zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 4. September 2006

Die Ressourcen von Familien nutzen

"Der Hausarzt hat schon jetzt einen tiefen Einblick in Familiensysteme", betont der Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut Dr. Bernhard Panhofer. Gerade auch bei Visiten kann er oder sie viel wahrnehmen, was anderen Medizinern oder Therapeuten verborgen bleibt. "Familienmedizin ist für den Hausarzt ein wichtiger Ansatz: Jede Krankheit, jeder Prozess der Genesung hat Bezüge zum Familiensystem. Und in diesem gibt es auch viele Ressourcen, die zur Heilung beitragen können."

Der "andere Blick"

Für Panhofer geht es darum, noch intensiver einen "anderen Blick auf Familien zu werfen". Wichtig ist etwa das Wissen über die möglichen Auswirkungen von bestimmten Lebenszyklen. Starke Auswirkungen haben oft Übergangssituationen: die Hochzeit, eine Geburt, eine schwere Krankheit usw. Der "andere Blick" auf Familien bedeutet auch, seine Rolle als Arzt zu klären: "Nicht ich bin, der sagt oder gar vorschreibt, wie es in einer Familie zu laufen hat. Es geht darum, zu fragen und zu spüren: Welche Ressourcen sind in diesem System vorhanden? - und diese gezielt zu fördern."

Cirkuläres Fragen

Das Wort Familie beschreibt dabei verschiedenste Lebensformen: zeitweilige Lebensgemeinschaften, Patchworkfamilien, homosexuelle Paare oder Familien in Trennungssituationen. "Der Arzt ist in gewisser Weise Katalysator, Begleiter, der Fragende...", die Kunst des cirkulären Fragens muss immer wieder geübt werden. Gelegenheit dazu und sich mit dem Thema Familienmedizin auseinanderzusetzen bietet ein Workshop der OBGAM im Juni (siehe Kasten). Entscheidend ist weiters das Wahrnehmen der Art und Weise, wie in einem Familiensystem männliche und weibliche Lebensentwürfe umgesetzt werden. "Wichtig ist, dass ich als Arzt nicht in die Rolle rutsche, quasi selbst ein Familienmitglied zu sein, sondern dass ich bewusst andere Perspektiven der Wahrnehmung suche, das System z.B. quasi aus der Vogelperspektive betrachte." In Oberösterreich gibt es übrigens eine interessante Broschüre für die Arbeit mit Männern und Familienvätern: den MÄNNERatlas (siehe unten).

Hohe Anforderungen

Ist ein solcher umfassender Ansatz im Alltag des Hausarztes mit Kassenvertrag überhaupt realisierbar? "Letztlich wird mir durch diese Sicht- und Herangehensweise die alltägliche Ordinationsarbeit erleichtert", ist sich Panhofer sicher. "Ich bin nicht ständig in der Situation, für den Patienten denken zu müssen, kann bestimmte Aufträge an das Familiensystem zurückspielen." Oft sind die Anforderungen an den Besuch beim niedergelassenen Arzt für Allgemeinmedizin sehr hoch. Nach wie vor wird oft das "Wundermittel" oder die "schnelle Spritze" erwartet, die alles löst. Aber gerade bei Krankheiten oder Symptomen, die immer wieder auftauchen, kann dieser Ansatz nicht greifen.

Ressourcen im Familiensystem

"In der Familie sind z.B. bestimmte Rituale vorhanden, um mit schwierigen Situationen umzugehen", so Panhofer. "Durch gezielte Fragen können auch andere Ressourcen im Familiensystem zum Einsatz kommen." Dabei könnten Ärzte von systemischen Therapeuten einiges profitieren: In einer sehr kurzen Zeit kann der Patient etwa die Situation in seiner Familie oder auch konkreten Arbeitssituation aufzeichnen. Allein diese Visualisierung kann Ressourcen bewusst werden lassen, Veränderungen auslösen. 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben