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Gesundheitspolitik 4. September 2006

Schlechte Karrierechancen für Ärztinnen

Mehr als ein Drittel der österreichischen Ärzteschaft wird von Frauen gestellt. Bei den Erstinskribenten der Medizin an der Wiener Universität sind seit mehr als 20 Jahren Frauen in der Mehrheit, seit 1990 gibt es auch durchgehend mehr Medizinpromoventinnen als -promoventen. Allerdings: Nach der Turnusausbildung im Spital "verschwinden" viele Ärztinnen im niedergelassenen Bereich. "Höhere Bereiche" der Karrierewege des ärztlichen Berufs sind Frauen nach wie vor oft nicht zugänglich.

Darauf wiesen Expertinnen in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung des Referats für Ärztinnen der Ärztekammer für Wien hin. Titel der Veranstaltung: "Verdrängte Kapazität? Ärztinnen: gestern - heute - morgen." Was besonders bedenklich stimmt: Laut dem jüngst auch auf Deutsch publizierten Bericht der Europäischen Kommission über Wissenschaftspolitik in der Europäischen Union sind die Prozentsätze von Universitätsprofessorinnen, außerordentlichen Universitätsprofessorinnen und auch jenen der an Universitäten definitiv angestellten Frauen in Österreich am niedrigsten von allen europäischen Ländern, und natürlich auch niedriger als in den USA, Kanada und Australien. 

"Dafür dürfen wir uns rühmen, den höchsten Anteil an akademisch gebildeten Hausfrauen zu haben", so der ernüchternde Kommentar von Univ.-Prof. Dr. Christine Marosi, Gleichbehandlungsbeauftragte des Bundes und Lehrende an der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Wiener AKH. Seit der Änderung der Berufungsverfahren im Universitäts-Organisationsgesetz 1993, die den Bewerbern die Möglichkeit gibt, bei Nichtberücksichtigung den Verwaltungsgerichtshof anzurufen, sei laut Auskunft des Wissenschaftsministeriums sogar keine Frau mehr als Professorin berufen worden.

Marosi: "Das geplante Universitätsgesetz setzt die Mechanismen der Frauenförderung außer Kraft und behält nur noch leere Worthülsen, so dass man sich fragen muss, ob in Österreich eine Universitätskarriere für eine Frau überhaupt ein realistisches Ziel darstellt, beziehungsweise wie lange wir es uns leisten wollen, Mädchen zwar auszubilden, ihnen aber keine Chancen mehr einräumen zu wollen, sobald sie erwachsen werden."

Unterschiede im Verhalten

Gründe für die schlechteren Karrierechancen von Frauen sieht die Ärztinnen-Referentin der Wiener Ärztekammer, DDr. Ulrike Kadi, auch in nicht vorhandenen Netzwerken innerhalb der Ärztinnenschaft. Männer könnten hier viel besser ihre Seilschaften nutzen, "eine Eigenschaft, die uns Frauen vielfach völlig fehlt", sagte Kadi. So wie Marosi kommt auch Kadi zu dem Schluss, dass es im Arztberuf "nach wie vor keine wirkliche Chancengleichheit für Frauen und Männer gibt".

Dabei weisen eine Reihe von Studien darauf hin, dass es in der direkten Arbeit am Patienten einige sehr wesentliche Unterschiede in der Arbeit von Ärztinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen gibt. Demnach hören Ärztinnen besser zu und stellen mehr Fragen. Sie haben wesentlich längere Gespräche mit ihren Patienten, machen mehr Diagnostik und geben häufigere Kontrolltermine. Weiters verschreiben Ärztinnen weniger Medikamente, achten auf praktische Durchführbarkeit der ärztlichen Anweisungen und beachten psychosoziale Zusammenhänge stärker als ihre männlichen Kollegen.

Zu Beginn ein Gnadenakt

Zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Rolle der Frau in der Gesellschaft bereits so "einzementiert", dass Frauen zum Studium zugelassen werden mussten - ein Gnadenakt der von Männern dominierten Gesellschaft. 1897 war es Gabriele Possanner als erster Frau in der Monarchie gelungen, ein Doktorat zu erwerben (Universität Wien), wenig später folgten Kolleginnen in Ungarn und Böhmen. Sie alle waren Medizinerinnen, hatten ihr Studium in der Schweiz absolviert und waren dort zur Dr.med. promoviert worden. Dies bedeutete unter anderem, dass sie die bereits abgelegten Reifeprüfungen in der Schweiz wiederholen mussten. Es kostete sie alle sehr viel Mühe, Zeit und Geld, bis sie es durchsetzen konnten, zur Nostrifizierung des Doktorats in Wien zugelassen zu werden.

Im Fall von Gabriele Possanner bedeutete es auch, dass sie Teile der Matura in Wien nochmals ablegen musste, da das österreichische Maturazeugnis Frauen nicht zum Studium an einer Universität berechtigte - obwohl sie dieselben Kenntnisse vorweisen mussten wie männliche Schüler. Auch beinahe alle Prüfungen des Medizinstudiums musste sie erneut in Wien ablegen - so dass sie schließlich die Matura beinahe drei Mal und das Studium zwei Mal absolvieren musste.

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