-Ländern, monierte angesichts der Ergebnisse einer Vergleichsmessung erst unlängst die Österreichische Krebshilfe (die ÄRZTE WOCHE berichtete).

Verrauchter Arbeitsplatz

So haben Arbeitnehmer in der Gastronomie laut dem Pulmologen Dr. Othmar Haas, Präsident der Ärztekammer für Kärnten, eine zweifach höhere Belastung mit Schadstoffen aus dem Zigarettenrauch auszuhalten als Büroangestellte, Beschäftigte in Bars inhalieren die sechsfache Menge. „Gefäßerkrankungen können auch als Folge von Passivrauchen entstehen“, so Haas. Menschen, die dem Rauch ausgesetzt sind, leiden aber auch öfter unter Übelkeit, Augenirritationen und Kopfschmerzen. Die Raucher selbst scheint’s wenig zu kümmern, dass sie mit ihrer Sucht zwar in erster Linie sich selbst, aber auch anderen massiv schaden können. Die Beharrlichkeit, mit der sie am Glimmstängel hängen, von Dorner und Haas als alarmierend bezeichnet, wurde erst unlängst wieder in einer Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Marketing OGM deutlich. So haben 15 Prozent der befragten Raucher noch nie übers Aufhören nachgedacht, weitere 15 Prozent nur ein einziges Mal. 82 Prozent glauben auch nicht, dass sie ein Rauchverbot in Lokalen beim Abgewöhnen unterstützen könnten. Dass sie damit falsch liegen, zeigen Untersuchungen der International Tobacco Control ITC, eines Zusammenschlusses verschiedener Forschergruppen. Demnach ist in Irland, wo im März 2004 eines der strengsten Rauchverbote eingeführt wurde, die Zahl der Raucher deutlich zurückgegangen. Unter jenen, die in Folge des Verbots aufhörten, gaben 80 Prozent an, dass das Gesetz ihnen dabei geholfen habe. 88 Prozent meinen gar, dass es ihnen kontinuierlich helfe, rauchfrei zu bleiben.

Nötigenfalls Sanktionen

Grund genug für die Standesvertretung der österreichischen Ärzte, sich dafür stark zu machen, dass heimische Beisln und Gourmettempel ebenso rauchfrei werden wie alle anderen österreichischen Arbeitsplätze – wobei den unbeirrbaren Rauchern durchaus auch Sanktionen drohen sollen. So werden Folder und Plakate mit dem eindrucksvollen NEIN-Logo demnächst in die Ordinationen flattern, und ein steirisches Projekt, in dem Gastwirte freiwillig ein Rauchverbot über ihre Lokale verhängten, soll bundesweit beworben werden. Auch eine Initiative, die rauchenden Ärzten beim Abgewöhnen helfen soll, ist geplant. Denn, wie Dorner meinte: „Bei Ärzten ist das Rauchen doppelt schädlich. Die Patienten sagen sich: ‚So schlimm kann’s schon nicht sein, wenn der Doktor auch raucht.’“

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