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Gesundheitspolitik 5. September 2006

"Wer Qualität sät, wird Kosten senken!"

Prominente Redner am Podium, mit Wolfgang Wagner von der Austria Presse Agentur ein prominenter Gesundheitsjournalist als Moderator und viele mehr oder weniger prominente Gäste im Auditorium. Das Thema zieht heute viele an - im Gegensatz zu vor zehn Jahren, wie Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM), berichtete. So lange schon beschäftigt er sich mit Qualitätssicherung, sein Know-how musste er sich allerdings im Ausland aneignen. Am Anfang wurde er belächelt, weil nur wenige am Thema interessiert waren, seit drei bis vier Jahren ist Qualitätssicherung in aller Munde.

Ökonomische Ebene wichtig

"Verantwortung haben alle", meint der im oberösterreichischen Haslach niedergelassene Allgemeinmediziner, "auch für uns Ärzte muss die ökonomische Ebene wichtig sein." Er hält Qualitätszirkel für die wichtigsten Werkzeuge zur Verbesserung der Qualität, sehr viele Ärzte nehmen bereits freiwillig regelmäßig daran teil. Die ÖGAM hat dafür bereits 300 Moderatoren ausgebildet und rund 160 Qualitätszirkel sind bundesweit aktiv.

Rebhandl: "Eine gesamtökonomische Betrachtung ist notwendig. Der Fehlschluss, geringe Kosten sind gleichbedeutend mit Qualität, muss vermieden werden. Das individuelle Optimum des Patienten wird immer in einem Spannungsverhältnis zum Optimum aus der Sicht der Kostenträger stehen."

Für Ing. Mag. Michael Zitterl, Unternehmensberater, gibt es zwei Arten von Qualitätssicherung: die organisatorische ("Wie organisiere ich meine Praxis optimal?") und die medizinische. Ziele setzen, Maßnahmen durchführen und den Erfolg überprüfen, sind dabei die wesentlichen Schritte. Zitterl: "In Österreich sind derzeit 20 Allgemeinmediziner, 10 Zahnärzte, 12 Labors und 15 Fachärzte zertifiziert." Er sieht dabei ein Einsparungspotenzial von 10 bis 30 Prozent, und zwar zunächst Zeit und danach auch Geld. Rund 4.400 Euro rechnet er für den Aufbau eines Qualitätssicherungssystems, 1.500 Euro für die Zertifizierung, etwa 10 Halbtage für die Schulung und rund 15 Tage an internem Aufwand für die Umsetzung. Zitterl: "Gut bewährt haben sich Kleingruppen, in denen mehrere Praxen gleichzeitig eine Zertifizierung anstreben und gemeinsam daran arbeiten."

Ganz pragmatisch sieht Dr. Gerald Bachinger, Patientenanwalt für Niederösterreich, das Thema Qualität: "Wir Patientenanwälte sind oft mit der ‚Nicht-Qualität’ konfrontiert. Erst im Nachhinein wird die Qualität von uns überprüft." Die wichtigste Voraussetzung für die Qualitätssicherung sieht Bachinger in Standards, an denen die Leistungen gemessen werden können: "Die Festlegung der medizinischen Standards muss einerseits durch die Gesetzgebung erfolgen (Strukturqualität), andererseits muss auch die Medizin (Fachgesellschaften etc.) ihren Beitrag selbst leisten, etwa durch Erarbeitung von Standards im Bereich der Prozess- und Ergebnisqualität." Ganz wesentlich für ihn ist, dass die Qualität um ihrer selbst willen angestrebt wird und nicht als Instrument für die Zwecke einer Kostensenkung.

Eher kritische Worte fand Dr. Josef Probst, Geschäftsführung des Hauptverbandes: "Die Qualität wird zunehmend bedeutender, bisher aber gibt es in Österreich noch ein gestörtes Verhältnis zum Fehlerkalkül. Wir können bei uns mit der Qualität nur deshalb zufrieden sein, weil wir nicht hinschauen." Dass Qualitätssicherung zunächst Geld kosten wird, ist für ihn klar: "Wenn man Qualität ernten will, muss etwas investiert werden." Seine Prioritäten sind Gesundheitsplanung, Aufgabenverteilung, Versorgung aus einer Hand und Disease/Case-Management, insbesondere für Diabetes, rheumatische Erkrankungen, Herz/Kreislauferkrankungen und Schlaganfall.

Mangelhafte Dokumentation

Die Einsparungsmöglichkeiten beurteilt Probst ebenfalls vorsichtig: "Derzeit werden gesamtökonomische Betrachtungen wegen mangelhafter Dokumentation wenig erfolgreich sein. Experten gehen von durchschnittlich 10 bis 15 Prozent Kosteneinsparungen in Krankenhäusern, Arztpraxen oder Pflegediensten aus, wenn die internen Geschäftsabläufe systematischer gestaltet werden. Aus persönlicher Erfahrung stehe ich prognostizierten Einsparungen eher skeptisch gegenüber, sehe aber die Verwirklichung der Ziele, wie Verbesserung der Versorgungsqualität und Erhöhung der Patientenzufriedenheit durch qualitätssichernde Maßnahmen ohne nennenswerte Kostensteigerungen, als durchaus realisierbar an."

DI Harald Gaugg, Sektionschef im Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen, analysierte die bereits vorhandenen Regelungen zum Thema Qualität. Im Ärztegesetz findet man sie in der einheitlichen Richtlinie für niedergelassene Ärzte und in der Qualität der Aus- und Fortbildung, im ASVG §343(5) ist die fünfjährige Evaluierung von Vertragspraxen nach fachspezifischen Qualitätsstandards vorgeschrieben. Diese Standards sind nun von der Österreichischen Ärztekammer bis 1. Juli 2002 festzulegen. Und schließlich findet sich im Artikel 15a eine Vereinbarung, welche die Entwicklung von gesamtösterreichischen Qualitätssystemen zur Transparenz, Effizienz und Kostendämpfung und bundeseinheitliche Grundsätze vorsieht.

Effizienz steigern

Gaugg: "Zwingende Qualitätssicherungsmaßnahmen sind wichtig, und zwar nicht als Kontrolle, sondern zur Sicherung." Wobei für ihn die Fragestellung "Kosten und medizinische Qualität" unzulässig ist. "Gute Qualität einer Leistung bringt mit sich, dass Ressourcen effektiv eingesetzt werden, also ein möglichst hoher Zielerreichungsgrad gesichert wird", so der Sektionschef. "Ökonomisches Handeln bringt mit sich, eine Leistung effizient durchzuführen." Unter diesem Blickwinkel sei nachvollziehbar, dass Effektivität und Effizienz und somit Qualität und Ökonomie durchaus miteinander harmonieren können. Allerdings werde es Aufgabe aller Beteiligten sein, innovative Instrumente und gute Verfahren zu entwickeln, um dieses Ziel zu erreichen.

Dr. Gerald Ohrenberger, Institut für ärztliche Qualitätssicherung, sieht den ersten Schritt zur Qualitätssicherung in den Qualitätszirkeln, die flächendeckend in ganz Österreich in einer Gruppe von maximal 15 Ärzten und geleitet von einem geschulten Moderator State-of-the-Art-Therapien und diagnostische Maßnahmen durchleuchten. Für ihn ist die Qualitätssicherung auch ein Selbstschutz für den Arzt, ein Leistungsnachweis und eine Dokumentation, die bei etwaigen Prozessen sehr vorteilhaft sein könne.

Den zweiten Schritt sieht er im Schnittstellenmanagement Praxis - Krankenhaus - Rehabilitation. Der Patient sollte richtig weitergereicht werden, und zwar mit allen Befunden. Ohrenberger: "Neben dem Bemühen, Gutes noch besser zu machen, gilt es auch Mängel und Fehler zu minimieren. Während Fehlerkorrekturen kosteneffizient sind, sieht es bei der Behebung von Mängeln im Gesundheitswesen ganz konträr aus. Und Mängel sind häufiger anzutreffen als Fehler." Daraus ergebe sich unweigerlich die Notwendigkeit größerer Investitionen.

SNI

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