zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 5. September 2006

Wien: Spitzenmedizin, mehr Kranke

Arme, reiche Wiener: Spitzenmedizin von Weltruf auf der einen Seite, hohe Morbidität und Mortalität auf der anderen Seite. Die Bewohner der Bundeshauptstadt fühlen sich kränker als im Rest des Landes, und sie sind es auch: Die Sterblichkeit der unter 75-Jährigen liegt hier um ein Viertel über dem Bundesschnitt, bei den ischämischen Herzerkrankungen sogar um ein Drittel. Diese Daten präsentierte Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder vom Institut für Sozialmedizin der Universität Wien im Rahmen der Ärztekammer-Enquete "Medizin Weltstadt Wien - wie lange noch?" in der Vorwoche. 

Arme sterben früher

Auch innerhalb Wiens kann man solche Unterschiede festmachen: In den Bezirken 10., 11., 15. und 20. sterben die Menschen früher. Die höchste Gesamtsterblichkeit über alle Todesursachen hinweg hat der 20. Bezirk.
Rieder: "Beim Gesundheitszustand und der Lebenserwatung zeigt sich also auch für Wien der wissenschaftlich belegte und vielfach beobachtete Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Rahmenbedingungen und Erkrankungs- und Sterberate." Auf den Punkt gebracht: Wer arm ist, muss auch früher sterben. Dies trifft laut vorliegender Daten vor allem auf die Todesursachen HKE und Krebs zu. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Risikofaktoren "Rauchen" und "ungesunde Ernäh-rung", die in sozialen Schichten mit niedriger Ausbildung und geringem Einkommen besonders häufig auftreten. Auch der hohe Anteil an über 75-Jährigen steigere natürlich die Inzidenz und Prävalenz bestimmter Erkrankungen, betonte Rieder.  Aber auch was die Ärztedichte angeht, ist Wien österreichweit ungeschlagen.

Hohes medizinisches Niveau

Sogar in heiklen Bereichen wie der Orthopädie oder der Augenheilkunde habe man es geschafft, Wartezeiten auf ein "erträgliches" Maß zu reduzieren, betonte Prim. MR Dr. Walter Dorner, Präsident der Ärztekammer für Wien. "Die Metropole Wien hat aber nicht nur eine höhere Ärztedichte, sondern auch ein hohes medizinisches Niveau", meinte Dorner weiter. "Das sollten sich endlich auch jene Ökonomen und Politiker der Bundesländer verinnerlichen, die immer wieder versuchen, die Situation in der Großstadt mit jener in dünnbesiedelten ländlichen Gebieten zu vergleichen". Denn in manchen Regionen herrsche tatsächlich ein großer Nachholbedarf. Hier müssten vor allem im niedergelassenen Bereich weiße Flecken geschlossen und eine medizinische Versorgung etabliert werden, "die einem der reichsten Länder der Welt gerecht wird", betonte der Wiener Kammerpräsident.

Wer soll es bezahlen?

Das Thema Finanzen beherrschte im Übrigen - wie könnte es auch anders sein - die Diskussion: Denn gute Medizin kostet eben auch gutes Geld. Doch wer soll es bezahlen? Die Wiener Kasse ist pleite, sagte Gebietskrankenkassen-Obmann Franz Bittner. "Wir werden es auch mit Selbstbehalten und Beitragserhöhungen nicht auf Dauer schaffen, die Qualität des Gesundheitswesens zu halten", behauptete er. Das Problem, das sich derzeit in nahezu allen Industrieländern stelle, liege seiner Ansicht nach darin, dass in das Gesundheitswesen zu wenig Mittel fließen. "Wir diskutieren seit Jahren ein Modell der Mangelwirtschaft, in dem die Ausgaben stärker steigen als die Einnahmen", wetterte Bittner. Die Zukunft brauche Strukturreformen, denn die Gefahr der Rationierung stehe drohend im Raum. 

Kassen sind nicht leer 

Die Kassen sind nicht leer, behauptete hingegen Dr. Josef Kandlhofer, Sprecher der Geschäftsführung des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Es gebe genug Rücklagen und im österreichweiten Ausgleichsfonds der Krankenversicherungen sei ebenfalls ausreichend Geld vorhanden, widersprach er Bittner. Dieser Ausgleichstopf werde auch eine Schlüsselrolle in seinem Reformkonzept spielen, mit dem er die Krankenversicherung sanieren möchte. Strukturelle Unterschiede der Kassen, die auch beim besten Wirtschaften nicht behoben werden können, sollen dadurch ausgeglichen werden. Dazu gehören beispielsweise Kassen mit einem hohen Anteil an älteren Menschen, vielen beitragsfrei Mitversicherten und niedrigem Durchschnittseinkommen.

"Der Großstadtfaktor Wien wird bei den Ausgleichzahlungen sicher berücksichtigt werden", stellte Kandlhofer in Aussicht. Darüber hinaus bekämen die Kassen jedoch auch die Verpflichtung auferlegt, gewisse Ziel aus eigener Kraft zu erreichen. Erst dann könne man beurteilen, welche Kassen tatsächlich gut und welche schlecht wirtschafteten. Dr. Martin Gleitsmann, Sozialpolitiker der Wirtschaftskammer und Vizepräsident des Hauptverbandes, lobte den "enormen Schub an Kreativität", den die Kassen bereits entwickelt hätten, um ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. 

Mehr Privatleistungen

FPÖ-Nationalratsabgeordnete Mag. Beate Hartinger als auch MR DDr. Hannes Westermayer, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien und Obmann der Bundeskurie der Zahnärzte, sprachen sich für ein System aus, in dem nur ein gewisses Spektrum an medizinischen Leistungen von der Solidargemeinschaft finanziert werden soll. Alle weiteren - nicht lebenswichtigen - Behandlungen muss der Patient aus der eigenen Tasche bezahlen. Hartinger verwendete dazu die Metapher eines Trichters, Westermayer die einer Zwiebel - die Idee dahinter war jedoch dieselbe. 

Hohes Risiko für Ärzte

"Nicht der Arzt ist der Verursacher der Kosten, sondern die Krankheit", sagte Dir. Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien. Er empfinde es als eine Ignoranz gegenüber den Patienten, immer von Verschwendung im Gesundheitsbereich zu reden. Auf der anderen Seite werde es für Ärzte zunehmend schwierig, wirtschaftlich zu überleben. "Es ist einfach zu wenig Geld vorhanden. Immer mehr neue Leistungen sollen eingeführt werden, diese werden aber nicht durch höhere Honorare abgegolten", klagte Steinhart. Der niedergelassene Arzt bleibe als Unternehmer auf seinem finanziellen Risiko sitzen.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 22/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben