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Gesundheitspolitik 5. September 2006

Was ist dran am "Medizinkartell"?

Wenn Kurt Langbein ein Buch schreibt, dann bewegt er die Gemüter. Seine neuestes Werk "Das Medizinkartell - Dichtung und Wahrheit" legt die "Todsünden" der Gesundheitsindustrie offen. Grund genug für die Agentur Welldone, eine Expertenrunde - moderiert von Wolfgang Wagner von der Austria Presse Agentur - an den runden Tisch im Hauptverband der Sozialversicherungsträger zu bitten.

"Das Gesundheitswesen steht vor einer Weichenstellung, die Richtung der Kostenentwicklung wird bestimmt werden, das heutige Selbstbedienungssystem für Leistungserbringer ist nicht mehr finanzierbar", postuliert Langbein. In seinem Buch, das er gemeinsam mit Journalistenkollegen Bert Ehgartner geschrieben hat, prangert er plakativ die sieben Todsünden im Gesundheitswesen (siehe Kasten) an. Und die ärztliche Fortbildung sollte ein absolutes Tabu für die Pharmaindustrie sein und z.B. nur von der Ärztekammer durchgeführt werden.

Kritik an den Kritikern

Was sagt die Industrie dazu? Wie gehen die Mediziner mit den Vorwürfen um und wie reagiert die Ärztekammer? Prof. Mag. Heinz Krammer, Gesundheitheitsökonom, beurteilt die Aussagen des Buches als "deutlich überzeichnet": "Unser Gesundheitssystem hat Probleme, zum Beispiel die mangelnde Vernetzung zwischen ambulantem und stationärem Bereich. Aber die modernen Arzneimittel leisten einen wesentlichen Beitrag zur medizinischen Versorgung." Er plädiert dafür, die Medikamente nicht nach Belieben zu verschreiben, sondern im richtigen Ausmaß, für den richtigen Patienten und in der nötigen Form. Handlungsbedarf sieht Krammer beim mangelnden Kostenbewusstsein der Patienten; ein Steuerungsmechanismus wäre mehr Transparenz. Ein "schwerer Mangel" sei, dass es noch immer kein staatliches Institut für Gesundheitsökonomie gebe.
Dr. Sabine Oberhauser, Gewerkschaft der Gemeindebediensteten und Kinderärztin, ist "geteilter" Meinung: "Das Buch ist eine Schilderung von Extrembeispielen und für mich dann problematisch, wenn es Patienten unreflektiert in die Hand bekommen." Allerdings räumt sie ein, dass Extreme notwendig sind, um etwas zu bewegen. Was ihr fehlt, sind Lösungsvorschläge der Autoren. Oberhauser sieht nicht nur die Patienten, sondern vor allem auch die Angestellten im Gesundheitswesen als Opfer. Der Gedanke an eine Reglementierung des Marktes bereite ihr Bauchweh, und die Naturalrabatte der Pharmaindustrie für die Spitäler hält sie für gefährlicher als die von der Industrie angebotene Fortbildung - denn "im Spital beginnt die Bindung an das Medikament".

Damoklesschwert über Ärzten

Auch Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, hat das Buch "mit Erstaunen und Neugier" gelesen. Seiner Erfahrung nach "will der Patient heute seinen Lebensstil nicht ändern und sucht ein Medikament, das sofort wirkt". Die Pharmaindustrie anzugreifen, sei zu einseitig, es gäbe viele andere Industriebereiche, die sehr gut von der Medizin leben. Steinhart: "Ärzte müssen eine 100-prozentige Qualität liefern, sie können sich keinen Fehler erlauben, dieses Damoklesschwert schwebt ständig über ihnen, und der gesellschaftliche Anspruch ist wahnsinnig hoch." Ein Problem sieht er auch darin, dass Spitäler durch günstige Rabatte die neuesten und besten Arzneimittel verabreichen können, im ambulanten Bereich aber dann gespart werden müsse.

Dr. Ellis Huber, Vorstandsvorsitzender der Securvita BKK in Hamburg, vertritt einen pragmatischen Ansatz: "Das Gesundheitswesen wird wie eine Megamaschine gesteuert, alle müssen zusammenwirken, aber jeder Einzelne kann lukrativen Nutzen ziehen, wenn das die Ökologie des Systems stört." Er plädiert daher für Netzwerke, wo jeder verantwortlich ist, und fordert die globale Neuordnung des Gesundheitswesens. Den Markt und den Wettbewerb beurteilt er als neutrale Instrumente, die erst dann gefährlich sind, wenn Geldgier Platz greift. Huber: "Transparente Verhältnisse für alle Beteiligten muss das erklärte Ziel sein - und eine Gemeinwohlorientierung mit sozialer Verantwortung." Als Kasse würde er lieber direkt die Fortbildung zahlen als indirekt über die Pharmapreise, und so eine neutrale Plattform bieten. Das meinte auch "Hausherr" Dr. Josef Probst vom Hauptverband, der gerne mehr Geld für ärztliche Veranstaltungen ausgeben würde, um damit das Marketing der Pharmaindustrie einzudämmen.

SNI

Die 7 Todsünden im Gesundheitswesen

1. Die Kriegserklärung gegen den falschen Feind: Das gesamte Krankheitsspektrum habe sich durch die Änderung der Lebensführung wesentlich mehr verändert als durch Arzneimittel.

2. Medizin als chemischer Krieg: Die Pharmazie habe die Medizin sehr geformt, doch die Effizienz sei erschreckend gering.

3. Die Abkehr vom Patienten: Der Blick des Arztes ist durch die Röhre des Mikroskops geprägt, die Genauigkeit der Diagnosen habe sich durch modernste Laboruntersuchungen kaum verbessert, ein flächendeckendes Qualitätsmanagement finde nicht statt.

4. Der menschenfeindliche Medizinbetrieb: Vier von hundert Spitalspatienten holen sich erst dort eine Krankheit, an der wiederum jeder zehnte stirbt; der "Gesundheitsbetrieb" aber verdiene noch an diesen "Fehlleistungen".

5. Verwechslung von Symptom und Ursache: Einzelne Parameter werden dem komplexen System "Mensch" einfach nicht gerecht, die psychische Situation und das Risiko, krank zu werden, hängen drastisch zusammen.

6. Geringschätzung des Immunsystems: Allergien und Autoimmunerkrankungen steigen sprunghaft an.

7. Versklavung der Forschung durch die Industrie: Immer häufiger sind Studienleiter nur mehr Strohmänner, für Wissenschaftler ist dies ein Schlag ins Gesicht.

Quelle: "Das Medizinkartell" von Langbein/Ehgartner.

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