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Gesundheitspolitik 5. September 2006

Soziale Benachteiligung macht krank

"Soziale Ungleichheit wird im Zusammenhang mit der Arbeitswelt kaum thematisiert", betonte DDr. Oskar Meggeneder von der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse bei der 4. Präventionstagung des Fonds Gesundes Österreich Ende November in Wien. 
Dass sich soziale Ungleichheiten auf den Gesundheitszustand der Arbeitenden auswirken, würden auch Daten der deutschen Krankenversicherungen zeigen: MitarbeiterInnen mit geringerem Bildungsniveau, niedrigerem Einkommen und weniger beruflichem Ansehen sind häufiger im Krankenstand als ihre sozial besser gestellten KollegInnen. Zudem sind Beschäftigte mit geringerer Entscheidungskompetenz in höherem Ausmaß von Hilflosigkeit, Sinnverlust und Misstrauen betroffen. "Präventive Angebote werden in Betrieben oftmals nur von denjenigen wahrgenommen, die ohnehin bereits etwas für ihre Gesundheit tun", unterstrich Univ.-Prof. Dr. Eberhard Göbel vom Fachbereich für Sozial- und Gesundheitswesen der Fachhochschule Magdeburg.

Spezielle Projekte entwickeln

Für die besonders belasteten Gruppen der ausländischen, älteren und chronisch kranken ArbeitnehmerInnen, der alleinerziehenden Mütter, der Lehrlinge und der ungelernten Arbeiter und Zeitarbeiter müssten deshalb spezielle Projekte entwickelt werden, die deren kulturelle Bedürfnisse berücksichtigten.
"Schwerarbeiter sind wahrscheinlich nicht für Yoga- oder Entspannungskurse zu begeistern. Hier müssen Angebote geschaffen werden, die den kulturellen Wertmustern der Menschen entsprechen", meinte Göbel. Ein zentraler Inhalt von Göbels "Konzept der Arbeitskultur" ist es, auch bei schweren oder monotonen Arbeiten jene Aspekte herauszuarbeiten, die den Beschäftigten trotzdem Sinn und Arbeitsfreude geben.

Unternehmensphilosophie

Die Krankenstände der Mitarbeiter im gewerblichen Bereich sind in der Regel wesentlich höher als in kaufmännischen Abteilungen. Gesundheitsförderung kostet zunächst auch Zeit und Geld. Der Erfolg von Projekten hängt stark davon ab, ob die Geschäftsleitung dahinter steht und bereit ist, entsprechende Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Durch gesundheitsfördernde Maßnahmen können Betriebe mittelfristig auch Kosten einsparen, vor allem durch eine Senkung der Zahl der Krankenstandstage 
Arbeitslosigkeit macht krank
Mag. Helga Gumpelmayer Geschäftsführerin "Integral OÖ, Institut für Arbeit und Leben", beschäftigte sich auf der Präventionstagung mit den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf den physischen und vor allem auch den psychischen Gesundheitszustand. "Forschungsergebnisse zeigen, dass psychische Schwierigkeiten unter arbeitslosen Menschen stärker verbreitet sind", sagte Gumpelmayer. Arbeitslose seien deshalb vier bis zehn Mal häufiger von Depression, Angstzuständen und somatischen Krankheiten betroffen als Beschäftigte.

Selbstbewusstsein nimmt ab

Mit Dauer der Arbeitslosigkeit nimmt das Selbstbewusstsein ab und Arbeitslose denken immer mehr, dass sie eine Last für andere Menschen sind. Eine schwedische Studie ergab, dass 62 Prozent einer Gruppe Arbeitsloser der Ansicht waren, dass sie andere Menschen durch ihre Arbeitslosigkeit "irritieren". Beinahe 60 Prozent antworteten, dass andere Menschen sie als "faul" bezeichneten.
Für viele Beschäftigte ist die Furcht vor Arbeitslosigkeit eine Ursache von psychischen Problemen. "Aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes werden häufig Symptome für Krankheiten einfach übergangen", so Gumpelmayer. "Sinkende Krankenstandsraten in betrieblichen Krisenzeiten zeigen, dass die Menschen aus dieser Angst heraus oft vergessen, auf ihren Körper zu hören."
Der Einfluss der "Verhältnisse" und des "Verhaltens" auf die Gesundheit wurde ebenfalls schon empirisch untersucht. "Erste Ergebnisse zeigen, dass rund 50 Prozent der gesundheitlichen Ungleichheit durch die direkten und indirekten Einflüsse der Lebensbedingungen erklärt werden können, aber nur rund 20 Prozent durch den davon unabhängigen Einfluss des Gesundheitsverhaltens. 
"Unsere heutigen Kenntnisse über die Möglichkeiten, die Gesundheitschancen breiter Bevölkerungsschichten zu verbessern, sind begrenzt. Wir wissen nicht, in welchem Umfang die großen Unterschiede abgebaut werden können", analysierte Univ.-Prof. Dr. Horst Noack, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Graz. Eines scheint aber für ihn sicher zu sein: Die vorhandenen Potenziale zur Schaffung von mehr Chancengleichheit im Gesundheits- und Sozialbereich sind bei weitem nicht ausgeschöpft. 

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